Kultur, Nach(t)kritik

Castorf am Residenztheater: „Reise ans Ende der Nacht“

Annette Walter

Journalistin. Mag München als zweite Heimat, naturgemäß. Popkulturelles auch.
Annette Walter

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v.l. Fatima Dramé, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Britta Hammelstein

„Lügen, Ficken, Sterben“ – wie dieser Satz aus der „Reise ans Ende der Nacht“, der Castorf-Inszenierung am Münchner Residenztheater, haut das ganze Stück rein. Gefällt nicht allen.

Das Münchner Theaterpublikum ist schon manchmal putzig: In der Pause des wilden Spektakels „Reise ans Ende der Nacht“, als zwei Stunden Theater vergangen sind, stürmen viele BesucherInnen an die Garderobe und krallen sich ihre Mäntel, um möglichst schnell abzuhauen. Nach der Unterbrechung bleiben zahlreiche Plätze im Parkett leer. Vorteil: Als RezensentIn hat man auf einmal viel mehr Beinfreiheit.

Rätselhaft, mit welchen (fehlgeleiteten) Erwartungen die geflüchteten ZuschauerInnen gekommen sind. Es ist ja nicht so, dass man nicht wüsste, was einen als ZuschauerIn bei einer Castorf-Inszenierung erwartet, oder? Wohlfühltheater ja wohl nicht. Denn nicht nur vom Ensemble wird viel gefordert, auch vom Publikum. Und das ist gut so, auch wenn diese turbulente Inszenierung bisweilen irritiert.

Darum geht’s: Das Stück basiert lose auf Célines Roman von 1932 über die Odyssee eines Mannes namens Ferdinand Bardamu. Er erlebt den ersten Weltkrieg, landet nach einer Station in Afrika in Detroit, wo er in einer Fabrik malocht, trudelt irgendwann in Paris ein und arbeitet dort als Arzt für die Ausgestoßenen und Armen.

Zwischen all diesen Schauplätzen springt auch die Inszenierung wild hin und her. Auf einem Schiff vor Afrika beginnt die Reise, während der sich Ferdinands Gewissheiten verflüchtigt haben, wenn die Welt sich in all ihrer Grausamkeit offenbart. Da mutet der Leitsatz der französischen Revolution „Liberté, Egalité, Fraternité“, der auf einem Schild über der Bühne steht, wie Hohn an.

Als Soundtrack dazu dröhnt „The Passenger“ aus den Boxen. Iggy Pops Song klang schon lange nicht mehr so rau und aufregend wie in diesem Kontext: „We’ll be the passenger, we’ll ride through the city tonight, see the city’s ripped insides”. Das passt gut zum Schlachtfeld, das sich auf der aufwändig gestalteten Bühne auftut, ein Bretterverhau mit integriertem Lieferwagen, in dem sich die SchauspielerInnen aufeinander werfen, liebkosen und streiten, Castorf-typisch gefilmt vom Videoteam und für die ZuschauerInnen auf einer Leinwand zu verfolgen.

Die Rolle des Ferdinand teilen sich Frank Pätzold und Bibiana Beglau und beide spielen so intensiv, so körperlich, dass es faszinierend ist, ihnen dabei zuzusehen. Aber auch die anderen SchauspielerInnen üben auf der Bühne Hochleistungssport aus: Katharina Pichler etwa als wasserstoffblonde Sexarbeiterin Molly.

Wenn am Ende Bob Dylans „Things have changed“ ertönt, ist man nach fast viereinhalb Stunden erschöpft, aber auch inspiriert. Für das großartige Ensemble klatschen die verbliebenen ZuschauerInnen am Ende um so doller.

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