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Wartevergnügen – Sofia Coppolas “Die Verführten”

Thomas Empl

„The waiting is the best part“, hat Breaking Bad-Schöpfer Vince Gilligan neulich deklariert. Die Nacht vor Weihnachten sei für ihn schöner als das Geschenkeaufmachen selbst gewesen. Dieser Idee hat sich auch Sofia Coppolas neuer Film Die Verführten verschrieben. Wer in ihrem Südstaaten-Thriller auf Gewalt und Eskalation wartet – der wartet lange.

Wir befinden uns im amerikanischen Bürgerkrieg, irgendwo in Mississippi, es ist 1864. Ein Mädchen geht Rotkäppchen-artig summend durch den dunklen Wald – und trifft nicht den bösen Wolf (?), sondern einen schwer verwundeten Unionssoldaten (Colin Farrell). Sie schleppt ihn in ihr Mädchenpensionat, wo eine zurückgelassene Gruppe von Frauen und Mädchen den Bürgerkrieg ausharrt.
Die Leiterin (Nicole Kidman) will den unfreiwilligen Eindringling gesundpflegen und dann ausliefern, die anderen Frauen (u.a. Kirsten Dunst und Elle Fanning) sind sich da nicht so sicher. Eine nach der anderen schaut im Zimmer des schönen Mannes vorbei, der schnell zum neuen Mittelpunkt des Pensionats wird. Farrell spielt ihn ziemlich großartig, den hübschen Charmebolzen, der sofort erkennt, was seinem Gegenüber fehlt. Die eine sucht Liebe und Freiheit, die andere Lust, die nächste Freundschaft. Und Farrell sagt immer genau die richtigen Dinge.

The Beguiled

Wobei man rätselt, ob er sie auch wirklich so meint. Denn irgendetwas stimmt hier nicht, irgendetwas wird schiefgehen, auch wenn das keiner laut aussprechen muss. Richtig lange, viel länger als man erwartet, passiert gar nichts Großes. Es wird geredet, gegessen, gelacht und musiziert, der Soldat zieht die Damen in seinen Bann und keiner will mehr, dass er geht. Aber Coppola vermittelt die Spannung anders als übers gesprochene Wort. Der Wald und das Anwesen sind düstere Orte, in schummriges Gruselmärchen-Licht getaucht. Nie fällt die Sonne direkt aufs Geschehen, immer wird sie gefiltert von Bäumen, Vorhängen, schmutzigen Fenstern. Die Frauen beten im schwachen Kerzenlicht, im Hintergrund das Kanonendonnern des Krieges, das einen klassischen Filmsoundtrack ersetzt – da ist sie greifbar, die Atmosphäre, sonst ein zu oft verwendeter Begriff, hier in jeder Sekunde anwesend.

Coppolas Kameramann Phillipe Le Sourd filmt das im sehr selten verwendeten, engeren 1.66:1-Format, um die klaustrophobische Situation zu verdeutlichen. Licht, Kamera, Ton, sie alle unterstützen die Geschichte, machen das Warten aufs Ereignis zum Vergnügen.

The Beguiled

Irgendwann muss dann natürlich auch etwas passieren, Warten ohne Ergebnis, Weihnachten ohne Geschenke, ein Thriller ohne Blut, wären ja nur frustrierend. Kurz wird der Film in seiner Ordnung ein wenig unübersichtlich, die Präzision, die davor dauerspürbar war, geht etwas verloren. Jedoch kann sich Coppola dann auf ihre Figuren und Schauspielerinnen verlassen, die auch und gerade in ihrer Widersprüchlichkeit nachvollziehbar bleiben, und Die Verführten zu einem runden Ende tragen.

Sophia Coppolas (Lost in Translation) Die Verführten startet am 29.06.2017 in diesen Münchner Kinos, am besten natürlich in der OV oder OmU.

Trailer:

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Foto-Credit: © 2017 Focus Features LLC. All Rights Reserved.

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