Kultur, Nach(t)kritik

Wagner war ihm wichtiger

Annette Walter
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Ludwig II 1

Der König, der Richard Wagner den Bayern vorzog – Ludwig II. von Ivo von Hove hatte vergangene Woche an den Münchner Kammerspielen
Premiere. Annette Walter war für mucbook dabei.

Luchino Viscontis Film Ludwig II von 1972 trug dazu bei, dass der bayerische Märchenkönig nicht von einem Schwall von Kitsch erdrückt wurde. Ähnlich wie Kaiserin Elisabeth von Österreich fand im Lauf der Zeit eine Mystifzierung seines Charakters statt. Viele Wünsche und Sehnsüchte werden und wurden in die verstorbenen Monarchen projiziert.

Ivo von Hoves Adaption des Viscontis-Films in den Kammerspielen zeigen Ludwig als musikliebenden Wagner-Förderer, als zerrissenen Herrscher, der unter der immensen Last seiner Verantwortung zerbricht. Das Stück zeigt ihn als Mann, der die Ehe mit Elisabeths Schwester Sophie verweigert, homosexuelle Neigungen verspürt und auslebt. Alles in allem eine düstere Angelegenheit. Und so fehlt der statischen und kühlen Inszenierung jeglicher Pomp. Es ist kein Spaß, der Märchenkönig zu sein.

Hoves Regie ist psychoanalytisch: Er seziert den Gemütszustand des Königs, der mit Fortschreiten der Handlung immer labiler wird. Mit dem Schaupieler Jeroen Willens als Ludwig II. wird entsprechend nicht mal ansatzweise versucht, durch Kostüm oder Maske irgendeine Ähnlichkeit zum historischen Ludwig herzustellen.

Das Bühnenbild ist kahl, die Phantasie des Zuschauers gefordert. Willems gibt einen sehr müden Ludwig II. Besonders deutlich wird dies in den Szenen mit Brigitte Hobmeier als Kaiserin Elisabeth II, die im Gegensatz zum Bühnen-Kini als Energiebündel über die Bühne tollt. Willems Intonation ist ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Ludwig wird als weitsichtiger Herrscher skizziert, wenn er im Gespräch mit seinem Stallmeister äussert: „Von eurem Werk werden nur die Leichen auf den Schlachtfeldern zeugen während man über das Werk von Wagner noch Jahrhunderte lang sprechen wird, da Kunst wahrhaftig ist.

Zwei populäre Elemente des zeitgenössischen Theaters setzt von Hove ein und beide bereichern die Inszenierung: die Kamera und die Sprengung des geschlossenen Raums.

Einen Teil der Bühnenhandlung rezipiert der Zuschauer als Filmaufnahmen: Die Kamera filmt ein Schlosszimmer, das für den Theaterzuschauer aber unzugänglich bleibt und in dem sich die Dramen rund um Ludwig abspielen. Die Kamera distanziert den Zuschauer noch stärker vom Geschehen und verstärkt die unterkühlte Stimmung der Inszenierung.

Eine Identifikation mit einer Figur ist problematisch. Die Handlung verlässt die Bühne und erobert neue Räume. Wenn Ludwig und Professor von Gudden am Ende zu ihrem berüchtigten Spaziergang aufbrechen, von dem sie nicht mehr zurückkehren werden, dann flanieren die beiden mit ernsten Mienen von der Garderobe, an der sie ihre Mäntel abholen, auf die Maximilianstraße und ziehen weiter durch die Finsternis, die sie schließlich verschluckt.

Das Theaterstück Ludwig II führt exzellent vor, was für eine verrückte Sache die durch Geburt und ohne eigenes Zutun erworbene Regentschaft in Bayern doch war. Wie beruhigend, dass Staatsmänner heute, wenn sie adlig sind, aber Fehler begangen haben, abtreten können.

Foto: Jan Versweyveld

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