Kinogucken

The dangers of selfies

Thomas Empl

Schreibt seit 2012 für mucbook über Kino, meistens Filmkritiken, hin und wieder auch mal Theater. Als Münchner in Köln unterwandert er im Moment den Westen und arbeitet dort als Schriftsteller. Ist aber trotzdem ständig in München, der besten Stadt der Welt.
Thomas Empl

Man hätte diesen Film vor zehn Jahren nicht machen können. Ein Teenager läuft durch die Menschenmassen seiner Schule und überall um ihn herum fliegen Chatblasen, Facebook-Updates, E-Mails und Internetseiten. Nicht absolut jeder hatte ein Smartphone oder Tablet in der Hand – und Jason Reitmans neues Werk #Zeitgeist hätte wohl auch keinen Hashtag im (deutschen) Titel gehabt.

iPads

Reitman fertigt eine Collage – oder eine Cloud, wenn man so will – unserer internetgeprägten Gesellschaft, indem er den Blick auf mehrere amerikanische etwa 15-jährige Schüler und ihre Eltern wirft. Ein Ehepaar liegt gelangweilt im Bett und spielt auf zwei iPads miteinander Online-Scrabble. Nach der Scheidung seiner Eltern widmet sich der Sohn nun lieber Guild Wars statt dem Football. Ein Vater (Adam Sandler nach Ewigkeiten mal wieder in einer ernsteren Rolle) sucht im Porno-Verlauf seines Sohnes nach Ersatz für das ausbleibende Eheliebesleben.

#Zeitgeist will „das Internet“ weder verteufeln noch verklären. Reitman scheint schlicht eine pragmatische Es lässt sich nicht mehr aufhalten – Einstellung zu vertreten. Selbst die abgefuckten Elemente, wie etwa die fiktionale „prettybitchesdonteat.com“ – Website, der eine Schülerin verfallen ist und auf der man sich im Chat das Stück Kuchen vor einem ausreden lassen kann. Gibt’s eben alles. Es ist wie es ist.
Auf der anderen Seite die Eltern: Eine der Mütter (Jennifer Garner) kontrolliert sämtliche Nachrichten ihrer Tochter, ruft zu schrecklichen Elternrunden zusammen und verteilt „The dangers of selfies“ – Pamphlets. Auch der falsche Weg.

Kontrolle

In der ersten Stunde des Films bildet Reitman diesen Zeitgeist beeindruckend breit gefächert ab. Leider hat er nicht allzu viel dazu zu sagen. Anders als etwa bei Thank you for Smoking oder Up in the Air – Filme, bei denen man blinzelt und sie sind vorüber – geht ihm diesmal der Schwung des starken Beginns etwas verloren. Seinen Men, Women & Children (so der Originaltitel) passiert nicht mehr viel Überraschendes. Viele von ihnen bleiben gänzlich eindimensional. Und einige der vielen Handlungsstränge enden genau so, wie man es erwartet.

Schließlich bleiben die großen Themen nun mal die gleichen. Ja, diesen Film hätte es vor zehn Jahren nicht geben können. Aber es war schlicht schon immer schwer, erwachsen zu werden oder zu sein. Ob vor zehn, zwanzig oder hundert Jahren. Menschen verlieben sich, sind glücklich – mit oder ohne Internet. Andere sind einsam und allein – mit oder ohne Internet.

#Zeitgeist läuft seit heute in diesen Kinos. In City und Monopol auch als OmU.

Der sehenswerte, dialogfreie Trailer:

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons