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Kennen wir uns? Der einzige Mensch auf der Welt

Carina Eckl

In Marlen Haushofers Roman Die Wand findet sich die Protagonistin plötzlich durch eine Kuppel abgeschottet von der Menschheit wieder. Weit und breit keine Spur von menschlicher Existenz. Nur ein Hund und eine Kuh leisten ihr Gesellschaft. An manchen Tagen fühle ich mich als wäre ich hinter dieser Wand und der einzige Mensch auf dieser Welt. Und manchmal fühle ich mich als wäre ich in einer Blase voller Wasser. Ich höre, was andere sagen, aber ihre Stimmen klingen unverständlich wie 20.000 Meilen unter dem Meer.

An diesen Tagen hinterfrage ich alles. Sogar meine Freundschaften. Ich frage mich, ob ich sie nur idealisiere und ob mich überhaupt irgendjemand versteht. Ich fühle mich als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt. Als würde ich wie in einem Musik-Video zu dramatischen Klängen durch die mondbeschienen, leeren Straßen laufen, Hände in den Hosentaschen, Existenzängste auf den Schultern. Nur dass ich nicht in einem romantisierten Musik-Video lebe, sondern diese Gefühle in der Realität alles andere als romantisch sind.    

Das Leben ist kein Musik-Video

Das Gefühl, dass das Gewicht der ganzen Welt auf den eigenen Schultern lastet. Als könnte man die kleine einsame Welt in sich selbst einfach nicht in Worte fassen. Als müsste man mit ein paar Worten die Verletzungen einer anderen Person, die sich über Jahre angesammelt haben, wieder gut machen. Selbst, wenn man sie ihr nicht zugefügt hat. Als müsste man an einem Tag einer ganzen Gesellschaft den Kopf zurechtrücken, dass jede*r endlich in Frieden leben kann. Als müsste man das Leben schon komplett geplant haben, obwohl man immer noch nicht verstanden hat, wie dieses ganze Menschsein überhaupt funktioniert.

Ich bin mir sicher, vielen geht es so.

Meine Cousins und ich haben als pubertierende Teenager festgestellt, dass wir uns zwar gegenseitig immer wieder sagen können, wie sehr wir uns lieben und wie toll wir uns finden, aber dass es nicht so einfach ist, sich durch die Augen von anderen zu betrachten.

Wir haben alle einen einsamen Ort in uns

Ich habe Freund*innen, die sich wie eine Belastung für andere fühlen, weil sie depressiv sind. Freund*innen, die ihre Worte zehnmal überdenken, weil sie Angst haben, andere zu verlieren. Sie fragen sich, wie sie anderen Sicherheit geben sollen, wenn sie sich nicht einmal selbst geben können. Ich habe Freund*innen, die aus verschiedenen Gründen nicht „der Norm“ oder einem Ideal entsprechen und sich deswegen fühlen, als würden sie nirgendwo dazugehören.

Es gibt Aktionen, bei denen man Menschen in Altersheimen Postkarten schicken kann, damit sie an Feiertagen nicht so einsam sind. Und es gibt Tage, an denen mir die Wucht dieser ganzen Einsamkeit so plötzlich bewusst wird, dass es sich anfühlt, als hätte ich minutenlang die Luft angehalten, aber es gerade erst gemerkt.

Ich glaube, wir sind alle auf irgendeine Art einsam und dass es uns noch einsamer macht, wenn wir nicht darüber sprechen.

Ich zeige dir meine Wunde, du mir deine

Wir sind so daran gewöhnt, zu funktionieren und perfekt sein zu müssen, dass es als Schwäche angesehen wird, verletzlich zu sein. Aber meiner Meinung ist die größte Stärke, zuzugeben, dass man nicht makellos ist. Narben zu zeigen. Ich zeig‘ dir meine Wunde, du zeigst mir deine. Warum ist Traurigkeit zum Beispiel überhaupt etwas Schlechtes? Ich habe zu meiner eigenen Traurigkeit mittlerweile keine Meinung mehr. Manchmal ist sie da und manchmal nicht.

