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„Am Anfang war morbide Neugier“ – Interview mit Tobias Ginsburg zu seinem Buch über Reichsbürger

Benjamin Brown

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Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
Big love für Politik, Musik und Reisen
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Mit dem Polizistenmord von Georgsmünd 2016 standen sie plötzlich im medialen und politischen Fokus: Die Reichsbürger. Bis dahin kaum bekannt, wurde schnell klar, dass deren Ideologie weit verbreiteter und gefährlicher ist, als gedacht. Im Kern basiert die Ideologie der Reichsbürger auf dem Glauben, die Bundesrepublik existiere gar nicht, dafür aber das Deutsche Reich.

Zwei Jahre später hat der Hamburger Theaterregisseur Tobias Ginsburg ein Buch veröffentlicht, in dem er in die Tiefen der Szene eintaucht, um das Phänomen von innen zu erkunden. Wir haben uns mit Tobias über sein Buch „Reise ins Reich“ und seine Erfahrungen unter Reichsbürgern unterhalten.

Mucbook: Wie bist du dazu gekommen, eine „Reise ins Reich“ zu wagen?

Tobias Ginsburg: Am Anfang war es in erster Linie morbide Neugier an menschlichen Abgründen. Nach dem Polizistenmord im Oktober 2016 war klar, dass eine Gefahr aus dieser seltsamen Reichsbürgerbewegung ausging, allerdings wurde in der Presse zum allergrößten Teil das Bild eines extremistischen Kuriositätenkabinetts gezeichnet: Eine Handvoll wirrer Radikaler, die sich dämliche Mützen auf den Kopf setzen, sich zum Reichskanzler und ihre Wohnung zum Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Staat erklären – soll man so was wirklich ernst nehmen?

Ich stolperte also relativ naiv in diese Szene hinein. Noch unter meinem echten Namen und mit eigenem Reisepass besuchte ich für ein langes Wochenende das Königreich Deutschland, eine esoterische Reichsbürgersekte in einem zerfallenden Krankenhausgelände in Sachsen-Anhalt. Aber inmitten all des Verschwörungswahns, den ich dort antraf, wurde mir sehr bald klar: Hinter den bekloppten Welt- und Wahnvorstellungen der Reichsbürger steckt System.

Wie schwer war es, in die Szene einzutauchen und dort Vertrauen zu gewinnen?

Das war bestürzend einfach. So ist das eben mit Extremismus: Rein kommt man leicht, schwieriger wird’s rauszukommen. Alles was ich benötigte, war ein Grundverständnis für die Verschwörungsideologie, die diese heterogene Szene zusammenhält. Es ist eine Mischung aus rechtsradikalen Theorien und weißglühender Paranoia: Der Glaube, das deutsche Volk sei Opfer einer Weltverschwörung, unterjocht von gekauften Marionettenpolitikern, ominösen Schattenregierungen und blutrünstigen Eliten, und die Bundesrepublik sei kein souveräner Staat, sondern nur ein Teil dieses finsteren Komplotts.

Die grundsätzlichen Vorstellungen lernte ich in meinem Königreich, in dem ich furchtbar viel Zeit verbrachte, den Rest der Arbeit übernahm das Internet für mich: Ich baute mir ein Alter Ego auf, stattete den mit Facebook-Profil und Webseite aus und nahm als scheinbarer Journalist der „alternativen Szene“ Kontakt zu verschiedenen Leuten auf. Dann begann ich dem deutschen Verschwörungswahn hinterherzuspüren. Wenn man die Sprache draufhat, die Codes und die Chiffren, dann ist der Einstieg in die Szene brutal und beängstigend einfach.

Du sprichst von Verschwörungstheorien in der Mitte der Gesellschaft. Wie hat man sich das denn vorzustellen, wer ist bei solchen Treffen dabei?

Wenn wir von Reichsbürgern und Selbstverwaltern sprechen, dann meinen wir Menschen, die rechtsradikalen Verschwörungstheorien anhängen, rechte Parolen wortwörtlich nehmen und sie auch offen ausleben. Aber die Verbreitung dieser Überzeugungen geht sehr viel weiter.

