Kultur, Nach(t)kritik

Gesamtkunstwerk tamtam

Markus Michalek

Markus Michalek

Markus ist Literaturagent und schrieb mal unter dem Namen "Kapinski". Zusammen mit Freunden gibt er seit 2010 ""das prinzip der sparsamsten erklärung" heraus: Ein Literaturmagazin, das keiner Prügelei aus dem Weg gehen würde, aber noch nie eine erlebte und deswegen auch noch nie verlor. Im Herzen ein pazifistischer Bergfex, schätzt Markus lange Tafeleien mit Freunden, Reziprozität und Alltagshedonismus.
Markus Michalek

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Mittwochabend in der roten Sonne, der kleine Vorplatz füllt sich langsam, die Macher des tamtam-Magazins haben zum Release von Ausgabe 1 geladen.

Hinter tamtam stecken Richard Flikowski und Matthias Stadler, zwei niederbayerische Kreativköpfe, die sich hier in München austoben und der Stadt ein wenig Lebenssaft abzapfen, um ihn aufs Papier zu bringen. Am Eingang gibt es jedenfalls erstmal für jeden Gast einen Obstler – eine klare Ansage, die Freude macht. (Das man dabei fotografiert wird und sich so die Realität sofort wieder in ein mögliches neues ((Kunst-))Projekt transformiert, stört nicht. Irgendwo leben wir alle im Zwischenraum der Simulacren und unsere Welt besteht dank unserer Erzählungen, wie eben auch Fotos eine sein können.)

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Was meint tamtam eigentlich? Matthias, seines Zeichens Doktorand, hat tamtam eigentlich als Plattform für kreativen Spaß ins Leben gerufen. Tamtam können Lesungen sein, eine Kunstperformance fiele ebenso darunter wie Kabaret oder Livekonzerte. Wie Matthias Stadler im Magazin schreibt, „die besten Ideen entstehen am Klo.“ Die besten Ideen werden künftig auf tamtam-Veranstaltungen in München, Regensburg, Deggendorf, Wien u.a. präsentiert.

Das tamtam-Magazin selbst ist ein buntes, hochqualitatives Sammelsurium aus Texten (selbst „Lyrik?“ findet sich) und Werken verschiedenster Künstler, am besten zusammengefasst unter dem Begriff „Illugraphie“. Und was ist Illugraphie? Damit wird die Kombination von Fotografie und digitaler bzw. analoger Illustration bezeichnet. Das beinhaltete auch den Oberbegriff für ein Tier-Collagenprojekt von Richard Flikowsi.

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Man könnte aber auch aus einem anderen seiner Beiträge im Magazin zitieren, „… es macht mir Spaß für einen Moment Zeit zu spielen und Bildelemente beliebig wachsen, wuchern und welken zu lassen. Nicht mehr und nicht weniger.“ Das meint nichts anderes als Bildgestaltung, Bildbearbeitung, Bild-Text-Synergien – oder vielleicht doch mehr?

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Im Heft schließlich versammeln sich junge Nachwuchskünstler wie u.a. Elvira Bernhard, Lina Augstin oder Catherina Rancho, aber auch renommierte Herren wie Hubert Kretschmer, dessen verzerrte Fussballer-Porträts unsere liebste Freizeitgestaltung in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen, oder Damen wie Rieke Scholle, eine ausgebildete Glasmacherin und damit Erzeugerin großartiger Lüster und anderer Glaskonstrukte – mit einer Vorliebe zur Reduktion.

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Die Idee für diesen Heft aber, für diesen Part des tamtam-Komplexariums stammt wiederum von Richard Flikowski, einem Studenten der Münchner Hochschule für Design. Um es aber gleich vorwegzunehmen, wer das Magazin in der Hand hält, spürt dank dessen Haptik sofort, dass es sich um weit mehr als nur ein studentisches Startup-Projekt handelt, selbst wenn die Startauflage „nur“ 500 Stück beträgt. Die Finanzierung dafür stammt nicht nur aus dem Eigenkapital der Herausgeber, im Vorfeld wurde einfach ein kurzer Platten-Flohmarkt organisiert, um die Redaktionstaschen zu füllen. So gehts eben immer noch am Besten. Beziehen kann man das Heft natürlich über die tamtam-Redaktion sowie in ausgesuchten Münchner Galerien (Liste gibts auf der Facebookseite des Magazins) – es lohnt sich!

