Leben

„Warum ist mir das passiert?“

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ÜBERLEBEN (AT)

Als Kind wurde Anne Dobbs über Jahre hinweg mehrfach Missbraucht. Zuerst von dem Vater einer Freundin, dann von einem Verwandten. In ihrem Buch „überleben.“ verarbeitet die 24-jährige Autorin die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit. Mit mucbook hat sie über ihr Buch und ihre Vergangenheit gesprochen.

mucbook: In Deinem Buch „überleben.“ schreibst Du über die schrecklichen Erlebnisse Deiner Kindheit. Während dem Schreibprozess wurdest Du an Deine Vergangenheit erinnert. Wie bist Du damit umgegangen?

Anne Dobbs: „Ich habe das Buch nicht in erster Linie für mich selbst geschrieben. Meine Intention war vielmehr, dass ich nicht länger über die versagende Gesellschaft schweigen wollte. Ich wollte einfach erzählen, was mir passiert ist und was während der Gerichtsverfahren alles schief gelaufen ist. Vor allem aber möchte ich die Gesellschaft mit meinem Buch sensibilisieren. Denn dies wiederum gibt mir und meiner Geschichte einen gewissen Sinn und war während des Schreibens ein großer Motivationsschub für mich. Insgesamt war es natürlich nicht leicht für mich, während des Aufschreibens meiner Vergangenheit erneut zu begegnen. Es gab viele Punkte, an denen ich aufhören wollte, weil mich meine Erinnerungen wieder eingeholt haben. Aber jetzt habe ich zum Glück Freunde die mich während dieser erneuten Konfrontation tatkräftig unterstützt haben.“

mucbook: Der Missbrauch begann für Dich im Alter von sechs Jahren. Andere Kinder haben in diesem Alter eine unbeschwerte Kindheit. Hat man Dir das kindlich sein genommen?

Anne Dobbs: „Ja, auf jeden Fall. Aufgrund solcher Erlebnisse fängt man natürlich viel früher an, wie ein Erwachsener zu denken. Man beginnt schon als Kind, sich existenzielle Fragen zu stellen: Warum ist mir das passiert? Was habe ich falsch gemacht? Man fängt an, sich selbst und das Handeln der Anderen infrage zu stellen. Und deshalb hört man zwangsläufig einfach viel früher auf Kind zu sein.“

mucbook: Du wurdest zuerst vom Vater einer Freundin missbraucht und später von einem Verwandten. Hat denn wirklich niemand etwas bemerkt?

Anne Dobbs: „Es ist schwer nachvollziehbar, dass wirklich niemand etwas bemerkt hat. Aber man muss dies vor allem aus einer anderen Perspektive betrachten. Für mich war meine Familie immer ein heiliger Ort, sie war vollkommen, perfekt, einfach ein Zufluchtsort. Ich wollte diesen Zufluchtsort und unser Familienidyll auf keinen Fall zerstören. Ich habe mir zwar oft gewünscht, dass jemand etwas bemerkt, aber auf der anderen Seite hatte ich auch furchtbare Angst davor, dass es jemand tat. Also versteckte ich meine Gefühle und Wunden gegenüber den Anderen gut. So gut, dass sie eben nichts bemerken konnten.“

mucbook: Du hast lange Jahre aus Angst und Scham geschwiegen. Was war der Auslöser für das Brechen Deines Schweigens?

Anne Dobbs: „Ich habe mit 13 Jahren angefangen im Internet zu chatten. Dort habe ich dann zwei Menschen kennengelernt, zu denen ich Vertrauen gefasst habe. Sie waren anonym, ich kannte sie nicht und gerade deshalb war es für mich leichter, mich ihnen letztendlich anzuvertrauen. Nach einiger Zeit habe ich ihnen von meinen Misshandlungen erzählt, zunächst habe ich dabei aber immer in der Vergangenheit gesprochen, obwohl die Missbräuche immer noch aktuell waren. Erst nach einer besonders schlimmen Misshandlung durch meinem Onkel, habe ich meinen Internetfreunden doch erzählt, dass die Übergriffe noch immer stattfanden. Da meine beiden Freunde zu dieser Zeit schon meine Handynummer hatten, stellte einer der beiden kurzerhand eine Konferenzschaltung zur Kriminalpolizei her. Dadurch wurde der Stein quasi ins Rollen gebracht.“

mucbook: Wie reagierte Dein Umfeld, als Du endlich Anzeige erstattest hast?