Die rechtsextremen Vorstellungen konnte sich über die Jahre in unterschiedlichen Milieus festbeißen. So war ich auch bei unzähligen Stammtischen, bei unterschiedlichsten Gruppierungen und Veranstaltungsformaten und da treffen neben den offensichtlichen Anhängern dieser Ideologie Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und Hintergründen zusammen: Vom klassischen Stiefelnazi über den hippiesken Aussteiger bis zum bürgerlichen Bio-Lehrer. Reichsideologie, die Vorstellung des unterdrückten deutschen Volkes und der sinisteren Verschwörer, geht mittlerweile immens weit.

Du bist da also auf einen Querschnitt der Gesellschaft gestoßen?

Ja, klar! Wobei es natürlich darauf ankommt, in was für einem Teil dieser ideologischen Sumpflandschaft man grade rumstapft. Bei den Treffen eisenharter Neonazis waren meistens keine friedensbewegten Aussteiger mit Dreadlocks zugegen. Aber es gibt Überschneidungspunkte und Netzwerke, auch immer wieder Versuche, diese breite Szene zu vereinen – an einem dieser Versuche durfte ich dann auch direkt teilnehmen. Es ist eben eine verdammt effektive Verschwörungserzählung, eine deutschtümelnd-nationale Erweckungsfantasie, die bringt diese unterschiedlichen Menschen auch immer wieder zusammen.

Wer über Reichsbürger redet, erntet häufig Lachen. Darf man darüber lachen oder muss man Angst haben?

Angst ist erstmal keine produktive Reaktion auf irgendwas. Ich glaube, man braucht ein Verständnis dafür, wie bedrohlich dieses rechtsradikale Gedankengut ist – gerade, wenn es in Camouflage daherkommt, wenn man es erst auf den zweiten Blick als solches erkennt. Und darüber zu lachen ist erstmal völlig in Ordnung und sogar notwendig, auch um anzuerkennen, wie absurd diese Vorstellungen sind.

Verbreitete Verschwörungstheorien und rechte Horrorszenarien, wie die orchestrierte Islamisierung des Abendlandes sind erstmal total lächerlich. Wir dürfen die Gefahren solcher Ideen nur nicht verniedlichen. Und gerade wenn wir über diese symptomatischen, klassischen Reichsbürger reden, dann haben wir es oft genug mit verzweifelten, verwirrten oder hilfsbedürftigen Menschen zu tun. Darüber nur zu lachen und lustige YouTube-Videos zusammenzuschneiden ist sehr, sehr billig. Reichsideologie zerstört Menschenleben – auch die Leben von denen, die da hineingeraten.

Es besteht ein enormes Gewaltpotential.

Definitiv. Bleiben wir erstmal bei diesen labilen Menschen, bei den Leuten, die nichts mehr zu verlieren haben, die die Verschwörungstheorien bis ins Letzte leben. Das sind Menschen, die in jedem Fall sich und potenziell auch ihrer Umgebung erheblichen Schaden zufügen können. Da ist eine Gewaltbereitschaft da. Aber grundsätzlich sind diese Verschwörungstheorien ein Nährboden für Gewaltfantasien und den Wunsch sich zu verteidigen. Wer wirklich daran glaubt, dass wir von Juden, Amerikanern oder Illuminaten – das kann man sich quasi aussuchen – unterdrückt werden, dass das deutsche Volk ersetzt werden soll oder gar ausgelöscht, der glaubt in Notwehr zu handeln. Und das mag dann beim Einzelnen in ganz direkter körperlicher Gewalt umschlagen, beim anderen in einer ideologischen Gewaltbereitschaft. Das Ganze wird natürlich durch den Rechtsruck in Deutschland immens befeuert, vom rechtspopulistischen Geraune von „Umvolkung“ und „Islamisierung“.

Glaubst du, dass das Problem von der Politik und der Polizei ausreichend angegangen wird?

