Noah Saavedra
Aktuell, Kultur

Bad Banks, Freud und jetzt das Resi: Im Gespräch Noah Saavedra

Sandra Langmann

Kurzer Disclaimer: Dieses Interview wurde bereits im Februar geführt. Der COVID-19 Ausbruch wird aus diesem Grund nicht thematisiert.

Er spielt den Ben Kaufmann in „Bad Banks“ und „Freuds“ Partner in Crime Arthur Schnitzler – seine bislang größte Rolle verkörperte Noah Saavedra aber abseits vom Streamingdienst. Es war die Hauptrolle als Egon Schiele im Film „Egon Schiele – Tod und Mädchen“, für die er die Lorbeeren einheimste. Und jetzt hat er für zwei Jahre einen Vertrag im Münchner Residenztheater unterschrieben. Noch vor der Quarantäne haben wir uns mit dem österreichischen Schauspieler zusammengesetzt und über Wiener Dialektik, Schauspielkunst und Magie gesprochen.

In Wien werden die Schauspieler*innen gefeiert wie nichts Zweites. Sogar der Taxifahrer weiß, wer gerade beim Vorsprechen für das nächste Stück vorgesehen ist. In München ist das schon ein bisschen anders. Da kommen die Künstler*innen auch bei strömendem Winterregen mit den Öffis in die Kantine vom Resi, für eine Halb-Liter-Flasche Wasser, eine Portion Pommes mit Ketchup und ein Interview. Wie Noah Saavedra, der seit November 2019 in München wohnt.

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Er zieht sich die nasse Mütze vom Kopf, wuschelt mit der Hand durch die Haare, ein bisschen verpeilt, ein bisschen zu spät. Macht man eigentlich nicht, sorry, ein verlegenes Lächeln, passt.
Wenn man nicht weiß, dass der gebürtige Burgenländer, in der österreichischen Hauptstadt aufgewachsen ist, merkt man es ihm spätestens an, wenn er sich ein „Mineralwasser“ bestellt. Slang, langgezogen Vokale und „Ehs“ sucht man in seiner Ausspreche vergeblich– „gewienert“ wird bei ihm nicht mehr. Zu hart er sich das vier Jahre lang an der Berliner Schauspielschule abtrainiert und in seinem Mund „rumzimmern lassen“. „Meine Sprechdozentin, in allen Ehren, ich liebe sie, war immer so: ‚Jetzt gehst du nochmal raus, lässt deine Fremdsprache draußen, und dann kommst du wieder zurück.’“

Berlin statt Wiener Dialekt

Aber warum Berlin, wenn doch gerade Wien als die Hochburg des Theaters gilt? „Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch ist für ihre unglaubliche Sprechtechnik bekannt. In zig Stunden, viel mehr als an anderen Schauspielschulen, wird dir das sozusagen hinein geprügelt. Ob du willst oder nicht.“ Noah wollte das, um auch deutschlandweit spielen zu können. Ohne immer als Wiener abgestempelt zu werden. „In Wien wirst du hauptsächlich von Österreichern unterrichtet. Da ist man unter sich.“

Es ist aber nicht so, dass der heute 29-Jährige es nicht schon in Wien auf einen Versuch hätte ankommen lassen. Doch er hat abgebrochen – um auch eine andere Stadt kennen zu lernen und andere Erfahrungen zu gewinnen. Seine Karriere begann noch während seiner „Schauspielschulzeit“ in Österreich. „Ich hatte auch großes Glück“.

