Tao Schirrmacher / Foto: Rainer Tögel
Aktuell, Kultur

Die Welt unter der Welle: Dieser Mann taucht Fundstücke aus dem Eisbach und findet Geschichten

Myriam Zeh

Ein Diamantherz, Sonnenbrillen, ein Analplug, ein Hakenkreuz und Ringe mit persönlichen Gravuren. Oben rauscht die Eisbachwelle. Wenige Meter darunter liegt ein vollkommen eigenwilliges Archiv Münchens. Dort finden sich Dinge, die eigentlich nichts miteinander verbindet – außer dass sie alle im selben Bachbett gelandet sind.

Tao Schirrmacher kennt diese Welt unter der Welle. Als Surfer begann er zu tauchen da er zunächst nur wissen wollte, wo eigentlich all die Finnen landen, die von den Brettern abbrechen. Erst fand er Finnen und Sonnenbrillen, später einen Goldring von Bulgari. Er wurde zum Ausgangspunkt seiner Sammlung „Lost and Drowned“, die nun unter dem Titel „Eisbach Treasures“ im Haus der Kunst zu sehen ist.

Was dort ordentlich in den Glaskästen liegt, lässt sich nicht einfach vom Grund aufheben. Jede Sache hochzuholen bedeutet Mühe. Für einen kleinen Ring muss Schirrmacher teilweise 30- oder 40-mal im Kreis tauchen. Rein in die Strömung, wieder raus, sich merken, auf welcher Höhe der Ring lag, und beim nächsten Versuch erneut nach ihm greifen. Manchmal dauert es sogar mehrere Tage, bis ein Gegenstand schließlich wieder an die Oberfläche kommt. Der Eisbach gibt seine Schätze eben nicht freiwillig her.

Dafür lässt sich an ihnen inzwischen fast eine kleine Zeitreise ablesen. Alte Tastenhandys liegen neben neueren Smartphones, frühere Sonnenbrillenformen neben den Trends der letzten Jahre. Vom Reichspfennig aus dem Jahr 1924 bis zum aktuellen iPhone ist alles dabei.

Tao Schirrmacher / Foto: Judith Buss

„Sinn und Zweck der Sache ist das Zurückgeben“, sagt Schirrmacher. Oft werde er gefragt, warum er wertvolle Stücke nicht einfach einstecke oder verkaufe. Im Austausch bekomme er jedoch etwas viel Wertvolleres: die Geschichte hinter den Fundstücken.

Bei manchen lässt sie sich nur erahnen, wie beispielsweise bei dem Besteck und dem Taschenrechner die im Glaskasten nebeneinander liegen. Vielleicht stammen sie von einem Picknick mit Nachhilfe im Englischen Garten. Vielleicht war die Matheaufgabe so frustrierend, dass der Taschenrechner direkt im Eisbach landete. Was wirklich passiert ist, bleibt offen.

Andere Geschichten lassen sich tatsächlich zurückverfolgen. Ein Ring der Münchner Werkstätten führte Schirrmacher über eine Gravur schließlich bis zu einem Pokerspieler in London. Der hatte ihn Jahre zuvor bei einem nächtlichen Nacktbad im Eisbach verloren. Seine Begleitung griff nach seiner Hand und zog ihm dabei den Ring vom Finger. Der verschwand im dunklen Wasser und tauchte erst Jahre später wieder auf. Zurückhaben wollte der Mann ihn trotzdem nicht. Er hatte sich einen neuen bestellt und überließ den alten Ring der Sammlung. So liegt er heute im Haus der Kunst und erzählt von einer Münchner Nacht, die ohne Schirrmachers Fund wohl für immer auf dem Grund des Eisbachs geblieben wäre.

Gerade solche Geschichten zeigen, dass sich der Wert eines Gegenstands nicht allein am Material messen lässt. In vielen Ringen stehen Namen, Jahreszahlen oder Widmungen an „Oma und Opa“. Ein kleiner Anhänger aus Plastik kann für jemanden mehr bedeuten als ein Goldring. Der ideelle Wert ist oft viel höher als der Versicherungswert.

„Lost and Drowned“ funktioniert deshalb inzwischen wie ein eigenes Eisbach-Fundbüro. Immer wieder melden sich Menschen bei Schirrmacher und fragen nach Handys, Ringen oder Schlüsseln, die sie im Wasser verloren haben. Einige Smartphones konnte er mithilfe gespeicherter Notfallkontakte bereits zurückgeben.

Besonders eindrücklich sind die verlorenen GoPros. Ihre letzten Aufnahmen ähneln sich oft: Die Kamera fällt ins Wasser, sinkt zu Boden und filmt noch, wie Hände vergeblich nach ihr greifen. Auf den Speicherkarten geht die Reise dann weiter: Wanderungen, Wasserausflüge, Malaysia, lachende Gesichter und all die Momente, die unbedingt festgehalten werden sollten. Die Kameras waren überall auf der Welt unterwegs und landeten am Ende doch alle im Eisbach.

Mit dem Verlust der Kameras verschwanden diese Erinnerungen jedoch nicht endgültig. Im Haus der Kunst werden einige der Aufnahmen nun wieder abgespielt und von fremden Menschen betrachtet. Für die visuelle Umsetzung der Fotografien und GoPro-Videos war Matthias Springer mitverantwortlich. So erhalten private Momente, die beinahe auf dem Grund des Eisbachs vergessen worden wären, ein unerwartetes zweites Leben.

Dass seine Sammlung ausgerechnet im Haus der Kunst gezeigt wird, war lange Schirrmachers Wunsch. Nur wenige Meter liegen zwischen dem Museum und dem Ort, an dem all diese Dinge verloren gingen.

Bis zum 7. Februar 2027 erzählen die „Eisbach Treasures“ dort keine große Geschichte Münchens. Dafür viele kleine: von einer wilden Nacht, einer Reise, einem Picknick oder einem Schmuckstück, das vielleicht noch zu seinem Menschen zurückfindet.

Denn am Ende sind es genau diese kleinen Geschichten, die München ausmachen.

Tao Schirrmacher / Foto: Judith Buss

Foto Tao Schirrmacher: Rainer Tögel

Fotos Ausstellung: Judith Buss