Naja, nach dem Polizistenmord war es erstmal eine Bekämpfung des Symptoms, um die zugrunde liegende Krankheit kümmerte man sich aber nicht. Was wir brauchen, ist eine Sensibilisierung – sowohl in der Politik, als auch in Zivilgesellschaft und Presse. Um zu verstehen, wo wir es mit rechtspopulistischer Rhetorik zu tun haben und wo es bereits rechtsradikale Verschwörungstheorien sind, denn der Übergang ist oft fließend. Solange wir das nicht verstehen und nur über diejenigen lachen, die diese Ansichten offen leben, aber nicht verstehen, wie weitreichend diese Ideologie inzwischen ist, dann haben wir ein Problem.

Amerikaner, Juden oder Illuminaten – ist es denn wirklich so, dass es kaum konkrete Vorstellungen über den „Feind“ gibt?

Nein, nicht wirklich. Man muss das historisch betrachten, denn Staatsleugnung hat eine rechtsextreme Tradition. Nach 1945 waren es alte Nazis, die mit einem nur zwölf Jahre währenden „Tausendjährigen Reich“ nicht einverstanden waren und entsprechend die Bundesrepublik als Nachfolgerin ablehnten. Natürlich mit der Begründung: „Wir, die Deutschen, sind besetzt von den Amerikanern und obendrein Opfer der jüdischen Weltverschwörung“. Diese Vorstellung brach irgendwann aus dem klar rechtsextremen Milieu aus und konnte sich anderswo ausbreiten, da nahm sie auch andere Züge an. Und in der Öffentlichkeit konnte man nach 1945 sowieso nur schlecht über die jüdische Weltverschwörung reden, wenn man am öffentlichen Diskurs teilnehmen wollte. Deswegen gibt es Codes.

Dann spricht man eben nicht mehr von Juden, sondern von Illuminaten, der internationalen Hochfinanz oder der Ostküsten-Lobby, den Rest der Theorie behält man bei. Die meisten wissen natürlich sehr genau, wen sie damit meinen. Allerdings gibt es auch Kreise, sei es in der Esoteriker-Szene oder bei Vollverschwörungsschwurblern, da glauben Menschen tatsächlich an mächtige Satanisten oder eine Verschwörung von Echsenmenschen. Aber das, was beschrieben wird, sind nach wie vor dieselben antisemitischen Vorstellungen einer düsteren bösartigen, blutsaugenden Elite, die die gutgläubigen Teutonen unterdrückt, und der Judenhass nach wie vor ein zentrales und verbindendes Element.

Wie viel Esoterik steckt denn in der Szene – unterfüttert sie das ganze ideologisch?

Zum einen gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine historische Verbindung zwischen völkischen, rassistischen und nationalistischen Ideen und der Esoterik. Damit will ich nicht sagen, dass die gesamte Esoterikszene braun ist, aber ein bedrückend großer und wachsender Teil von ihr ist es. Auch in der Neonazi-Szene trifft man mitunter auf esoterische Vorstellungen, vom kosmischen Ende der Welt, dem verfallenden Abendland und einer göttlichen Schöpfungsordnung.

In der Reichsbürgerszene ist interessant, wie viele über die Esoterik überhaupt an das Thema rankommen. Logisch eigentlich, denn in dem Moment, wo jemand an alternative Wahrheiten glaubt, ist die Person sehr schnell offen für grundsätzliche Verschwörungsideologie.

Gab es während deiner „Reise“ auch Gefahrensituationen? Warst du irgendwann dem Auffliegen nahe?

Ich kam verflucht schnell in Situationen, die tatsächlich gefährlich waren! Das waren bewaffnete Zirkel, gewaltbereite und oft rechtsextreme. Das war beklemmend, auch weil ich das gar nicht provozierte – ich folgte einfach den Einladungen, die ich erhielt, folgte quasi dem natürlichen Weg der Radikalisierung. Und ja, auch Momente des Fast-Auffliegens gab es – aber zum Glück wenige! Besonders brenzlig war es etwa, als ein schwer Besoffener vor versammelter Mannschaft – und das war eine Mischung aus AfD-nahen Neurechten und Rechtsextremen – den Verdacht äußerte, ich könnte ein Spitzel sein: „Warum stellt der Tobi so viele seltsame Fragen?“ Aber die Rolle als alternativer Journalist, als jemand der viele Fragen hat und frisch aufgewacht in die Szene rumtapert, kam sehr gut an. Interessanterweise umso besser, je radikaler mein Umfeld war.

