Meine Halte Hauptbahnhof Ayla
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Meine Halte – Folge 15: Hauptbahnhof

Ayla Amschlinger

Ayla Amschlinger

Liest am liebsten während des Frühstücks, nicht selten mit dem ärgerlichen Nebeneffekt, dass der Kaffee dabei kalt wird. Außer in Buchläden und Cafés trifft man sie in Kinos, auf Flohmärkten und in Zügen nach Irgendwo.
Ayla Amschlinger

Ich bin nie in München angekommen. Und doch der Stadt verfallen. Dort, wo andere ankommen, reise ich am liebsten ab. Doch nur für kurze Zeit, um bald wieder zurückzukehren. Zum Münchner Hauptbahnhof – meiner Halte.

Der Ort meiner völligen Befreiung

“Mein Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung”, notierte Marcel Duchamp im Jahr 1912, einige Monate nachdem er am Münchner Hauptbahnhof aus dem Zug gestiegen war. Ob das auch für mich und München zutrifft, wird sich wohl erst herausstellen, wenn ich irgendwann endgültig gegangen sein werde. Bis dahin bin ich eigentlich am liebsten am Hauptbahnhof, auch wenn ich eigentlich ein paar Haltestellen weiter wohne.

Warum sich festlegen, wenn man frei sein kann

Der Münchner Hauptbahnhof ist ein Ort der Möglichkeiten, in einer Stadt, die sich nur allzu gerne in Traditionen und großbürgerlichen Engstirnigkeiten festgefahren zu haben scheint. Statt in der MVG-App Start- und Zielpunkt einzugeben, bin ich stets am Umsteigen. Meine Haltestelle ist demnach kein Anfang oder Ende einer Reise, sondern ein Dazwischen.

Am Münchner Hauptbahnhof kann man auch am Sonntag eine Cola kaufen, Menschen mit Surfbrett unter dem Arm am 23. Dezember begegnen oder auf dem Weg in die Arbeit mit dem Gedanken spielen, einfach in den nächsten Railjet nach Wien zu steigen. Ob ich die U-Bahn oder den Zug nehme, nur schnell mein Radl anschließe oder am mittel-späten Morgen nach einer langen Nacht im Café Kosmos noch einen Schlenker über den Hauptbahnhof einlege, nirgends spüre ich mehr Dynamik, mehr Bewegung, mehr Stadt als hier.

Ein ehrliches Gesicht

Schmücken sich andere Haltestellen in München noch mit ausgefallenen Eigennamen, ist der Hauptbahnhof einfach, was er ist. Ihn gibt es in jeder noch so unbedeutenden Stadt, er ist einer unter vielen und dabei muss er sich nicht verstellen. Am Hauptbahnhof zeigt sich das wahre Gesicht der Stadt, das andernorts kaschiert und gebügelt aus den Schaufenstern strahlt. Hier habe ich bittere Abschiedstränen geweint, mit klopfendem Herzen ankommende Lieblingsmenschen am Gleis überrascht, dreist Zeit vor kalten Kaffees vertrödelt und mich ebenso unverfroren vor dem Haltestellenschild fotografiert (und nur ein bisschen dabei geschämt).

Die nächste Station ist …

Wohin mich eine Reise führt, weiß ich oft viel zu genau. Die Straßen Münchens kenne ich in- und auswendig und selbst im U-Bahn-Zwischengeschoss verwirre ich noch Touristen mit meinen exakten Himmelsrichtungsangaben. Dabei entdeckt man vielleicht gerade auf einem Umweg, wohin es eigentlich gehen soll. Dass ein Dazwischen keineswegs Stillstand bedeutet, sondern Auftakt für Neues sein kann – das ist meine Halte für mich, der Münchner Hauptbahnhof.


Beitragsbild: (c) Ayla Amschlinger

1Comment
  • Dorothea
    Posted at 19:33h, 16 Januar

    Ein sehr persönlicher Einblick in einen kleinen Mikrokosmos:)

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