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Rundgang auf den Spuren von Olympia 72

Florian Kappelsberger
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Kein anderes Ereignis hat das Stadtbild Münchens in der Nachkriegszeit so sehr geprägt wie die Olympischen Sommerspiele 1972. Mit der überraschenden Vergabe im Jahr 1966 stand die Stadt vor einem gigantischen Projekt: Innerhalb kürzester Zeit mussten Wohnraum, Infrastruktur und Schauplätze für die Wettkämpfe geschaffen werden. In dieser Tour erkunden wir, welche Spuren Olympia 72 vor knapp fünfzig Jahren in der Landeshauptstadt hinterlassen hat:

Start im Olypark

Wir beginnen (natürlich) im Olympiapark. Kaum haben wir ihn betreten, verschwindet der Lärm des Straßenverkehrs, stattdessen: weitläufige grüne Wiesen, hochgewachsene Bäume, Vogelgezwitscher – man vergisst fast, dass man in einer Millionenstadt unterwegs ist. Gerade bei gutem Wetter ist der Park einer der beliebtesten und lebendigsten Orte der Stadt, uns begegnen viele Hunde, motivierte Sportler*innen und verlegene Tinder-Dates bei ihrem ersten Treffen. Und schon von hier aus blicken wir auf den gigantischen Olympiaturm, der hinter der grünen Landschaft in den Himmel ragt.

Wir steigen den Hügel hinab und gehen am Ufer des Sees entlang, vorbei an schnatternden Enten und Tretbooten, die über das Wasser gleiten. Schließlich stehen wir vor dem Olympiastadion, dem Herzen der Spiele von 1972. Der Entwurf des Architekten Günter Behnisch sollte für das neue Deutschland stehen: friedlich, weltoffen, modern. Besonders beeindruckend ist das transparente, scheinbar schwebende Zeltdach, das die Sporthallen und das Stadion überspannt. Anfangs gab es Zweifel an der Umsetzbarkeit des Modells, heute ist es aus der Stadtkulisse nicht mehr wegzudenken.

Ab ins Dorf

Wir überqueren die Brücke, die über den dicht befahrenen Georg-Brauchle-Ring führt – ein kleiner Einschnitt in der grünen Idylle des Olympiaparks. Nur kurz darauf ist der Lärm der Autokolonnen aber wieder vergessen und wir erreichen das Olympische Dorf. Die Anlage wurde für die rund 12.000 Sportlerinnen und Sportler aus der ganzen Welt gebaut, die für die Olympischen Spiele 1972 nach München kamen. Es ist ein ambitioniertes städtebauliches Experiment: eine moderne und autofreie “Stadt in der Stadt” mit eigenen Schulen, Kindergärten, Kirchen und Geschäften. In den Reihen- und Hochhäusern wohnen heute vor allem Senior*innen und junge Familien, während die Bungalows mit den bunt gestalteten Fassaden an Studierende vergeben werden. So ist ein lebendiges urbanes Dorf entstanden, das zu einem der beliebtesten Wohngebiete Münchens geworden ist.

Vor einer der Wohnungen in der Conollystraße 31 erinnert eine Gedenktafel an das Attentat, das die Sommerspiele überschattete: Am Morgen des 5. September 1972 drangen acht schwer bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe “Schwarzer September” in das Olympische Dorf ein und nahmen zwölf Olympioniken der israelischen Delegation als Geiseln. Die Verhandlungen mit den Terroristen scheiterten, der Polizeizugriff am Flugplatz Fürstenfeldbruck endete in einem Fiasko. Die Attentäter ermordeten insgesamt elf Geiseln, ein bayerischer Polizist starb beim Befreiungsversuch. Bewohner und Besucher*innen des Olympiadorfs legen bis heute Steine auf der Gedenktafel vor dem damaligen Quartier der israelischen Mannschaft ab – eine jüdische Tradition, um die Erinnerung an die Toten lebendig zu halten.

Zum Lost Place Bahnhof München Olympiastadion

Wir verlassen das Olympiadorf wieder und folgen dem Weg durch den Park in Richtung Westen, bis wir am Bahnhof München Olympiastadion landen. Anstatt rumpelnder S-Bahnen und hektischer Pendler erwartet uns hier eine grüne Kulisse in gespenstischer Ruhe. Die S-Bahnstation wurde für die Sommerspiele 72 gebaut, danach wurde sie nur noch sporadisch angefahren. Nach einem tragischen Unfall im Jahr 1988 wurde der Bahnhof dann endgültig geschlossen und sich selbst überlassen. Seitdem erobert die Natur ihn stetig zurück: Zwischen den grauen Schottersteinen sprießen Pflanzen hervor, das verlassene Gleisbett wird langsam von Sträuchern zugewachsen. Der Zutritt zum Bahnhof ist verboten, Versuche einer neuen Nutzung (abseits von Graffiti) werden von der Stadt unterbunden.

Wenige hundert Meter weiter liegt die Pressestadt, ein enormer Gebäudekomplex mit 45 Häusern. Er wurde errichtet, um rund 4.000 internationalen Journalist*innen unterzubringen, die für die Olympischen Spiele 1972 anreisten, seitdem werden die Wohnungen vermietet. Verglichen mit dem Olympiadorf scheint die Siedlung innerhalb der letzten fünfzig Jahre deutlich gealtert, die ambitionierte Architektur beeindruckt trotzdem noch heute. Zudem sind Anbindung und Lage der Pressestadt unschlagbar, mit dem Olympiapark auf der einen Seite und dem Olympia-Einkaufszentrum auf der anderen.

In der ganzen Stadt Olympia

Die Spuren der Sommerspiele von 1972 sind aber nicht nur im Gebiet um den Olympiapark sichtbar, sondern in der ganzen Stadt. Es gibt viele Orte, mit denen sich diese Runde noch erweitern ließe – etwa die Regattastrecke in Oberschleißheim, die für die Spiele angelegt wurde und heute als Geheimtipp unter den Ausflugszielen in München gilt. Oder man besucht das Japanische Teehaus im Süden des Englischen Gartens, das von Münchens Partnerstadt Sapporo gestiftet wurde. Für Architekturbegeisterte sind auch die vier Stationen der Olympialinie U3 (Bonner Platz – Scheidplatz – Petuelring – Olympiazentrum) spannend, mit ihrem grauen Brutalismus und den kantigen Reliefs in Sichtbeton.

Schlusspunkt auf dem Berg

Wir kehren dagegen zu unserem Startpunkt zurück und beenden diese Tour durch das olympische München auf dem Olympiaberg. Von hier aus kann man den Park in seiner gesamten Weite überblicken und bekommt ein Gefühl dafür, wie sehr die Sommerspiele von 1972 das Bild der Stadt geprägt haben – ein einzigartiger Einschnitt, den man bis heute spürt. Und so genießen wir hier wie viele andere Münchnerinnen und Münchner die Abenddämmerung und sehen der Sonne dabei zu, wie sie langsam hinter dem Zeltdach des Olympiastadions verschwindet.


Fotos: © Barbara Chan, Florian Kappelsberger, Lucas Thannhäuser

Unsplash / Moritz Mentges

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