Aktuell, Nach(t)kritik

Woyzeck im Resi: Gefangen im Hamsterrad dreht sich alles

Sandra Langmann

Auslandsösterreicherin mit einer Vorliebe für München, Schreiben, Kaffee und Me(eh)r.
Sandra Langmann

Alles hat sich gegen ihn verschworen. Gegen Woyzeck, der in der dunklen Welt, von der Gesellschaft gepeinigt und mit seinen Gedanken alleine gelassen wird. Nicht fähig zu handeln und dem Kreislauf zu entfliehen, fügt er sich den Stimmen in seinem Kopf und tötet schließlich seine Geliebte.

Und so kam’s:

Der Soldat Franz Woyzeck, gespielt von Nicola Mastroberardino, schreit seine Verzweiflung in die Welt hinaus. Doch es ist ein Schrei, den niemand hört. Er verstummt innerlich. Mit einem Blick ins Leere sieht er weit über das Publikum hinweg. Als würde dort etwas warten, was ihn hören könnte. Doch anstatt Gehör zu finden, geht es immer weiter. Schritt für Schritt, im Rhythmus des Orchesters, das ihn im endlosen Kreis begleitet.

Alles dreht sich

Die Bühne im Residenztheater dreht sich an diesem Abend. Regisseur Ulrich Rasche hat eine schwarze Platte inmitten der ebenfalls dunklen Bühne platziert, die sich ständig, aber langsam in alle Richtungen bewegt. Darauf die Schauspieler, die sich deren Bewegung fügen müssen. Schritt für Schritt, mal am Seil hängend, mal geradeaus schauend. Ein Fuß nach dem anderen und ohne Rast bringt Ulrich Rasche die Tragik der menschlichen Existenz auf die Bühne.

Vorlage für diese düstere Stimmung und Weltanschauung ist Georg Büchner, der das unvollendete Drama Woyzeck nach seinem Tod als Fragment zurückgelassen hat. Zwar dramatische Fiktion, bediente sich Büchner aber historischer Quellen zeitgenössischer Mordfälle. Allen voran der Fall des entlassenen Soldaten Johann Christian Woyzeck, der 1821 seine Geliebte erstach. Rasches Woyzeck tut es ihm gleich: Mit einer Wortgewalt, die einem entgegengeworfen wird, ist die Tötung seiner geliebten Marie der Höhepunkt der Inszenierung – mit Paukenschlag und Rhythmen, die den Boden vibrieren lassen.

Franziska Hackl als Marie

Trommelwirbel

Die lang ersehnte Szene hat aber lange auf sich warten lassen. Erst nachdem Ulrich Rasche seine Schauspieler*innen Kilometer um Kilometer auf der Scheibe laufen lässt, ein Sprechschwall dem nächsten folgt und mehr als zwei Stunden vergehen, war es Woyzeck gestattet, seine Geliebte aus Eifersucht zu ermorden. Als habe es die Pause gebraucht, damit das Sprechtheater endlich Fahrt aufnimmt und sich das Orchester vollends entfalten kann. Ohne die düstere, aber doch Spannung aufbauenden Melodien hätte das Stück die Wirkung wahrscheinlich verfehlt. Auch wenn die Schauspieler*innen wie Franziska Hackl (Marie) mit langen Textpassagen, Aussprache und Ausdauer überzeugten, zieht sich das Stück in die Länge.

Dennoch: Gezeigt wird eine Gesellschaft, die anstatt Empathie zu zeigen, den Mitmenschen auch noch quält. Woyzeck passt da nicht hinein und sein Scheitern ist von Beginn an vorprogrammiert. Sein Geist erkrankt und er geht langsam zu Grunde. Woyzeck wird ertappt, verurteilt und für unzurechnungsfähig erklärt. Dem Kreislauf konnte er nicht entkommen. Eine Gesellschaftskritik, aktuell wie eh und je.


Weitere Termine:

Dienstag, 25. Februar 2020
Mittwoch, 26. Februar 2020
Beginn jeweils 19:30 Uhr
Tickets: Gibt’s hier


Fotos: ©Sandra Then

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