Aktuell, Kultur

Dance, Performances und viel „Dazwischen“: 10 Tage Tanzwerkstatt Europa

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich
Dance, dance, dance…

Elf Männer, die mit ihrem wilden, verspielten Tanz die Urbedürfnisse in einer reinen Männerwelt zum Ausdruck bringen. Eine sportliche Tänzergruppe, die sich an der Gleichgewichtsgrenze bewegt. Ein einzelner Tänzer, der mit der eigenen Fremdheit, dem Fallen und der unendlichen Endlichkeit seines Ichs spielt. Interaktive Performances rund um Worte mit dem Anfangsbuchstaben „P“, die jegliche Grenzen (des Publikums) ausreizen. Und Tänzer, die 24 Stunden lang eine Gratwanderung zwischen körperlicher Erschöpfung und künstlerischer Ausdrucksform vollziehen: Das Programm der diesjährigen Tanzwerkstatt Europa ist vielversprechend, außergewöhnlich und bietet neue Perspektiven auf den (zeitgenössischen) Tanz.

Die Eröffnung macht der Belgier Wim Vandekeybus am 27. Juli mit seiner atemberaubenden Neuauflage von„In Spite of Wishing and Wanting“. Eine Gruppe männlicher Tänzer wandelt zwischen Traum und Realität, Vertrauen und Risiko, Licht und Dunkel – also stets in einem Universum des Gegensätzlich und des „Dazwischen“. Auch der derzeit talentierteste französische Choreograf Noé Soulier (2. August) erzeugt ein Spannungsfeld in seiner spielerischen Komposition aus Soli, Duetten und Quartetten: Mit „Removing“ ermöglicht er eine empathische Perspektive auf den Tanz selbst, aber auch dessen Erforschung; er bewegt sich somit zwischen Choreografie und Philosophie.

Werkstatt für neue Ideen und Ästhetiken im zeitgenössischen Tanz und der Performance-Kunst
TWE_2016_Noe_Soulier_2

„Removing“ von Noé Soulier, © Chiara Valle Vallomini

Das Tanzfestival, nun zum 26. Mal von Joint Adventures und dem Münchner Kulturreferat veranstaltet, ist auch dieses Jahr wieder ein Hot Spot der internationalen zeitgenössischen Tanzszene und Treffpunkt für Tanzprofis und Amateure aus München und der ganzen Welt. Zehn Tage lang ist die Werkstatt Raum für neue Ideen und Ästhetiken im zeitgenössischen Tanz und der Performance-Kunst. Zudem bietet sie mit einem vielfältigen Angebot an Workshops und choreografischen Labs einen Einblick in künstlerische Arbeitsweisen. Das zweitägige Symposium „(re-)combining the in-between“ (30.-31. Juli) setzt sich zudem mit dem theoretischen Begriff der „Liminalität“ auseinander, einer Schwellenphase im Dazwischen, die auch in der zeitgenössischen choreografischen Praxis ein wichtiges Element geworden ist. Es eröffnet Schnittstellen zu anderen zeitgenössischen Kunstdisziplinen und auch die Trennung zwischen Tanzenden und Zuschauern löst sich in einen Raum kollektiver körperlicher Einheit auf: Subjektive Interaktion wird zum sozialen Ereignis.

„Liminalität“ – Verhandlungsraum zwischen Performern und Publikum

Das wirft auch einen anderen Blick auf einige Performances, wie etwa „boom bodies“ der österreichischen Choreografin Doris Uhlich (30. Juli), deren acht zu Technomusik ravende Tänzer zum Epizentrum von Aktion und Veränderung – auch des Publikums – werden. Auch die Arbeiten des Katalanen Pere Faura (29. Juli) spielen mit der Beziehung der Tanzenden und den Erwartungen der Zuschauer: In der Choreografie „Striptease“ geht er der Frage nach, wann ein Körper in Bewegung als „Kunst“ wahrgenommen wird, wann als Sexobjekt. Der Münchner Choreograf Stephan Dreher (4. August) setzt sich ebenfalls mit dem Begriff der „Kunst“ auseinander: Inspiriert von dem Wunsch, für immer zu tanzen, inszeniert er einen „Dancing Marathon“ – doch ist ein 24-stündiger Tanz noch Kunst oder einfach nur körperliche Anstrengung? Trotz Erschöpfung folgt das tanzende Paar klaren choreografischen Regeln und zeigt so die Konzeption einer „zählbaren Zeit“ auf.

Bei der Open Stage „Who’s next?“ (5. August) bieten ausgewählte Workshop-Teilnehmer neue Stücke dar; und zum Abschluss präsentieren am 6. August alle Kursteilnehmer mit ihren Dozenten die Resultate der Workshops. Danach werden die Inspirationen und Eindrücke der Tanzwerkstatt bei der legendären Abschlussparty im Muffatwerk gefeiert.
Das gesamte Programm findet ihr hier.


In aller Kürze:

Was? Festival „Tanzwerkstatt Europa“ – Performances, Workshops, Vorträge
Wo? Tanztendenz / Muffathalle / Teamtheater / Schwere Reiter / Lost Weekend
Wann?  Von 26. Juli bis 6. August 2016

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons