Kultur

Wassily Kandinsky – wie er der abstrakten Kunst den Geist einhauchte

Verena Niepel

In ähnlich spannungsreichen Zeiten wie heute lebte Wassily Kandinsky. Die inneren Konflikte, die sein künstlerisches Gemüt bewegten, äußerten sich in seiner Kunst, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend vom Gegenstand verabschiedete.

Als gebürtiger Moskauer war Wassily Kandinsky schon durch seine Herkunft dem Mythischen und Märchenhaften zugewandt. Als er 1896 nach München zog, beeinflusste ihn vor allem spirituelle Literatur in seinem Schaffen. Diese erfuhr besonders Anfang des 20. Jahrhunderts große Aufmerksamkeit bei Künstlern und Intellektuellen.

OKKULTE PRAKTIKEN UND THEOSOPHIE

Okkulte Pendel-Sitzungen, Zusammenkünfte, bei denen die Materialisierung von Bioenergie in Form von Ektoplasma bewiesen werden sollte – all dies gehörte zu den geheimnisvollen wie auch fragwürdigen Praktiken der Theosophie, eine der vielen okkulten Bewegungen dieser Zeit.

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Dr. A. V. Schenk-Notzing, München, 1913

DIE PRÄGENDSTEN JAHRE DES WASSILY KANDINSKY

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen der Beziehung von Wassily Kandinsky zum Okkultismus. Der Kunstwissenschaftler Sixten Ringbom ist derjenige, der sich am intensivsten mit okkulten Bezügen in dem frühen Oeuvre des Künstlers beschäftigt hat. Dabei war es ihm nicht wichtig spirituelle Symbole in den Werken Kandinsky’s zu deuten, sondern zu verstehen wie das Okkulte dazu beitrug, dem Künstler eine so eindrückliche Bildsprache zu geben. Besonderes die Anfangsjahre der Künstlerkarriere, des damals 44-Jahre alten Russen, gelten als die prägendsten für sein Schrift- und Malwerk. In dieser Zeit lebte er in München und Murnau und schaffte um 1911 den Sprung zur Abstraktion. Von da an entwickelte er seine abwechslungsreiche Farb- und Formsprache, die es schwierig macht, seine Kunst auf einen Nenner zu bringen.

ZEITEN DES UMBRUCHS

Die Wende zum 20. Jahrhundert war für die westliche Gesellschaft eine turbulente Zeit. Anfang des 20 Jahrhunderts fielen wissenschaftliche Entdeckungen, wie die Zusammensetzung des Atoms aus Elektronen, mit der Hinwendung zu übersinnlichen, geistigen Themen zusammen. Beide Entwicklungen haben die Tendenz zur Immaterialität und Flüchtigkeit gemeinsam. In dieser Umbruchphase beschäftigte sich auch der, vom russischen Symbolismus vorgeprägte, Kandinsky mit okkulten Weltanschauungen.

Er folgte den Vorträgen Rudolf Steiners, ein populärer Theosoph, in Dornach und Berlin. Eine intensive Auseinandersetzung mit der Theosophie wurde auch durch archivierte Bestände seiner Bibliothek klar, in der neben Schriftstücken von R. Steiner auch Charles W. Leadbeaters „Gedankenformen“ zu finden waren. Wilde Notizen in deren Texten und die Ähnlichkeit von Illustrationen geistiger Kraftfelder zu den Farbnebeln in Kandinskys Gemälden lassen auf einen engen Bezug zwischen spiritueller Literatur und seiner Kunst schließen.

KEINE EINDEUTIGEN BEZÜGE ZUM OKKULTISMUS

Dennoch war Kandinsky nie Mitglied der theosophischen Gesellschaft. Er ließ sich zwar von okkulten Weltansichten beeinflussen, jedoch mehr um eine eigene Ausdruckssprache zu entwickeln für seine ganz eigene Weltanschauung. Bis auf wenige Werke, wie „Dame in Moskau“ aus dem Jahr 1912, lassen sich daher kaum eindeutige Bezüge in seinen Bildern zu okkulten Themen feststellen. Ein Großteil der Form- und Farbsprache seines variationsreichen malerischen  Werkes ist eher geheimnisvoll, phantastisch und viele Aussagen darüber rein spekulativ. Ähnlich wie okkulte Überzeugungen, die für die Meisten mindestens genauso undurchsichtig und wenig glaubhaft sind, bleiben auch die Gemälde von Kandinsky für viele ein Rätsel.

 

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Wassily Kandinsky: „Dame in Moskau“, 1912, 108,8 cm x 108,8 cm, Öl auf Leinwand, Lenbachhaus, München

 

Aktuelle Ausstellungen
Kandinskys Werke die im Rahmen der Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ entstanden, sind zu sehen im Lenbachhaus München. Ab 21. Oktober 2015 steht die Beziehung der spirituellen Fraktion des Bauhaus: Wassily Kandinksy und Paul Klee in der Ausstellung „Klee und Kandinsky. Nachbarn, Freunde und Konkurrenten.“ im Fokus und ist sicher auf jeden Fall sehenswert!

Öffnungszeiten des Lenbachhauses München:
Mi-So: 10-18 Uhr; Di: 10-21 Uhr

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