Im Königreich Deutschland, also der Politsekte, in der ich meine Reise begann, hatte ich das Glück, dass der König selber grade im Knast saß. Ich kam also in eine kopflose Sekte und entsprechend einfach fiel es mir, mich unter die Menschen dort zu mischen. Ich war über ein halbes Jahr regelmäßig da, habe die Bewohner dort sehr gut kennengelernt, einige von ihnen mag ich auch ganz ehrlich. Man muss eben versuchen Ideologie und Mensch zu unterscheiden. Gerade diese sektenartig aufgebauten Gruppierungen ziehen eben auch die verzweifelten, verwirrten Menschen an. Während langsam das Königreich zerfiel, war ich da, war zur Stelle, habe ausgeholfen. Da wurde meine Anwesenheit nicht hinterfragt, da war ich irgendwann ein selbstverständlicher Teil der Gruppe.

Reichsbürger können Fantasie-Währungen und Reichs-Pässe kaufen. Ist das Ganze also nur eine Geldmasche, bei der ein paar Leute den Durchblick haben und bewusst verwirrte Leute anziehen?

Mit Angst, Verschwörungsideologie und Wahnsinn lässt sich Macht und Geld produzieren. Es gibt also Akteure – der Soziologe würde von Milieu-Managern sprechen – die ihre Gruppierungen ausrufen, Stammtische und Veranstaltungen organisieren, um zu profitieren. Dabei lässt sich kaum unterscheiden, wer wirklich an diesen Mist glaubt und wer aus Gier zum Angstmacher und Brandstifter wird. Auch ich war lange darauf aus, zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden: zwischen den bösen Verführern und den armen Verführten. Aber das ist eine Grenze, die sehr schnell verwischt. Wer wirklich daran glaubt und versucht seine Überzeugung zum Lebensinhalt zu machen, der wird auch versuchen, zu einem großen Akteur aufzusteigen. Natürlich ist es gleichzeitig reizvoll für Leute in der Szene mit Parolen Anerkennung zu bekommen, die bekommt man nämlich sehr leicht. Selbst ich, beziehungsweise mein Alter-Ego, hat viel Achtung und Respekt erhalten. Dafür reichte es schon, dass ich gespiegelt habe, was ich zu hören bekam, und in nervösen Momenten mich stark an Gesprächen beteiligt habe. Bald gab es Anerkennung und irgendwann hatte ich einen gewissen Status. Für Menschen mit Geltungsbedürfnis und Machtgelüsten ist diese Szene also ohnehin reizvoll.

Du musstest also auch selber viel sprechen. Hast du einfach ab und zu mitgenickt, wenn stramme Parolen rausgehauen wurden oder hast du selber harte Aussagen bringen müssen?

Je nervöser ich bin, desto mehr rede ich. Nervös dazusitzen und zu hoffen, dass sich niemand so genau für dich interessiert, ist eine unheimliche Situation. Ich habe also das, was bereits gesagt wurde, gespiegelt. Bereits Gesagtes paraphrasiert und wiederholt, mitgegrölt oder mitdiskutiert. Dabei habe ich nie versucht nach heftigen Aussagen zu angeln, ich habe nie mit Parolen angefangen, um zu sehen, wie reagiert wird. Ich habe immer bloß versucht mich den jeweiligen Milieus und dem vorherrschenden Ton anzupassen.

Heftig war es, wenn ich nach vier Tagen in der Szene heimkam und mir dachte: “Was habe ich da eigentlich für Sätze in den Mund genommen?”. Aber gleichzeitig bekommt man dadurch ein gewisses Verständnis für die Effektivität dieser geteilten Verschwörungsvorstellungen. Wenn man von einem gemeinsamen Feindbild ausgeht, und davon, dass wir die einzigen Aufgewachten und das wahre Volk sind, ist man wahnsinnig schnell in einer Situation, in der man sich verbrüdert, wo man sich ein gemeinsames Nest aus Menschenverachtung basteln kann.

