Kultur, Live

Theaterhass und Frauenquote – zum Ende von RADIKAL JUNG

Juliane Becker

Die Tore schließen sich, das Zelt wird abgebaut, das Bier wieder eingelagert: Radikal Jung ist zu Ende, die Gewinner stehen fest. Die letzte Diskussion der Regisseure steht an.

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Es ist eine Aussage, die sich oft wiederholen wird: „I hate theatre.“ Und das ausgerechnet von den Theaterschaffenden des diesjährigen Regiefestivals.

Sowohl die durch Eyal Weiser und Saar Székely vertretene israelische Fraktion, als auch der Franzose Julien Gosselin können keine Liebe für die gute alte Schaubühne empfinden. Gosselin, Regisseur von Les Particules élémentaires und Gewinner des Publikumspreises, ist bei der sonntäglichen Diskussion im Festivalzelt nicht besonders gut gelaunt und ergeht sich in regelrechten Hasstiraden über das gute alte Theater. Es sei zu vermodert, zu antik, und auch noch stolz darauf. Und Politik, Gewalt und Poesie könne man darin auch nicht unterbringen. Außerdem sei er ständig nur damit beschäftigt, Geld aufzutreiben.
Performativität, das ist es, was sie alle suchen. „Sometimes you need to be violent“, fügt Weiser hinzu. Sein Stück This Is The Land kritisiert das eigene Land – in Israel ein gewagter Schachzug. Nicht umsonst wurde er dafür mit dem diesjährigen Masterclass-Award des Festivals ausgezeichnet.

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Jessica Glause, Tarik Goetzke.

Jessica Glause, die mit Dear Moldova, can we kiss just a little bit? eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Leben Homosexueller in Moldawien anstrebte, darf sich gleich am Anfang der Quotenfrage stellen; von zwölf eingeladenen Künstlern sind gerade einmal vier weiblichen Geschlechts. Ob sie das beeinflusst hätte? „Es fehlen Idole“, sagt Glause. Nichtsdestotrotz sehe sie das Leben einer Regisseurin nicht anders als das eines Regisseurs. Durchbeißen müsse man sich immer.

Die Einzigen, die offenbar aus reiner Liebe Theater machen, sind Tarik Goetzke und Abdullah Kenan Karaca. Letzterer studiert Regie in Hamburg und präsentiert seit letztem Jahr sein sehr sehenswertes Stück Der große Gatsby auf der kleinen Bühne des Volkstheaters. Ein gerademal 24jähriger, alter Hase im Theaterbusiness, weit davon entfernt, sich erst beweisen zu müssen. Aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie produzieren Theater und Performances, um Fragen aufzuwerfen. Sei es durch die klassische Zuschauer-Darsteller-Konstellation oder durch Anweisungen gebende Computerprogramme. Wie schön es doch ist, so viele junge Kreative in München zu haben, freut sich Annette Paulmann, die in der diesjährigen Jury sitzt. Auch wenn man nicht auf alle Fragen Antworten fände.

Radikal Jung 2014 endet, wie es begonnen hat – mit einer großen Party. Und obwohl man sich selbst so international präsentiert, ist um 1 Uhr schon Zapfenstreich. Münchner bleibt halt doch Münchner.

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