Kultur, Nach(t)kritik

Cowboy-Arzt auf Höhenflug

Nora Niedermeier
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Vor dem Altern sind auch die besten Ärzte nicht geschützt – dieses seltsame Gefühl beschleicht einen schon in der schier endlosen Schlange vor dem Freiheiz, in dem sich ein Drittel der Ärzte, in diesem Fall Bela B. solo, an diesem Donnerstagabend die Ehre geben. Begleitet wird der Sänger/ Schlagzeuger/ Teilzeit-Gitarrist hierbei von den Jungs von Smokestack Lightnin´ und der Hamburger Produzentin und Sängerin Peta Devlin, mit denen er zusammen sein neues Album Bye aufgenommen hat.

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Kuriose Nostalgie

Etwas kurios verwirrend fängt der Abend mit einem „Manowar“-Stempel auf dem Handgelenk an (Warum?! Ode an alte Männer?! Häh?!) – doch der erfahrene Konzertgänger lässt sich ja nicht entmutigen, sondern holt sich ein Bier und stürzt sich ins Getümmel. Doch schon hier erneute Verwunderung: Das erwartete „Getümmel“ gleicht eher einem Ehemaligen-Treffen von Altmetallern und Enddreißigern und anstelle von Oma-Schreck-Revolutionären trifft man Frischvermählte und biedere Halbschuhträger. Vom erwarteten Geist des Ärzte-Punks ist in der wunderschönen Industriecharme-Kulisse des Freiheiz eher wenig zu spüren.

Doch man soll ein Konzert nicht nach seinem Publikums-Deckel beurteilen, gerade wenn die eigenen Erwartungen ebenso nostalgisch an das alte Image der Ärzte geknüpft sind, die ja bekanntermaßen ihre Punk-Underground-Zeiten auch schon seit einigen Jahrzehnten hinter sich gelassen haben. Und Mittelpunkt sollte ja auch Bela B auf seiner Solotour sein, der sich mit der Zusammenarbeit mit den Smokestack Lightnin´, die für ihren Rockabilly/ Country Sound bekannt sind, deutlich von der gewohnten Ärzte-Mucke abgesetzt hat.

Ein Flair von Sixties und Cowboys

Und so steigen die Jungs von Smokestack Lightnin´ als „Vorband“ ersteinmal ohne den Oberarzt auf die Bühne und präsentieren ihren verträumten Cowboy-Sound, der das Publikum dank extravaganter Frisur der Frontfrau und Howdy-Rhythmen ordentlich in Vorfreude auf das Folgende versetzt.

Neverending friendship

Jetzt muss man dazu sagen: Normalerweise läuft es auf Konzerten ja so ab: So lange die Support-Acts spielen gibts noch Frieden und Freundschaft im Publikum, man kann mal schnell auf die Toilette gehen und bekommt seinen Platz wieder, es wird geratscht und sich ein bisschen warmgetanzt. Doch wehe der Star des Abends betritt die Bühne! Dann ist Schluss mit Lustig, dann herrscht Krieg! Die besten Plätze werden mit Ellbogen und Bierduschen verteidigt – Darwin´s law per exellence!
Doch die Überraschung des Abends: Nicht so hier! Hier ist selbst die zweite Reihe durchgehend nur locker besetzt und auch von schlüpferwerfenden Ultrafans keine Spur. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Großer Jubel bei Belas Auftritt! Lautes Klatschen nach jedem Song! Doch das rechte Partyfieber will trotzdem nicht aufkommen.

Arzt auf Höhenflug?

Vielleicht liegt das auch ein bisschen an dem in die Jahre gekommenen Oberarzt. Dem fast 52-jährigen Altrocker sieht und fühlt man die Bühnenerfahrung an, sehr routiniert und fast arrogant führt er durch das Konzert. Euphorische „Bela!“-Rufe kommentiert er trocken: „Ja, danke, das ist mein Name. Falls ich mal Alzheimer bekomme, komme ich auf dich zurück.“ Das kann charmant und witzig sein… kann aber auch sehr überheblich rüberkommen. Und spätestens bei der dritten Erwähnung seines „selbst finanzierten“ Plattenlabels, dem „Peta Devlin ja jetzt unter die Arme gegriffen hat“, wird man zweiteren Eindruck nicht los.

Tolle Songs – flaue Stimmung

Die Songauswahl für dieses Konzert ist allerdings erfrischend neu und anders, Johnny Cash mit frechen, manchmal nachdenklichen Texten aber immer absolut tanzbar und mit Gute-Laune-Garantie. Vom „wollüstigen Streichholzmann“ bis zur Country-Coverversion von „Manchmal…haben Frauen“ ist alles dabei – und doch lässt einen der Eindruck nicht los, dass die wahre Party- und Tanzstimmung irgendwo zwischen Amerika und hier verloren gegangen ist. Außer beherztem Zehenwippen wagt das Publikum keine größeren Sprünge und nach der vierten „Ich-bin-ein-Rockstar-seid-doch-mal-still“ Rede von Bela kann man es ihm kaum noch übel nehmen.

Der Albtraum eines Rockstars

Zum Ende hin erzählt Bela B dann noch „von einem Albtraum, den er im Tourbus gehabt habe“: Er habe geträumt, der Schlagzeuger sei vollkommen betrunken gewesen, er habe ihn angeschrien, seinen Part übernommen und Peta Devlin aus der Band gefeuert. Die als ganz intime, lustige Einsicht in das Innenleben eines Bühnenstars verkaufte Story mutet mehr als fader bis nerviger Höhepunkt der absoluten Selbstüberhöhung des Alt-Arztes an und mehr als „Bela! Bela!“ wollte man rufen: „Nimm dich selbst nicht so wichtig!“. Mit dem Alter kommt wohl auch die Arroganz. Das tolle Album, die tolle Band und die tolle Location hätten so viel mehr hergeben können. Rausgekommen ist an diesem Abend ein überheblicher Pflichtakt eines eigentlich so tollen Künstlers. Schade.

Fotos: Alexander Franke

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