Du warst insgesamt acht Monate lang in der Szene unterwegs. Hast du zwischendrin das Gespür für die Realität verloren? Wurdest du zu deinem Alter-Ego?

Es gibt Momente, in denen ich zurückblicke und mich frage, wie reflektiert ich eigentlich gehandelt habe. Ich glaube, da gab es Momente, da war ich auf Autopilot, da folgte ich eben meinem Alter-Ego und der Logik der Radikalisierung. All den grässlichen Scheiß, den ich gesagt habe, die Wörter, die ich benutzt habe, die Menschen mit denen ich gesoffen und mich verbrüdert habe – solche Sachen würde ich nicht denken, sagen oder tun. Und es ist eben doch passiert. Es ist sehr einfach so zu denken, so zu handeln, so zu sprechen. Aber dass das etwas mit mir als Menschen gemacht hat, das glaube ich nicht.

Gibt es einzelne Thesen der Verschwörungstheorien, denen du im Nachhinein zustimmen kannst oder bei denen du zumindest denkst: „Da könnte was dran sein“?

Die kurze Antwort lautet: Nein. Aber klar, die meisten Verschwörungstheorien haben ein Körnchen Wahrheit. Um ein Beispiel zu geben: Die Frage nach Souveränität ist eine völlig legitime. Wie souverän ist ein bestimmter Nationalstaat, wie ist sein Verhältnis zu den Handelspartnern – in Deutschland zum Beispiel zur NATO, zur EU, zu den Bündnispartnern? Diese Frage, könnte man denken, steht im Zentrum der Reichsbürgerei, entsprechend ging ich davon aus, dass ich im Buch auch viel Debunking [Entlarvung, Anm. d. Red.] betreiben müsste. Was sind das für Verschwörungstheorien, was haben sie mit der Ausgangsfrage zu tun, wie überzeugend sind sie und was davon stimmt vielleicht? Aber wenn du dich in dieser Szene bewegst, merkst du, dass die Verschwörungstheorien von ihrem wahren Kern immens weit weg sind, dass sie mit dem kaum noch etwas zu tun haben. Aus womöglich legitimen Fragen werden rassistische, antisemitische und gefährliche Idiotien. Und im Kontakt mit den Menschen, die daran glauben, sieht man meist sofort, weshalb sie sowas glauben wollen. Dann sieht man, welchen Zweck diese Theorien erfüllen, und zugleich, wie gefährlich das ist, wie das die Menschen kaputtmacht und wer davon profitiert. Nichts davon ist auch nur ansatzweise überzeugend. Es gibt kaum Theorien, die ich auseinandernehmen musste. Die allermeisten sind bereits offensichtlich lächerlich, menschenverachtend und wahnsinnig selbstentblößend.

Jetzt ist erstmal alles vorbei, du bist aus der Szene wieder draußen. Hast du das Gefühl, mit der Veröffentlichung deines Buches die Leute in ihrer Vorstellung zu bestätigen: Da kam “der Jude” in die Gruppe, hat spioniert und schreibt, was für Spinner das sind?

Erstmal ganz wichtig: ich schreibe nicht, „was das für Spinner sind“ – ich halte auch die wenigsten für Spinner. So bescheuert ihre Ideen auch größtenteils sein mögen, will ich die Menschen dahinter nicht der Lächerlichkeit preisgeben, sondern sie verstehen. Und es geht mir weder ums dämonisieren, noch darum, das Gefährliche zu verniedlichen, sondern darum zu zeigen, was das für Menschen sind und was für ein epidemischer Verschwörungswahn gerade grassiert. Dass ich irgendwelchen überzeugten Antisemiten und Neonazis Futter für ihre ohnehin menschenverachtenden Vorstellungen geben könnte, wird die Situation nicht verschlimmern. Wir reden hier von Überzeugungen, die in sich davon ausgehen, dass wir verfolgt, zerstört und von „dem anderen“, von dem Nicht-Weißen, Nicht-deutschen, Nicht-christlichen, Nicht-heterosexuellem vernichtet werden. Ob man da einen so großen Schaden anstellen kann, das weiß ich nicht. Diese Menschen würden mich als Juden ohnehin hassen. Es ist also viel wichtiger, dass man die Funktionsweise solcher Vorstellungen bloßlegt.