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Ein paar Sätze zum Programm: Stuard aus Wien. Wer da einer möglichen Assoziationskette freien Lauf lässt, dürfte überrascht werden. Der Singer-Songwriter, der im Alpenland dank der Unterstützung von FM4 längst kein Unbekannter mehr ist, eröffnet das Rahmenprogramm des Abends.

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Der, wie sich später im Gespräch herausstellt, ursympathische Wiener mit definitivem Hang zum britischen Independent-Musikikonenstil bei gleichzeitiger angenehmer Abwesenheit jeglichen Allürentums musste sich von Jonas, dem Sänger der ebenfalls sehr hörenswerten Münchner/Weilheimer Band Jono Ono erstmal `ne Gitarre leihen, was seiner Laune nicht schadet, im Gegenteil.

Auf Stuards Songs im besten Manchester-Englisch folgen Sprüche wie, „Wer ist denn hier richtig verliebt? Du? (ein schüchternes ,ja‘) HÖRT SICH SO VERLIEBT AN?„, „ab und zu a bissi schmusn geht scho„, oder das fast schon legendäre österreichische Bonmot, „Geh, red mit da Floschn!

Bleibt die Hoffnung, dass Stuard seinen Weg noch ein weiteres Mal für einen Auftritt nach München findet, gern auch im größeren Rahmen. Und die Frage an Stuard, welche Erzählung seine Lieder transportieren? „Der Weg in eine Normalität führt über Liebe, Hass, Leid, Frust, Selbstmord, Sexgeruch, Enttäuschung, Verlorenheit, gebrochenes Herz, gebrochene Seele, Drogen, Alkohol, Rock’n’Roll, Sodom und Gomorra, Bühne, Offenbarung, Schicksal, Entzug, Hoffnung, Heilung, Selbstfindung, Lichtblick, Liebe, Zukunft, Leben!“ Dieses Programm ist Pathos und mehr und wir alle wissen – mehr ist immer gut.

Nach seinem Auftritt gibt es noch ein Gastspiel mit eben schon erwähnten Jono Ono – auch eine Kombination, die musikliebende Ohren gern öfter hören möchten.

Das Programm beinhaltete noch weitere Liveacts wie Orgasmusik oder Krach der Roboter; und irgendwann, nach Mitternacht, lösen sich die Kunstwerke an den Wänden (zu denen auch Experimentalfilme z.B. von Veronika Dräxler gehören) aus ihrem ursprünglichen Kontext, irgendwann längst nächtens metamorphiert der Release in die Feier. Wir halten es mit Berty Brecht – das ist gut so!

Herausgeber Richard Flikowski selbst über den Abend? „Ich bin sehr zufrieden, die Resonanz war durchwegs positiv. Auch die Rote Sonne-Betreiber freuen sich auf weitere tamtam-Veranstaltungen. Dank der über 200 Gäste konnten wir die Unkosten gut decken, was für einen Mittwochabend nicht selbstverständlich ist. Abgesehen davon haben wir bis ca. 8 Uhr morgens weitergefeiert. Das Resümee für den Tag danach dann: Katastrophal ;-)“

Ãœbrigens, mitmachen kann beim tamtam-Magazin jeder, egal ob BWL-Student oder Vollblutkünstler – die Redaktion freut sich über Einsendungen!

Und nun? Zugegeben. Es ist schon fast vermessen in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit einen Nachbericht mit Verspätung zu verfassen. Es spricht aber auch nichts dagegen, es dennoch zu tun. tamtam, wir grüßen die Kollegen; merkt Euch diesen Namen!

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TAMTAM auf Facebook
Stuard aus Wien
Jono-Ono´s Soundcloud
(Fotos: Fabian Bross)

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