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Die Kunst des Scheiterns: Victoria (28)

Annika Säuberlich

An Regentagen auf der Suche nach guten Filmen, an Sonnentagen auf der Suche nach Regentagen

Null Bock mehr auf utopisch anmutende Erfolgsgeschichten, in denen du dich nicht wiederfindest? Auf der Suche nach inspirierenden Persönlichkeiten, mit denen du dich wirklich identifizieren kannst? Lass uns der in unserer Leistungsgesellschaft propagierten Einzelkämpfer-Mentalität den Rücken kehren – MUCBOOK ist auf der Suche nach Menschlichkeit!

Die Sonne scheint und ich schlendere durch den Hofgarten. Eine große und elegante Frau kommt mir mit einem kleinen und eleganten Hund entgegen. Ihre einnehmende Aura fasziniert mich, sie wirkt ungewöhnlich stark und ich frage erst mich und wenige Sekunden später sie, was sie vom Scheitern weiß. Ihr Hund leckt an meiner Hose. Ich frage erst mich, ihn dann aber doch lieber nicht, wonach sie wohl schmecken mag.

Hier kommt Victoria (28)

Schätzungsweise 4,1 Millionen Menschen in Deutschland leiden laut WHO unter Depressionen. Obwohl dem Thema in den letzten Jahren immerhin verstärkt mediale Aufmerksamkeit gewidmet wurde, ist es im Alltag häufig immer noch ein Tabu. Victoria (Name geändert) scheitert immer wieder aufs Neue an der Krankheit und wünscht sich mehr Verständnis – wir möchten sie unterstützen.

Die Ambivalenz der Psyche

Victoria ist vor gut 12 Jahren an Depressionen mit autoaggressivem Charakter erkrankt. Das heißt sie verletzt sich selbst, um den schwerer erträglichen seelischen Schmerz mit körperlichem zu betäuben. Sie bekommt die Krankheit periodisch zu spüren. Die guten Phasen erfüllen sie mit Stolz, sie fühlt sich stark und selbstsicher.

In den schlechten hingegen sieht es in ihr ganz anders aus:
„Ich habe das Gefühl, ich bekomme nichts hin und bin mir sicher, dass alles übel endet, plane jede Sekunde, um irgendwie Sicherheit zu finden.“

Obwohl Victoria eigentlich ein sehr sozialer und aufgeschlossener Mensch ist, zieht sie sich in dieser Zeit sehr zurück. Sie berichtet mir von der Herausforderung, die der zwischenmenschliche Kontakt beim Einkaufen für sie darstellt.

„Dabei habe ich mein Leben nach offiziellen Maßstäben gut im Griff“, erzählt Victoria weiter. „Ich habe studiert, habe mich dabei schon selbst finanziert, arbeite, habe Freunde, einen Partner, sorge für meine Mitmenschen, bin aktiv und viel unterwegs.“

Ihre Geschichte geht mir sehr nah und ich bin mehr als beeindruckt davon, wie sie das alles meistert.

Depressionen sind kein Zeichen von Schwäche oder von Versagen. Im Gegenteil, sie können sowieso jeden treffen und darüber zu reden erfordert sehr viel Mut und Kraft. Victoria beschreibt sich auch selbst als starken Menschen. Eine Sache macht ihr das allerdings schwerer, als es sein sollte.

Die Unterstellung der gescheiterten Existenz

„Vielleicht wäre es leichter für mich, wenn ich von außen nicht immer das Gefühl bekommen würde, dass ich scheitere“, überlegt Victoria und bringt damit auf den Punkt, was diese Kolumne vermitteln soll.

Was auch immer passiert, man ist niemals wirklich gescheitert – die Gesellschaft hat das nur noch nicht ganz verstanden. Der Begriff des Scheiterns sollte aus den Wörterbüchern gestrichen werden. Wobei ich dann vermutlich arbeitslos wäre – vielleicht müsste er also schlicht anders definiert werden. Als Umleitung statt als Straßensperrung. Denn wie schon der 18-jährige Lindner wusste, sind „Probleme […] nur dornige Chancen“.

Und auch Victoria ist es gelungen, aus der tückischen Depression wertvolle Erfahrungen zu ziehen:
„An sich habe ich durch die Krankheit gelernt, sehr bei mir zu sein und die Dinge zu genießen.“

Eine Botschaft, die wir uns alle zu Herzen nehmen können. Menschen in einer ähnlichen Situation wie der ihren, rät sie außerdem dringend zu einer Therapie, die vieles so viel einfacher machen könne. Sich selbst nicht mit allzu hohen Erwartungen unter Druck zu setzen, sei wichtig:

„Seid gnädig zu euch selbst!“

Die problematische Haltung unserer Gesellschaft zum Thema Depression hängt meiner Meinung nach auch mit utopischen Glücksbegriffen zusammen. Unabhängig von Victorias Geschichte und mit großem Respekt vor deren Ernsthaftigkeit, lehne ich mich abschließend weit aus dem Fenster und wage den Sprung aufs Eis der naiv-oberflächlichen Alltagsphilosophie.

Wer hat sich denn schon ernsthaft mal wie ein Raum ohne Dach gefühlt?

Auf die Frage, ob sie glücklich ist, antwortet Victoria „mal ja, mal nein“. Doch was ist schon Glück? Wer weiß das schon außer Pharrell?

Es gibt zwei Sorten von Menschen (diese These stelle ich in dem Bewusstsein auf, dass jeder derart beginnende Satz mit Leichtigkeit widerlegt werden kann, doch die Formulierung klingt nun mal, als wäre im Kern alles wunderbar einfach), der Unterschied liegt in der Gewichtung von Glück und Zufriedenheit.

Die einen sind zufrieden. Eigentlich ist ja alles in Ordnung und auch schön und das Leben ist theoretisch supi, doch ein euphorisches Glückgefühl will sich trotzdem nicht einstellen. Die anderen sind grundsätzlich glücklich, gehen ausgesprochen positiv durch das Leben –  was jedoch nicht heißt, dass sie mit allem zufrieden wären.

Ich gehöre zur ersten Gruppe und bin zufrieden damit. Falls du beides sein solltest, glücklich und zufrieden, dann call me maybe und erzähl mir was über das Scheitern.

 

Herzlichsten Dank und höchsten Respekt an die lieben Menschen, die bereit waren, so offen mit mir zu reden!

Möchtest du deine eigene Geschichte über das Scheitern bei MUCBOOK lesen und deine durch sie erlangten Lebensweisheiten mit unserer Community teilen? Schreib mir einfach!

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