Wie schwer war am Ende dein Ausstieg nach so einer langen Zeit? Ging das von einem Tag auf den anderen oder war das fließend?

Das war ein langer Prozess. Das Problem war, sich von den Leuten zu trennen. Es stellten sich die Fragen: wann sind die Geschichten auserzählt und wonach suche ich noch? Es war klar, dass die Tür zur Szene ein für allemal geschlossen sein würde, sobald ich aufhöre. Und es fiel mir entsprechend schwer, mich von einzelnen Menschen zu trennen, deren Schicksale ich teils über irre lange Zeiträume begleitet habe, die mir teilweise auch was bedeuteten.

Außerdem war es das große Wahljahr 2017 und es passierte so wahnsinnig viel, nachdem die AfD die drittstärkste Kraft wurde – auch in der Szene. Plötzlich saßen Personen, die ich getroffen hatte, im Bundestag und der Verschwörungswahn wurde mit einem mal Mainstream. Ich wollte ursprünglich nach ein paar Monaten, dann maximal nach einem halben Jahr aufhören. Und dann war ich doch noch zwei Monate länger unterwegs. Selbst als ich dann nach neun Monaten schon am Schreibtisch saß, dachte meine Reise sei nun wirklich vorbei, klingelte mein Burner-Handy, mein geheimes Reichi-Telefon, und ich bekam eine Einladung, die ich nicht ablehnen konnte. Das war dann zum Glück auch ein Treffen, das derart widerwärtig war, derart widerlich und menschenverachtend, dass ich mein Alter Ego letztendlich umbringen musste.

Du erzählst von den persönlichen Schicksalen, labilen Personen, die du gut kennenlernen durftest, und dem Vertrauen, das du gewinnen konntest. Hast du das Gefühl, deine Freunde verraten zu haben?

Die meisten, die ich als Freunde bezeichnen würde, mit denen ich Mitleid habe, wissen vermutlich noch immer nicht, wer ich bin. Das sind Leute, die abgeschottet in ihren wirren Blasen leben. Das sind Menschen, bei denen ich mir auch überlege, ob man etwas tun kann, ob ich etwas tun kann. Aber diese Möglichkeit ist mir nicht gegeben und vielleicht auch niemandem. Das sind Menschen, die sich sehr weit in dieses kuriose Sumpfgebiet rausgewagt haben und sich selbst darin verloren. Die Leute, mit denen ich in Kontakt stehe oder die sich dann bei mir melden und wütende Hass-Mails schreiben, sind meistens solche, die noch einen Fuß im bürgerlichen Leben haben. Aber all die, bei denen einem das Herz vor Mitleid zerplatzen möchte, die leben nur noch in ihrem höllischen Albtraum.

Gibt es Fälle, in denen du das Gefühl hast, dass dein Buch Leute dazu bewegt hat, ihre Überzeugungen und Weltanschauungen zu überdenken?

Das ist eine schwere Frage. Ich würde mir so sehr wünschen, dass das funktioniert. Ich habe auch einigen Leuten, bei denen ich Hoffnung habe, das Buch zugeschickt oder vorbeigebracht. Aber mit solchen Menschen kann man wirklich nur umgehen, wenn man sehr engen Kontakt zu ihnen hat. Den habe ich nicht. Ich bin ein Verräter.