Es kann frustrierend sein, dabei zusehen zu müssen, wie geliebte Menschen leiden. Dieser Sisyphos-Felsen ist schon schwer, wie schwer muss dann der Fels der Betroffenen sein? Depressionen und Ängste sind kräftezehrend genug. Wenn von außen zusätzlich Druck kommt, sich doch endlich besser zu fühlen, wird es nicht einfacher.

Für die Menschen mit Verlustängsten, die ich kenne, ist Sicherheit das größte Geschenk, das man ihnen machen kann. Das Problem dabei ist, dass es nicht so einfach ist, zu glauben, wenn jemand sagt: „Ich gehe nicht, du brauchst keine Angst haben.“ Taten bedeuten oft mehr als Worte.

Overthinking ist manchmal einfach nur Liebe

Eine Freundin sagt mir, dass sie mir wirklich glaubt, dass ich in ihrem Leben bleibe und ich glaube ihr, dass sie bleibt. Warum? Weil wir immer füreinander da sind, auch in für uns beide belastenden Phasen. Weil wir über alles offen sprechen, auch über Fehler und deswegen immer versöhnlich miteinander sein können.

In einem unserer Gespräche erzählt sie mir, sie habe Angst, dass mich ihre Aussage verletzt haben könnte. Ich antworte ihr, dass ich mir das schon dachte und ihr mit meiner Reaktion darauf zeigen wollte, dass sie sich keine Sorgen machen brauche. In einer Diskussion über Politik gehen lange Sprachnachrichten zwischen uns hin und her, weil wir sicher gehen wollen, dass die andere sich nicht verurteilt fühlt.

Klingt nach heftigem Overthinking? Ich bin dankbar, dass ich Menschen in meinem Leben habe, die verstehen, wie es ist, wenn man andere unter keinen Umständen verletzen möchte. Die so umsichtig sind. Die sich verletzlich machen.

Veränderungen sind wie Pflanzen

Dass er früher verbissener an seinen eigenen Meinungen festgehalten habe, aber merkte, dass man offen dafür sein muss, sich selbst zu hinterfragen, sagte mir eines meiner Familienmitglieder. Das finde ich bewundernswert. Ich denke nicht, dass man mit aggressiven, belehrenden Worten viel bei anderen bewirken kann. Sondern nur mit Geduld. Innere Veränderung ist sanft. Sie braucht Zeit zu wachsen – wie Pflanzen.

Vielleicht bin ich zu romantisch, aber ich stelle mir oft vor, wie viel besser die Welt aussähe, wenn Menschen offener über ihre Gefühle sprechen würden. Über die guten und die schlechten. Damit kann man Ängste und Depressionen nicht wegzaubern, aber man kann es den Betroffenen in unserer Gesellschaft einfacher machen.

Gemeinsam allein sein

Niemand von uns ist der einzige Mensch auf der Welt. Vielleicht wird mich niemand zu 100% verstehen, weil nun einmal nur ich in meiner eigenen Haut stecke. Aber ich habe die Möglichkeit, meinen Freund*innen zu sagen, wie ich mich fühle. Dabei habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass mein Gegenüber die Einsamkeit kennt. Bei ihm sieht sie nur einfach anders aus.

Manchmal muss man selbst den ersten Schritt machen und sich öffnen, damit es andere auch können. Vielleicht kommt beim ersten Mal nicht die Reaktion, die man sich wünscht. Aber je öfter man es versucht, desto mehr lernen wir alle über Emotionen, sammeln Erfahrungen und werden stärker. Durch unsere Verletzlichkeit.

Ich bin mir sicher, dass wir zufriedener wären, wenn jede*r einen Menschen hätte, um offen über die eigenen Gefühle zu sprechen. Und wenn man diese Person selbst noch nicht gefunden hat, ist man sie vielleicht für jemand anderen.

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