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Münchner Gesichter mit Fabian Warmdt von Glocally

Carina Eckl

Wer kennt es nicht – ihr müsstet dringend einkaufen gehen, weil der Kühlschrank nur mit gähnender Leere gefüllt ist, habt aber absolut keine Lust sich von der kuscheligen Couch wegzubewegen. Oder ihr wollt unbedingt ein bestimmtes Buch haben, aber auf keinen Fall Amazon unterstützen. Für solche ‘Notlagen’ gibt es den Münchner Lieferservice Glocally. Wenn ihr dort bestellt, tut ihr sogar der Umwelt etwas Gutes, da ausschließlich mit dem Fahrrad ausgeliefert wird.

Wir haben mit einem der Gründer, Fabian Warmdt, über sein Projekt und München gesprochen.

Stell dich doch mal in drei Sätzen vor:

Ich bin Fabian, 24 Jahre alt, bin im Allgäu aufgewachsen und studiere im Master an der Technischen Universität München. Aktuell gründe ich mit Felix und Philip zusammen das Startup Glocally, bei dem wir den lokalen Einzelhandel unterstützen, indem wir Münchner Läden eine taggleiche und zugleich nachhaltige Lieferung ihrer Bestellungen mit dem Lastenrad anbieten. Wenn ihr mich also nicht gerade auf dem Lastenrad mit Paketen durch München heizen seht, dann bin ich in meiner Freizeit höchstwahrscheinlich gerade mit dem Rennrad auf dem Weg zum Starnberger See oder Kloster Schäftlarn.

Woran arbeitest du gerade?

An Glocally! Geboren wurde die Idee vor circa 9 Monaten. Als mein H&M Paket erst nach 6 Werktagen nach der Bestellung bei mir in München ankam, war die Versandadresse ein Warenlager in Warschau, Polen. Ich habe mich gewundert, warum die Hose und der Pulli erst durch halb Europa transportiert werden, wenn in München selbst die gleichen Produkte in den Läden eigentlich vor Ort sind. Wenn man auf die Produkte lokal zugreifen könnte, würde die Lieferung nämlich schneller und vor allem nachhaltiger ablaufen. Meine Mitgründer und mich hat das Thema dann nicht mehr losgelassen: wir haben ein halbes Jahr mit Unterstützung der UnternehmerTUM an unserer Idee gearbeitet, und seit Februar fahren wir für die ersten Münchner Einzelhändler*innen ihre Bestellungen mit unseren Lastenrädern aus. Die Inhaber*innen der Läden sind begeistert und es werden wöchentlich mehr. Wir haben eine Warteliste, auf der sich Händler*innen registrieren können. Bestellungen können bei uns entweder automatisch mit unserer Integration in den Online Shop getätigt werden, oder ganz klassisch per Eingabemaske oder E-Mail. Wichtig ist uns, dass wir dabei unsere Kurier*innen mehr als gerecht bezahlen und sie Spaß am Liefern mit dem Lastenrad haben. Denn wir wollen Win-Win Situationen schaffen: Kund*innen bekommen ihre Bestellung am gleichen Tag, der Einzelhändler hat einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Amazon und die Kuriere haben Spaß und werden gut bezahlt – und wir bei Glocally haben eine erfüllende Arbeit!

Was ist neu, anders und einzigartig an deinem Projekt?

Die Diskussion um die Rettung des Einzelhandels ist nicht neu. Jedoch ging es dabei meistens darum, wie der Einzelhandel am besten Amazon, Zalando & Co. nachahmen kann. Sprich: Amazon macht etwas, dann war sofort die nächste Frage: wie kann der Einzelhandel das 1:1 umsetzen? Und ja, da diese beiden Unternehmen so unterschiedlich sind, wird das nie funktionieren. Meiner Meinung nach wird zu wenig gefragt, was der Kunde eigentlich will. Und der will online einkaufen, weil es so einfach und unkompliziert ist. Das können wir nur sehr schwer, bzw. gar nicht ändern. Jedoch sehen wir auch ein immer größer werdendes Bedürfnis der Kund*innen nach Lokalität und nachhaltigem Konsum. Kann man das verknüpfen? Amazon nicht – aber wir schon. Es geht darum, die Eigenschaften des Einzelhandels, wie in unserem Fall die Approximität zu den Kund*innen, gezielt zu nutzen, und im Zusammenspiel mit Technologie dem Einzelhandel eine Spielwiese an die Hand zu geben, die Amazon nicht nur nachmacht, sondern in allen Aspekten auch besser ist: schnellere und nachhaltige Lieferung mit einfacher Bestellung, dennoch einen Service vor Ort falls es Probleme oder Fragen mit dem Produkt gibt.
Die Denkweise, die bestehenden Charakteristiken des Einzelhandels auf das aktuelle Kundenbedürfnis anzupassen, und nicht die Adaption der Praktiken von Amazon zu fordern, das ist neu, anders – und hoffentlich bleiben wir damit nicht einzigartig.