Wenn’s schnell geht

Zuerst wollte er noch Kindergärtner werden. Nach seinem Zivildienst ließ er es doch lieber bleiben. Als er gerade begann, Bewerbungen als Tischler zu schreiben, meinte eine damalige Bekannte, dass er sich beim Theaterjahr im Wiener Burgtheater bewerben könne. „Sie meinte, das sei was für Unentschlossene“. Das wollte er sich nicht zwei Mal sagen lassen. Im Rahmen des Projekts drehte er ein About-Me (dabei wird der Lebenslauf in die Kamera gesprochen, sozusagen eine aufpolierte Biographie), das ins Internet gestellt wurde. 1,5 Jahre später kam eine Casterin auf ihn zu. „Sie hat es in den Untiefen entdeckt. Und dann ging alles ganz schnell. Text auswendig gelernt, zwei Mal zum Casting gegangen. Zusage. Das war’s.“
Schneller, als er es wirklich fassen konnte, spielte er den kontroversen Wiener Künstler und weltberühmte Malerfigur Egon Schiele. Der Kinofilm hatte einen glücklichen Start, feierte 2016 – noch vor dem Schiele-Jahr 2018 – in 44 Ländern Premiere.

(Netter Side-Fact: Christoph Walz war in James Bonds “Spectre” 2015 nicht der einzige Österreicher. Noah Saavedra war dort kurz als Snowboarder zu sehen.)

Gleich heimste Noah zwei Preise ein: die begehrte Romy in Österreich und den Bunte New Faces Award in Deutschland. „So hat sich auch der Weg Richtung Deutschland eröffnet.“ Erst dann habe seine Ausbildung in Berlin begonnen, die er 2018 abschloss.
Die Rollen in „O Beatiful Night“ und „Lotte am Bauhaus“ – ergaben sich während der Ausbildung. „Das fiel ganz gut und ging sich schon aus“. Dazu kam nun „Bad Banks“ und seit März ist er auch in der Netflix-Krimi-Serie „Freud“ zu sehen.

Auf nach München

Dass er im 2018 an der Ernst Busch den O.E. – Hasse-Preis, den begehrten Preis für herausragende schauspielerische Leistungen, abstaubte, öffnete ihm die Türen vom Münchner Residenztheater . Eine völlig andere Form des Schauspiels und für ihn das Ziel, worauf Schauspieler*innen hinarbeiten. Es gab noch andere Angebote aus Berlin, Wien und Zürich und damit auch die Schwierigkeiten, sich entscheiden zu müssen. Im Sommer war er dann in London und traf auf die serbische Performance Künstlerin Marina Abramovic. Und sie riet ihm: “That way that puts you into the state of excitement and horror at the same time, that one you have to choose.“  Und Noah wusste, ok, dann ist es wahrscheinlich München.

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Als Privatperson wäre er wahrscheinlich nicht nach München gekommen. Vieles sprach dafür, genauso viel aber auch dagegen. Die Nähe zu Wien, der Charme, das Flair, die Politik – welche Punkte pro oder contra zuzuordnen sind, kann man sich an dieser Stelle wahrscheinlich selbst vorstellen.
Aber entscheidend war neben Frau Abramovic vor allem die Art des Theatermachens. „Ich bin gekommen und dachte, wo soll man Theater machen, wenn nicht hier. Wo soll man in den Konflikt und in die Diskussion, Kontakt und Konversation mit Publikum, mit echten Menschen treten. Wo man vielleicht mit seiner Ansicht aneckt oder in Diskurs gerät.“

Zu den Theater-Machern

Dass Schauspieler*innen mal mit einem Programmheft beworfen werden, Buhrufe oder Äußerungen aus dem Publikum während der Aufführung konfrontiert werden, das kannte er vor seiner Zeit in München nicht. „Die Zuschauer*innen tragen alle Anzüge und wirken fein und zurückhaltend, sind sie aber gar nicht. Hab‘ das mittlerweile vier Mal mitbekommen. Das ist echt oft. Aber es ist es ein Geschenk!“ Genau das mache das Theater ja so spannend – dass ein Diskurs stattfindet. „Im Theater passiert es ja genau jetzt. Und wenn man dem Publikum vor den Kopf stößt, dann könnte man sich rein theoretisch auch genau jetzt äußern. Und das machen sie auch.“

Am Münchner Resi ist Noah noch ein Frischling. Erst mit der letzten Spielzeit hat sein zweijähriger Vertrag begonnen, in zwei Stücken („Kassandra/Prometheus. Recht auf Welt“ und „Olympiapark in the Dark“) war er im Marstall zu sehen. Die dritte Inszenierung „Lola M“ sollte eigentlich am 25. April im Cuvilliéstheater Premiere feiern.

