Kultur, Nach(t)kritik

Zuckersüßes Geburtstagskonzert

Ina Hemmelmann

Schreibt, schneidert, spielt manchmal mit Puppen, mag Dekonstruktion, Unfug und Käsekuchen.
Ina Hemmelmann

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14 Jahre Candy Club: Eine Nacht, zwei Areas, drei Bands. Und ganz viel Tanzen. Zwar lud der Veranstalter zur Geburtstagsfeier der Partyreihe in diesem Jahr weniger Bands ein als die Jahre zuvor – allerdings konnten die Besucher im Feierwerk dadurch fast ohne Überschneidungen alle Konzerte erleben. Außerdem galt auch ganz klar bei dieser Bandauswahl: Klasse statt Masse.

Einen absolut charmanten Anfang machten Favela Gold (s. Bild oben) in der Kranhalle. Das Duo aus Graz entlockte den Synthies leichten Elektropop, der zwischenzeitlich immer wieder an David Bowie oder Depeche Mode denken ließ – was ja bekanntlich nicht das schlechteste ist. Stimmlich beeindruckten die beiden ebenso, eigentlich unnötig, den Gesang bei manchen Songs noch elektronisch zu verzerren. Spaßig gestaltete sich der Auftritt für alle Beteiligten: Wild tanzende Zuhörer in der ersten Reihe sorgten für Lacher bei der Band, Sänger Teddy Gold war bei einem Song in weitem weißen Stufenrock und Engelsflügelchen ein heiterer Anblick. Zwischen energiegeladenen Dance-Rhythmen klangen auch zätere Gitarrentöne an, die zur Zugabe richtig intim wurden: Denn ganz zum Ende boten Favela Gold ein akustisches Ständchen dar, für das alle nahe zusammenrückten und gerührt lauschten.

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Karin Park

Ab 22:30 wirbelte Karin Park in der Hansa 39 über die Bühne. Die androgyne Schwedin wirkte in auffälligen Leggings, mit überdimensionalen Schulterklappen und Ribcage-Korsett wie aus einem 80er-Glam-Zirkus entsprungen. Von ihrem Bruder David an den Drums begleitet brachte sie das Publikum mit vielschichtigem Discosound zum Zappeln. Mit ihrer kraftvollen Stimme und den mitreißenden Beats erinnert Karin Park an die ebenfalls aus Schweden stammenden The Knife – nur einen Hauch weniger düster. Die ausgelassen Tanzenden beeindruckten Karin dermaßen, dass sie mehrfach von der Bühne Fotos ihrer Fans schoss („You are incredibly beautiful!“) und als Zugabe eine ruhige Popnummer gab, die sie nach eigenen Angabe nur zu besondern Anlässen spielt.

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Karin Park

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TRST

Laut Plan sollte gegen 0:00 Uhr schließlich und endlich – von allen Anwesenden heiß ersehnt – TRST auftreten. Aus unerfindlichen Gründen (halt, nein, Sookee spielte gerade in der Kranhalle und das habe ich fatalerweise erfolgreich verdrängt und darum verpasst.) wurde nach dem Umbau jedoch noch ein DJ-Set eingeschoben und der angekündigte Höhepunkt des Abends ließ fast eineinhalb Stunden auf sich warten, bevor er sich gegen 1:30 Uhr dann doch auf die Bühne bequemte. Leider erwies sich TRST aus Toronto an diesem Abend als der schwächste Act: Die Synthies eher verwaschen, stimmlich teilweise weit entfernt von den Songs, wie man sie vom Album kennt und außer zwei oder drei Mal ein genuscheltes „Thank you“ keinerlei Versuche, mit dem Publikum zu interagieren. Psychedelische Lichtblitze und ein wild zappelnder Robert Alfons (Einem Grundschüler würde man in diesem Fall wohl ADHS diagnostizieren?) verwunderten und machten Fotografieren fast unmöglich. Erst nach gut der Hälfte der Songs schien Alfons etwas eingesungen und klang weniger quakend. Die mitreißenden Nummern des Debutalbums ließen dennoch kaum ein Tanzbein unbewegt, die Rufe nach einer Zugabe fielen bei TRST jedoch weitaus fordernder und unzufriedener aus, als der jubelnde Applaus zuvor bei Karin Park. Sie entschädigte gemeinsam mit Favela Gold im Vorfeld für den nicht gerade vor Motivation sprühenden Auftritt von TRST.

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TRST

Die Bands bei Facebook:
Favela Gold
Karin Park
Trst

Das Konzert wurde veranstaltet vom Candy Club.

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