Kultur, Nach(t)kritik

Wir sind die Roboter – Kraftwerk im Kunstbau

Annette Walter
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„Am Heimcomputer sitz‘ ich hier und programmier‘ die Zukunft mir“, sangen Kraftwerk 1981 – ein kluger Slogan, den man sich noch 2011 direkt ins Tagebuch schreiben möchte. Die 3D-Videoinstallation der Elektropop-Video-Avantgardisten aus Düsseldorf, die noch bis 13. November im Kunstbau gezeigt wird, sollte man sich unbedingt ansehen.

Für die Musik von Kraftwerk wurde mit dem Kunstbau ein ideales Ambiente gefunden: die Halle kahl, kalt, dunkel, links und rechts große Fenster, die auf die Rolltreppen der U-Bahn-Station blicken, passend zum kühlen und glasklaren Sound von Kraftwerk. Die „elektronische Volksmusik“, wie sie Kraftwerk-Gründer Ralf Hütter mal bezeichnete, wirkt in einem normalen Wohnraum nur inadäquat. Hört man sie im Rahmen der 3D-Videoinstallation, klingt sie perfekt. In einem virtuosen Zusammenspiel aus Bild, Ton und Klang werden dreidimensionale Videos auf eine Leinwand projiziert. Die Kraftwerk-Texte erzählt von Fortbewegung auf der Autobahn, Atomkraftwerken, Computern, künstlicher Intelligenz – all den technologischen Errungenschaften, die als Fortschritte des 20. Jahrhunderts gefeiert wurden und zu Beginn des 21. Jahrhundert einerseits selbstverständlich, andererseits im Zuge eines gewissen Technikskeptizismus fast schon in Verruf geraten sind.

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In „Autobahn“ fährt ein Fahrzeug über eine graue Autobahn durch eine einfach skizzierte Landschaft, bei „Roboter“ bedienen die automatisierten Doppelgänger der vier Bandmitglieder in stilistischer Kluft aus rotem Hemd, schwarzer Krawatte, grauer Anzughose und gescheiteltem Haar ihre Instrumente gleichsam wie Maschinen, in „Radioaktivität“ leuchten die Namen der Atomkraftwerke, in denen Störfälle auftraten, in bedrohlichen Riesenlettern auf der Wand: Sellafield, Harrisburg, Hiroshima, Tschernobyl.

Die Gruppe selbst hat die Installation konzipiert, Matthias Mühling ist Kurator. Viele der Videos visualisierten bereits frühere Konzerte wie einen Auftritt 2009 in Wolfsburg und die dreiteilige Konzertreihe Anfang Oktober 2011 in München. Es wäre töricht, Kraftwerk allein auf ihre Tätigkeit als Produzenten elektronischer Musik zu reduzieren, was sie zweifelsohne sind, denn ohne Kraftwerk kein New Order, kein Daft Punk, kein Techno. Doch darüberhinaus wirkt ihr Werk aber auf einer weiteren Ebene: Hütter und Co. reflektieren und vertonen die Postmoderne und erschaffen, wie die Kunstbau-Installation verdeutlicht, eine visuelle Komponente, die ebenso gewichtig wie die musikalische ist. Die Gruppe hat dafür gesorgt, dass das Adjektiv „kraftwerkian“ ins Vokabular der popverwöhnten britischen Musikpresse einging. München kann sich freuen, mit der Kunstbau-Installation auf der popkulturellen Landkarte als Wallfahrtsort vermerkt zu sein. Zumindest bis zum 13. November.

Foto oben: Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, © KRAFTWERK, 2011, Foto unten: Live-Aufnahme Konzert Kraftwerk 1, Peter Boettcher, © KRAFTWERK, 2011

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