Dass er als Filmschauspieler gleich an so ein bekanntes Haus kam, hat er seiner eifrigen Agentin zu verdanken. Als er den O.E. – Hasse-Preis entgegennahm, wurde eine schöne Laudatio auf den jungen Mann gehalten und seine Agentin hat diese an verschiedene Theaterhäuser verschickt. „Und dann wurde ich hierher zum regulären Vorsprechen eingeladen. Das ist, wie in der Schule auch, ein bisschen Glück, wo du landest. Wer dich so nimmt, und wo man dann so hin will.“ Dank Marina Abramovic konnte er dann die für ihn richtige Entscheidung treffen.

In das Bühnengeschehen muss er sich noch einleben. Theater zu spielen ist mit dem filmischen Schauspiel aber auch schwer zu vergleichen. „Beim Film kommt es auf den magischen Moment an. Auf das perfekte Zucken hinter dem Auge, das die Kamera einzufangen vermag. Und du hast mehrere Versuche, bis es gelingt. Beim Theater hat man oft nur die eine Möglichkeit, aber das dafür etwa jeden vierten Tag. Dann gibt es eine neue Chance.“ Und da grübelt er schon, ob er den Anforderungen gerecht wird. „Ich habe Kollegen, die so virtuos sind und jede Form des Aufdiebühnegehens immer anders machen. Die haben so Spaß daran, das immer neu zu machen und anzubieten.“

Noah Saavedra
Noah Saavedra

Wen er bereits kennt, aber schon bald nicht mehr sehen kann, ist der Liebhaber. In dieses Rollenmodell wird er zu gerne hineingepresst. Dabei sind es ganz andere Rollen, die ihn reizen würden. Ihn interessieren die Randfiguren, Minderheiten und gefährliche Millieus. „Das Theater hat die Fähigkeit, der Minderheit eine Stimme zu geben. Und wenn man das mit der Verantwortung verknüpft… da haben viele Kolleg*innen wirklich tolle Arbeit geleistet.“

Eine diverse Gesellschaft sollte als „normal“ gelten

Noah Saavedra würde sich wünschen, dass es irgendwann als Normalität gilt, eine diverse Gesellschaft zu sein. Das Theater sei zwar offen und liberal und Klischees werden aufgezeigt. Dass es nicht mehr notwendig ist, mit Besetzungen Zeichen zu setzen. Sondern dass es ganz normal ist, dass zum Beispiel ein Schwarzer Hamlet spielt und seine Eltern weiß sind. Weil es nichts Besonders mehr ist, ein mixed race couple zu sein. „Es geht immer noch um die alten Geschichten, die jeden interessieren. Nur die füllen wir mit Homosexuellen, mit Transgendermenschen, mit POCs. Das würde mich interessieren. Dass man darüber hinweg ist.“

Vielleicht findet er mit diesen Gedankengängen in München Gleichgesinnte, vielleicht muss er aber auch weiterziehen. Vielleicht geht’s aber auch zurück nach Wien. Wo er nicht zu denen gehört, die ungeheuer Stolz darauf sind, Wiener zu sein. Sondern wo die Mutter Chilenin ist, bei der Oma zu Hause Spanisch gesprochen wird und die Familie zusammen kommt. Deswegen braucht er den Dialekt gar nicht, um seine Identität zu kennen oder in der Stadt anzukommen. Heimeligkeit hat er in München noch nicht gefunden, aber „tolle Brezn mit Butter gibt’s da.“


Beitragsbilder: ©Lucia Hunziker, Stefan Klüter

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