Kinogucken, Kultur

Die irre Lust am Durchdrehen

Nora Niedermeier
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Ein ausgestreckter Mittelfinger, ein abgeschleppter Wagen, ein ungebetener Gast bei einer Hochzeit… Es sind die kleinen Dinge im Leben, die einen so richtig auf die Palme bringen können. Manche Menschen atmen dann dreimal tief ein und aus und verstauen ihre Wut in ihrem Unterbewusstsein. Und andere rasten richtig aus. Wie nah jeder von uns an der Grenze zum Wahnsinnigwerden steht, davon handelt Damián Szifróns neuer Film Wild Tales.

Der Film besteht aus sechs unabhängigen Episoden, die aber alle ein Thema gemeinsam haben: Die unbändige Lust daran, die Kontrolle zu verlieren. Stellt euch folgendes Szenario vor: Ihr habt gerade geheiratet und auf der Hochzeitsfeier könntet ihr platzen vor Glück und Stolz. Doch dann findet ihr beim Eröffnungstanz heraus, dass euer Partner seine Affäre zur Hochzeit eingeladen hat. Was macht ihr? Richtig, ihr rennt aufs Dach, treibt es mit einem Koch und schmeisst dann die Affäre durch einen Spiegel. Nicht so eure Art? Aber was würdet ihr machen, wenn ihr in einem einsamen Schnellimbiss arbeiten würdet und euer einziger Kunde der Mann ist, der euren Vater in den Selbstmord getrieben hat? Und es gibt keine Zeugen, die euch und das Rattengift in Verbindung bringen könnten…

Der argentinische Regisseur Damián Szifrón (El Fondo del Mar, Tiempo de Valientes) sagt selbst dazu: „Oft kommt mir die westliche kapitalistische Gesellschaft vor wie eine Art durchsichtiger Käfig, der unsere Sensibilität vermindert und unsere Verbindung zu anderen Menschen verzerrt. Wild Tales zeigt eine Gruppe von Menschen, die in diesem Käfig leben, ohne sich dessen Existenz bewusst zu sein. Aber an dem Punkt, an dem die meisten von uns ihre Gefühle unterdrücken oder depressiv werden, schreiten sie zur Tat.“ Und um diese Taten meisterhaft darzustellen, hat Szifron die Crème de la Crème des argentinischen Kinos vor der Kamera versammelt, allen voran Ricardo Darín (In ihren Augen), Leonardo Sbaraglia (Red Lights), Darío Grandinetti (Sprich mit ihr) und viele andere mehr.

Es ist die Lust an grotesker Übersteigerung von Situationen, der rabenschwarze Humor und der schmale Grad zwischen Gewalt und Ästhetik, die Wild Tales zu einem so sehenswerten Film machen. Ständig hin und her gezogen zwischen Lachen, Schock, Verständinis und Fassungslosigkeit, erinnert der Film stark an Werke von Quentin Tarantino oder den Coen-Brüder: So wird aus einem Kampf in einem brennenden Auto ein Walzer der Gewalt, schön und erschreckend zugleich. Und diese absurde Wanderung durch die Abgründe der menschlichen Seele sind teuflisch – teuflisch unterhaltend. Und das sehen sowohl Kritiker als auch Publikum genauso: Wild Tales ist nicht nur seit fünf Wochen die Nummer 1 der südamerikanischen Kinocharts und wurde in San Sebstián gerade mit dem Publikumspreis als bester europäischer Film ausgezeichnet sondern ist auch Argentiniens Oscar-Beitrag 2015.

(Kinostart in Deutschland ist der 8.1.2015)

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