Das ist eine Frage für enge Freunde, für Familie. Es ist eine mühselige und lange Arbeit, diese Menschen weiter menschlich und freundlich zu behandeln, ihnen klar zu widersprechen, aber trotzdem zu versuchen, sie mit Offenheit und Verständnis aus ihrem Verschwörungswahn herauszuholen. Ich glaube, dass das Buch Einfluss auf Menschen haben kann, die anfangen, sich für solche Ideologie zu interessieren oder die noch nicht komplett in dieser Weltanschauung drinstecken. Und ich bekomme starke Resonanz von Angehörigen – von Verwandten oder Freunden von Menschen die in diese Welt abdriften. Das freut mich wahnsinnig und ich helfe auch jetzt wo ich kann, dabei begann die Arbeit als wahnwitzige Abenteuergeschichte.

Das war eine sehr eigenartige Erfahrung. Ich kam in eine Polit-Sekte, die vor sich hinstirbt und in einem unheimlichen und halb-vermoderten Krankenhausgelände lebt – das ist literarisch ein gefundenes Fressen. Aber als Literat gehst du rein, als Aufklärer kommst du raus. Die Hilflosigkeit vieler Menschen und Regionen in Deutschland ist geradezu immens. Das ist bedrückend.

Besteht für dich als „Verräter“ Gefahr?

Leider ja. Aber man darf sich von sowas nicht einschüchtern lassen und das tue ich auch nicht. Ich habe das Buch nicht unter Pseudonym geschrieben, ich beantworte jede E-Mail, die ich bekomme, ich stehe auch für Telefonate zur Verfügung. Schon das widerspricht deren Vorstellung von den „geheimen, gesichtslosen Kräften“, die uns unterdrücken. Ich bin ich und zu jedem Gespräch bereit.

Du hast bereits die AfD angesprochen. Wie stark sind die Verbindungen zwischen AfD und der Reichsbürgerszene?

Es geht hier nicht bloß um Verbindungen – im völkisch-nationalistischen Flügel der AfD gibt es regelrechte Überschneidungen. Aber auch im Parteiprogramm der AfD ist von einem „geheimen Souverän“ die Rede und Alexander Gauland spricht derweil von einer „Kanzlerdiktatorin“. Das Sprechen über internationale Kräfte, die das deutsche Volk unterjochen, findet man bei der AfD auch in der Rhetorik, Verschwörungserzählungen wie die „große Umvolkung“ gehören zum Standartrepertoire. Das findet man vom hintersten Provinzkaff bis in den Bundestag. Man könnte meinen, das sei alles Kokettieren oder Strategie, aber ich habe auch Menschen getroffen, die heute im Bundestag sitzen und diesen Scheiß einfach glauben. Zum Beispiel Peter Boehringer [AfD, Anm. d. Red.], der davon überzeugt ist, dass Weltregenten einen Wirtschaftscrash provozieren und den Deutschen ihr Gold rauben wollen. Der Mann ist mittlerweile Vorsitzender des Haushaltsauschusses im Bundestag. Nein, wir haben in Deutschland kein Problem mit Reichsbürgern, wir haben ein Problem mit rechtsradikalen Verschwörungstheorien. Salonfähig sind die schon längst, jetzt sind sie dabei, sich immer weiter zu verbreiten.

Vielen Dank, Tobias!

Verlosung

Du trägst auch morbide Neugier in dir und möchtest deine eigene Reise ins Reich starten? Wir verlosen hier zwei Exemplare des Buchs „Die Reise ins Reich“ von Tobias Ginsburg, lass uns einfach unten einen Kommentar da!


In aller Kürze:

Was? „Die Reise ins Reich“ von Tobias Ginsburg

Wo? Erschienen bei Das Neue Berlin (Eulenspiegel Verlag)

Wieviel? 17,99 Euro, hier zu bestellen


Beitragsbild: © Marietta Weber

4 Comments
  • Kristin
    Posted at 12:54h, 05 August

    Hört sich spannend an.

  • Andreas Haase
    Posted at 16:12h, 07 August

    Vielen Dank für deinen Mut, Tobias.

  • Tim
    Posted at 11:00h, 08 August

    Interessantes Interview, macht in der Tat neugierig was da alles zutage gefördert wurde!

  • Ronja Lotz
    Ronja Lotz
    Posted at 09:40h, 13 August

    Die Verlosung ist rum, die GewinnerInnen werden demnächst via Mail benachrichtigt.

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