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Döll im Strom: Direkt in die Fresse!

Vor gar nicht allzu langer Zeit verirrten sich gerade mal 17 Leute zu einem seiner Konzerte. Die vor der Bühne hier und da mit den Köpfen nickten. Recht trostlos sah das aus! Wo? In Essen vor zwei Jahren, wie Döll während seines Auftritts in München im Strom erzählt. Doch jetzt ist die Bude voll, richtig voll.

Die Zeiten ändern sich

Die Musik nicht. Die besteht immer schon und immer noch aus einer äußerst gewaltigen Ladung Rap, die nur so vor Leben, Abgründen und Ideen sprudelt. Vor vier Jahren hatte das Fabian Döll, so heißt der Rapper aus Darmstadt, bereits mit seinem Debüt „Weit entfernt“ (EP) gezeigt und klar gemacht. Der große Durchbruch blieb jedoch aus. Es wurde ruhiger um ihn.

Mit „Nie oder jetzt“ folgt seine erste LP – und Solo-Tour durch Deutschland. Dabei steht er vorne auf der Bühne, hält das Mikrofon in der Hand. Hinter ihm dreht sein großer Bruder Marco Döll aka Mädness die Plattenteller. Ab und zu tritt auch Robert Winter in Erscheinung– DJ, Fotograf und Kumpel von den Dölls.

Schmerzhafte Tätowierungen im Gesicht

Ansonsten rocken die beiden Brüder knapp 90 Minuten lang die Bühne. Zelebrieren ein Spiel aus Worten und Beats, das sich klar von der oberflächlichen Grütze aus Glitzer, Glamour und aufgesetzten Gangsterposen abhebt. Schmerzhafte Tätowierungen im Gesicht oder aufgepumpte Arme, Beine und Köpfe aus der Muckibude, die mit dicken Goldketten behangen sind, braucht Döll nicht, um seine Story glaubwürdig erscheinen zu lassen. Auch nicht leicht bekleidete Frauen. Er setzt auf seine Musik, sein Inneres, seine Beats, seine Reime – haut diese sehr geradlinig und schonungslos raus.

Der Darmstädter schaut auf den ersten Blick recht harmlos aus. Grauer Pullover, kurze Haare, nettes Lächeln. Doch sobald er seine Reime übers Mikro durch den Raum schleudert, baut sich ein wahrer Wirbelsturm auf, der einen packt, wegbläst, und kräftig durchschüttelt.

Für mächtigen Wirbel sorgen auch die verschiedenen Produktionen – mit Torky Samples und Enaka Synthies.  Herauskommt dabei kein Chaos, sondern echte Musik. Mit fetten Beats, Loops, Sounds und  einem zerstörerischen Flow in der Stimme schafft es Döll, seine erlebten Krisen und fortwährenden Überlebenskampf greifbar und spürbar zu machen – wie Zweifel, Depressionen, Spielsucht, Angst, Liebe und Alkohol. Aufgeben kommt jedoch nicht in Frage: Döll kämpft unermüdlich, will kein Mitleid, kein Aufsehen, kein Spektakel – er will Rappen. Hart und erbarmungslos, frisch und direkt in die Fresse.

„Ich verlasse beim Schreiben das Hier und Jetzt“

„Ich verlasse beim Schreiben das Hier und Jetzt“, sagt Döll. Die Musik zieht ihn raus, verleiht im Flügel. Angst vor einer Bruchlandung hat er, doch am Ende steht Döll immer wieder mit beiden Beinen auf dem Boden. Das wird besonders deutlich, wenn ein Song beendet ist und Ruhe einkehrt. Dann schaut Döll seinen Zuhörern in die Augen, lacht und erzählt  Anekdoten über die „verfickte bayerische Polizei“ oder seinen großen Bruder. Familie und Freundschaft sind ihm sehr wichtig: „Wenn ihr Depressionen habt, an Borderline leidet oder sonst irgendwelchen Scheiß mit euch herumschleppt, dann redet mit euren Freunden, holt euch Hilfe“, sagt er und betont: „Das meine ich ernst.“

Die 90 Minuten sind schnell rum. Während der ersten und zweiten Zugabe bringen die Brüder sogar die Masse im Strom dazu, Pogo zu tanzen. Eine Seltenheit, das gemeine Münchner Publikum hält sich sonst doch eher zurück. Nicht bei und mit Döll: Er macht sein Ding – zusammen mit Mädness.

Ein in jeder Hinsicht bewegendes Konzert, ein bewegender Rapper, der nicht mehr lange ein Geheimtipp bleiben dürfte. Yeah! Die Zeiten ändern sich.


Fotos: © Sebastian Schulke

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