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„Abgrenzung durch Geld ist ein bisschen 90er – oder sogar 80er“ – Tibor Bozi und seine Fotoausstellung im riffraff

Benjamin Brown

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Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
Big love für Politik, Musik und Reisen
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Nirvana, Eminem, Dr. Dre oder Marilyn Manson – es scheint so, als hätte Tibor Bozi schon alle Größen aus der Musikindustrie fotografiert. Ohne seine Kamera im Anschlag haben wir ihn für ein Gespräch über seine neue Ausstellung im riffraff erwischt. Bei dem Regen sei es sowieso „kein Tag zum draußen Rumlungern“.

Nach Schallschutz-Umbauten findet die Wiedereröffnung des riffraff am 24. Juli statt – und dazu direkt auch die Vernissage von Bozis Ausstellung „Original FAKE„, in der er sich mit Fake-Mode-Produkten in Asien auseinandersetzt.

Mucbook: Wie bist du auf die Idee gekommen, gefälschte Produkte zu fotografieren?

Tibor Bozi: Ich reise seit 1984 nach Indien, das ist meine Leidenschaft, gleichzeitig arbeite ich dort für meinen Repräsentanten in New York. Die Fake-Geschichte mache ich jetzt auch schon seit Jahren. Meine Gemüsehändlerin in Indien trägt Louis Vuitton, in Kambodscha habe ich einen armen Jungen im Götze-Trikot gesehen, dieser Moment war mein Ideengeber zu der Produktion. Das Thema ist beim Reisen nicht zu übersehen. Ich habe dann einfach angefangen in Asien mit der Kamera auf die Fake-Artikel draufzuhalten, irgendwann ist daraus eine Serie mit mehreren Hundert Personen geworden. Circa 70 davon präsentiere ich jetzt.

Du stellst im riffraff aus und feierst die Vernissage zusammen mit der Wiedereröffnung. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?

Flo vom riffraff fand die Idee gut und ich fand das riffraff gut, das Graffiti passt gut zum Thema, das ist cool.

Ursprünglich hatte ich vor, die Fotostrecke zu veröffentlichen, viele große Redaktionen waren interessiert. Dann sind aber die Anzeigenabteilungen eskaliert und dazwischengegangen, die hatten Angst, dass Modeunternehmen keine Werbung mehr schalten. Ich konnte das also nicht veröffentlichen, gleichzeitig war es mir zu schade, dass die Fotos bei mir im digitalen Müll versickern.

Was möchtest du mit deiner Ausstellung ansprechen?

Ich sehe da zwei große Themen. Das eine ist der Lifestyle-Aspekt. Firmen zahlen viel Geld, um ihr Image aufzubauen und haben es geschafft, dass ihre Logos weltweit bis zur letzten Lehmhütte ankommen. Die Leute wollen das tragen. Gleichzeitig sind die originalen Produkte zu teuer. Im adidas-Shop in Mumbai kosten T-Shirts zum Beispiel 40-50 Euro. Das ist in Indien ein Monatsgehalt, da ist es klar, dass die Leute anfangen, kreativ zu werden und gefälschte Produkte zu tragen. Oftmals finde ich auch die Fake-Sachen kreativer. Geklaute Logos werden oft fantasievoller umgestaltet.

Zum Teil sind die Produkte aber nicht mal klassische Fakes. In Asien stürzen sich Händler auf die „Rejects“ großer Firmen, die dort produzieren. Wenn ein Knopf fehlt oder die falsche Größe eingenäht ist, sagen die Hersteller „in den Müll damit!“, das Produkt kann dann nicht mehr in Europa verkauft werden. In Goa sehe ich dann auf den Märkten Produkte, die 3-4 Monate später in den Schaufenstern im Westen hängen. Armani-Cargohosen, bei denen nachträglich ein Knopf angenäht werden musste, kosten dann weniger als 6-8 Euro.

Aber es geht auch verrückter. In Sri Lanka haben viele Unternehmen produziert. Als es dann woanders billiger wurde, sind sie in ein anderes Land gegangen und haben ihre Materialien und Druckmaschinen dort gelassen. Jetzt machen sich die Leute exakt die gleichen Artikel.

Aber neben der Diskrepanz aus Lifestyle, dem Image und der Realität geht es in der Ausstellung auch um die Arroganz der Firmen, die in diesen Ländern produzieren lassen. Adidas hat vor kurzem gesagt, dass circa 10 Prozent ihrer Produkte in Asien gefälscht sind. Das kann nicht stimmen, ich vermute das ist viel höher.

Die Firmen haben ein Problem mit Piraterie, das ist ja verständlich. Aber was soll passieren, wenn sie ihr Image so groß aufbauen, gleichzeitig aber ihren Müll da lassen? Und natürlich wollen Modeunternehmen auch nicht, dass man plötzlich merkt, dass es die Produkte für wenige Euros gibt.

Abgrenzung durch Geld ist einfach ein bisschen 90er – oder sogar 80er. Aber so lange alles bleibt, wie es ist, werden die Leute immer Wege finden, auch günstiger die coolen Logos zu tragen.

Danke, Tibor.


In aller Kürze:

Was? Original FAKE Ausstellung von Tibor Bozi
Wann?
 24. Juli (Vernissage), danach 2-3 Wochen
Wo? riffraff, Tegernseer Landstraße 95


Fotos: © Tibor Bozi

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