Das Gründerteam von Glocally

Was sind deine Ziele für das Projekt?

Unsere Mission ist es, die letzte Meile der Logistik nachhaltig zu gestalten. Deshalb haben wir uns als Ziel gesetzt bis Ende August mindestens 100 Einzelhändler*innen in München unseren Service anzubieten. Auch wollen wir in weitere Städte expandieren, da die Läden und Städte dort ja dieselben Probleme wie hier in München haben. Zusätzlich zu diesen Zielen wollen wir als Glocally ein Unternehmen sein, bei dem alle Mitarbeiter*innen glücklich zur Arbeit kommen. Wir wollen ein Platz des Lernens sein, ein Umfeld schaffen für individuelle Verwirklichung und dadurch die besten Leute anziehen – von Gründer*innen bis zu Kurier*innen wollen wir da keine Ausnahmen machen.

Worüber fluchst du am häufigsten in München?

Hahaha, ja gute Frage… Beschweren kann man sich ja immer leicht. Was aktuell schon etwas stört, sind die vielen Baustellen, und die generelle Müllverschmutzung an der Isar und im Englischen Garten. Ich verstehe nicht so ganz, wieso so viele Leute kein Problem damit haben, ihren Müll einfach liegen zu lassen.

Und was läuft eigentlich doch ganz in Ordnung?

Ja viel! Was mir positiv auffällt sind die vielen Ladesäulen für E-Autos, es werden gefühlt immer mehr. Auch kommen zum Glück neue Radwege hinzu, und ich bin schon gespannt auf die neue Stammstrecke und auf die Erneuerung der U-Bahn Haltestelle am Sendlinger Tor. Und mein Highlight des Sommers für München waren die vielen Restaurants und Bars, die ihre Sitzmöglichkeiten auf der Straße ausbreiten konnten. Das war so cool, es hat das Stadtbild wirklich schlagartig positiv verändert, wenn man an einem warmen Sommerabend durch München gezogen ist und überall die netten Ecken waren. Fast wie in Italien 😉

Das macht dich zum Münchner:

Die Berge, die Seen zum Radfahren im Sommer, das ist an München wirklich einzigartig. Aber der ausschlaggebende Grund sind letztendlich meine Freunde, meine Community. Wir sind alle hier nicht in München, weil wir hier geboren wurden, sondern weil uns die Stadt angezogen hat: Die Möglichkeiten an den Unis, vor allem der UnternehmerTUM, die inspirierenden Leute aus aller Welt, die an superspannenden Fragen zu Technologie und Zukunft arbeiten, die was verändern wollen. Deshalb sind wir Münchner*innen. Weil die Stadt uns dieses Umfeld bieten kann, und wir im Gegenzug uns natürlich auch fragen, wie wir München weiterbringen können – zum Beispiel mit Glocally.

Geht immer:

Eisbach treiben im Sommer und mit der Tram wieder zurück, Pizza bei Lo Studente, Rennradtour nach Starnberg auf der Olympiastraße und Flunkyball im Englischen Garten.

Deine Lieblings- Insta- oder Twitteraccounts?

Ich bin nicht so viel in Social Media unterwegs… Jedoch ist eines meiner Lieblingsbücher definitiv das Teenager-Buch „Eine wie Alaska“ von John Green. Ich habe es damals mit 13 das erste Mal gelesen, und seitdem viele Male wieder. Es beschäftigt sich mit der Frage „Was der Ausweg des menschlichen Leidens ist“, bzw. der Sinn des Lebens. Hat mir sehr gut gefallen, kann ich nur empfehlen. Was ich jedoch jeden empfehlen kann ist der „Tägliche Stoiker“. Jeden Tag kann man da eine kleine philosophische Lebensweisheit des Stoizismus lesen. Mir hat es geholfen, in den unsicheren Umständen wie aktuell mit Corona und in einem Startup, bei dem sich auch jeden Tag alles ändert, ruhiger und geerdeter zu bleiben. Probiert es aus!

Wo findet man dich?

Im neu eröffneten Munich Urban Colab, das Zentrum für Innovation in München, an meinem Laptop.

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1Comment
  • Bernadette Brandner
    Posted at 22:52h, 20 April

    Super Idee!! Wo kann man denn mit Glocally bestellen?

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