Anne Dobbs: „Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu meiner Familie, ich habe sie geliebt. Und als die ganze Sache dann raus kam, konnte ich genau das sehen, wovor ich mich immer gefürchtet hatte: Den Schock meiner Familie. Meine Familie war schlicht hilflos und überfordert. Deshalb ist es auch nicht richtig, meiner Familie ihre Reaktionen vorzuwerfen. Auch in der nachfolgenden Zeit ist sicher nicht immer alles richtig gelaufen. Aber wie gesagt: Was hätte man aus ihrer Situation heraus erwarten sollen?
Anders sieht es bei den Außenstehenden aus. Bei den Ärzten, bei denen ich später in Behandlung war, konnte man eindeutig spüren, dass sie mit meiner Geschichte und meiner Traumatisierung überfordert waren. Aber die Ärzte sind nur ein Beispiel von vielen. Ich hatte einfach in so vielen Hinsichten das Gefühl, dass die Gesellschaft völlig versagt. Und dieses „Versagen auf ganzer Linie“ schockierte mich wirklich. Ich hatte den Eindruck, dass jeder denkt, der Andere wird’s schon richten. Die Frage nach Hilfe wurde immer von einem zum Anderen geschoben, keiner hat sich wirklich gekümmert. “

mucbook: Haben Deine Peiniger eine Strafe erhalten? War das für Dich eine Art Genugtuung?

Anne Dobbs: „Ich habe beide angezeigt. Das Verfahren gegen meinen Onkel wurde eingestellt. Ich musste im Rahmen beider Verfahren von einem Rechtspsychologen begutachtet werden. Ein und derselbe Psychologe begutachtete mich für beide Fälle. Und einmal erklärte er mich für „glaubwürdig“ und einmal für „unglaubwürdig“. Bei den Anschuldigungen gegen meinen „Onkel“ konnte ich mich einfach nicht mehr an äußere Umstände, wie z.B. das Wetter, erinnern. Ich wusste keine Details mehr, deshalb war meine Aussage für das Gericht nicht brauchbar. Mit anderen Worten: Es gab gegen meinen Onkel nicht genügend Beweise. Das Verfahren gegen den Vater meiner Freundin ging vor Gericht. Er wurde zu 3 Jahren und 9 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Da die Taten bereits einige Jahre zurück lagen, konnte ich auch hier nicht mehr alles genau rekonstruieren. Das Gericht hat deshalb Abstriche beim Strafmaß gemacht. Das war für mich furchtbar. Diese Strafe lässt sich definitiv nicht mit dem aufwiegen, was mir mein Peiniger in all den vielen Jahren angetan hat.“

mucbook: Heute lebst Du in einer festen Beziehung, hast einen geregelten Alltag. Verfolgt Dich Deine Vergangenheit in manchen Momenten?

Anne Dobbs: „Ja, natürlich. Aber das Gute ist: Mein Partner ist einer der Chatpartner, die ich damals im Internet kennengelernt habe. Er hat meine Geschichte miterlebt. Er weiß auch oft, ohne dass ich ihm was erklären muss, was mit mir los ist und weiß, warum manche Dinge nicht so gut funktionieren. Er hat Verständnis für mich. Deshalb funktioniert unsere Beziehung.“

mucbook: Wie gehst Du heute mit Deiner Sexualität um?

Anne Dobbs: „Es ist sicherlich ein schwieriges Thema. Aber mein Partner hat Verständnis. Es wird sicher nie so sein, wie bei anderen Paaren, aber so wie es ist, ist es gut.“

mucbook: Was würdest Du anderen Missbrauchsopfern raten?

Anne Dobbs: „Das ist eine schwere Frage. Man kann nur ganz individuelle Ratschläge geben. Es gibt auch kein pauschales Rezept, wie man mit so was umgehen sollte. Aber ich kann verstehen, dass es schwer ist, sich jemandem anzuvertrauen. Es kommt immer auf die Situation des Opfers an. Grundsätzlich sollte man immer so lange nach Hilfe schreien, bis man gehört wird. Man sollte sich immer vor Augen führen, dass es einen Ausweg gibt und das die Erinnerungen an den Missbrauch tatsächlich verblassen können.“
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Das Buch gibt es beim Schwarzkopf Verlag

Ãœberleben - Anne Elisabeth Dobbs - Cover - Lowres

Bilder: Schwarzkopf Verlag / Moritz Thau

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