Aktuell, Kultur, Nach(t)kritik

Trieb. Angst. Traum. – „In spite of Wishing and Wanting“

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Die Tanzwerkstatt Europa eröffnete mit der Wiederaufnahme von „In Spite of Wishing and Wanting“ des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus und einem komplett neuen Cast seiner Tanzgruppe Ultima Vez.

Zwei Männer in Anzug setzen sich auf zwei Stühle, vor denen zwei Mikrofone stehen. Diese sind mit einer Schnur verbunden, deren Enden die Männer sich wie Zaumzeug um den Kopf schlingen. Sie flüstern sich – zwei nebeneinander hertrabenden Kutschpferden gleich – zu, „insieme un gran viaggio“ machen zu wollen. Eine große Reise, wohin? In ein Land der Träume, frei von Zwängen?

Angst und (An-)Mut

Zwischen Traum, Trieb und Risiko einerseits und der Realität, Vertrauen sowie dem Wunsch nach Sicherheit andererseits – quasi um ein Universum eines fantastischen „Dazwischen“ – dreht sich die ganze eindrucksvolle Inszenierung. So stehen die anderen neun Tänzer in dieser ersten Szene in starkem Kontrast zu den beiden Sitzenden: Ungestüm und wild „galoppieren“ sie umher, wie junge Hengste strotzen sie vor Kraft und Energie, schlagen aus, springen mit Leichtigkeit über die Schnur zwischen den sitzenden Männern. Ein „Pferd“ verweigert den Sprung über das hohe Hindernis, dabei ertönt laut das Wort paura, Angst.

UV_InSpite_2_(c) Danny Willems

Innigkeit, Nähe, Zärtlichkeit: Auch in einer reinen Männerwelt

Die überwindet das Tier jedoch – wie um sich selbst seinen Mut zu beweisen, springt es. Jedes mouvement wirkt dabei authentisch, die Tänzer haben die Bewegungen der anmutigen Tiere genau studiert, selbst die misstrauischen Seitenblicke der sich allmählich beruhigenden Tänzer gleichen einem Pferd, das argwöhnisch die Ohren anlegt.

Ein Mann mit Gerte tritt auf und schwärmt von den kraftvollen Tieren: „Full of power, full of energy, full of life“ seien sie –  ein Inbegriff des Männlichen. Kräfte messen, sich nicht zähmen lassen, unerschrocken Risiken eingehen, sich Machtkämpfe liefern, frei und wild sein. Doch ist das die Realität? Steckt im Mann außer den Instinkten und jeder Menge Testosteron nicht auch ein mindestens genauso großes Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit, Freundschaft und Vertrauen? Was wollen, wünschen, wonach sehnen sich Männer?

„I wanted to be so many things!“

Sich zu verwandeln, sei es in einen Schwamm auf dem Meeresgrund, einen Riesen, einen kraftvollen Panther oder am liebsten frei zu sein wie ein Vogel – diese Wünsche teilen sich die Tänzer in gesprochenen Mono- und Dialogen mit. Das Verlangen nach Transformation entsteht aus der Angst, von etwas besessen oder beherrscht zu werden – von unsteuerbaren Träumen, von animalischen Trieben oder von einem übermächtigen Alphatier. Diese kontroversen Gefühle setzen die elf männlichen Tänzer mit einer unglaublichen Überzeugung und Spannung um: Ein Tänzer verkörpert diese starke Angst mit der Körperhaltung eines sich fürchtenden Kindes, das sich nur in einem Schlafhemd vorsichtig an ein Federkissen herantastet. Als das Kissen explodiert, ertönt grässliches Gelächter, das Kind schreit und ändert seine Haltung zu der eines wilden Raubtiers: Mit animalischen Geräuschen zieht sich der Tänzer nackt aus, fasst wie besessen seinen Penis an und als ihn ein anderer besänftigen will, beißt er ihn. Dennoch schafft der andere Tänzer es, den Wilden zu beruhigen; er wünscht „buona notte“ und alle Tänzer nehmen eine Schlafposition ein – jedoch im Stehen, wodurch sie wie Statuen wirken.

UV_InSpite_1_(c) Danny Willems

Traum oder Wirklichkeit?

Die Magie des Schlafs

Zum ersten Mal im fast zweistündigen Stück ertönt eine Melodie und die Männer tanzen anmutig mit eleganten, harmonischen Bewegungen durch den Raum. Es regnet Federn und sie drehen sich um sich selbst, um die anderen – und um die Auseinandersetzung mit Traum und Realität. Diese magische Zwischenwelt wird durch warme Lichter versinnbildlicht, die die Tänzer zu Funkmusik in ihre dynamische Choreografie miteinbeziehen und dieser dadurch etwas Mystisch-Kultisches verleihen.
Die Faszination des Schlafs ist ein weiteres zentrales Element. Immer wieder erzählen die Männer mit Wort und Tanz von ihren Träumen. Den Traum vom Fliegen verwirklichen die Tänzer auf atemberaubende Weise, indem sie mit sportlicher Höchstleistung aus dem Liegen über einen Meter nach oben springen und einen Moment horizontal in der Luft „fliegen“. Auch der Konflikt zwischen Primitivem und Zivilisiertem kommt wiederholt vor: Etwa als die Tänzer in der Hocke kauernd die Zähne der anderen furchtvoll betrachten und wie Höhlenmenschen gestikulieren. Oder als das „Kind“ lernen soll, mit Messer und Gabel zu essen – dann aber das Messer gegen die anderen erhebt.

Eine Welt ohne Frauen: Machtkampf unter Männern?

Zu rhythmischer Musik tanzend symbolisieren die Männer in „slow motion“ und mit Hebefiguren einen Ringkampf; zwischendrin nehmen einzelne Tänzer aber immer wieder die Schlafpose ein: Sind sie wach oder schlafen sie? Das jugendliche Kräftemessen entwickelt sich zu einer aggressiven Massenschlägerei – doch plötzlich springen die Männer in akrobatischer Manier in die starken Arme der anderen: voller Vertrauen. „I have three friends“, erzählt ein Asiate begeistert. Obwohl die Männer in verschiedenen Sprachen reden, versteht man immer, worum es geht und was sie verbindet: Das Mannsein.

Ultima_Vez_1

„Flying“

Das heißt jedoch nicht nur Kräftemessen und Männerfreundschaften, sondern auch Innigkeit, ja gar Erotik. In einer Szene hält jeder Mann eine Orangenhälfte in der Hand und sucht jeweils das passende Gegenstück zu dieser Frucht – dann tanzen die Männerpaare so sinnlich und vertraut miteinander, wie man es im klassischen Tanz sonst nur zwischen Mann und Frau kennt. Die Tänzer erzählen zwar von der schönen Annamaria und ein Mann verkörpert eine verführerisch tanzende Frau – doch insgesamt kommt die Inszenierung nur mit den Männern aus, die gar nicht nur „harte Kerle“ sind, sondern auch weiche Seiten zeigen.

Ergänzt wurde das Stück durch zwei Kurzfilme des Choreografen selbst, die sich auf absurd-groteske Weise mit denselben Themen auseinandersetzen. „In spite of Wishing and Wanting“ war eine atemberaubende Vorstellung, bei der die tänzerische Leistung, theatrale und filmische Elemente und die Musik von David Byrne in Einklang standen – und so erntete das Ensemble um Wim Vandekeybus zu Recht tosenden Applaus.

Weitere Vorstellungen der Tanzwerkstatt findet ihr hier.

Fotocredits Titelbild/ Beitragsfotos: © Danny Willems

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