Kammerspiele_drei_Schwestern
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Eine Stadt, zwei Bühnen: Drei Schwestern

Sandra Langmann

Auslandsösterreicherin mit einer Vorliebe für München, Schreiben, Kaffee und Me(eh)r.
Sandra Langmann

1901 brachte Anton Tschechow „Drei Schwestern“ erstmals auf die Bühne. Ein Drama, in dem die Menschen im Zeichen des Verzichts leben und anstatt miteinander, nebeneinander her Leben. Passt also perfekt in die heutige Zeit, oder?

Ja, denn obwohl das damalige Publikum nicht viel damit anfangen konnte, wurde das Stück danach immer wieder gerne adaptiert und auf unterschiedliche Art und Weise inszeniert. Aktuell in München sogar gleich von zwei Häusern gleichzeitig: In den Kammerspielen (Premiere bereits im April 2019) und nun auch im Residenztheater (Premiere November 2019).

Wir haben uns beide Versionen kurz nacheinander angeschaut und uns gefragt: Was ist denn so besonders an Tschechows Drama und vor allem: Wie unterschiedlich wird es auf die Bühne gebracht?

Kurz zum Original

Zum ersten Mal wurden die „Drei Schwestern“ 1901 im Moskauer Künstlertheater aufgeführt. Beim Publikum kam Tschechows Drama nicht so gut an. Denn der russische Schriftsteller und Arzt führte Elemente ein, die bis dahin ungewöhnlich waren: Es gibt zum einen keinen wirklichen Handlungsschwerpunkt, sondern viele verschiedene Nebenhandlungen. Zum anderen gibt es keine zentrale Heldenfigur – die Hauptfigur ist gleichwertig mit den anderen Protagonisten.

Anton Tschechow beobachtete den Alltag der Menschen und gab diesen wieder. Seine Figuren leben im Zeichen des Verzichts und sind daher einsam, träumen von der Zukunft und sehnen sich nach Vergangenheit. Klingt eher deprimierend, aber Tschechow verpasst dem Ganzen eine Portion Ironie – daher sind seine Stücke wie Komödien zu lesen.

Drei Schwestern im Resi

Der Vorhang geht auf und da steht: ein Haus. Dreistöckig, modern, mit großzügigen Glasfassaden, die viel Einblick ins Geschehen geben. Die Zeit bleibt gar nicht, um sich jeden Winkel genau anzuschauen und diesen Bau erst einmal auf sich wirken zu lassen. Die Protagonisten reden drauf los und in jedem Raum passiert etwas anderes. Unten, in der Küche, in der Irinas Geburtstag gefeiert wird. Im Wohnzimmer in der Mitte marschieren weitere Gäste ein und unterhalten sich. Oben befinden sich Schlaf- und Badezimmer, in dem gleich zu Beginn ordentlich gekifft wird.

Es dauert eine Weile, bis man weiß, wer zu wem gehört. Wer mit wem was hat, zusammen oder verwandt ist. Aber das ist am Anfang auch egal, weil die Gespräche auch ohne diese Infos auskommen. Die Figuren reden vor sich hin. Wollen dem anderen erzählen, was sie gerade beschäftigt. „Ich habe weiche Haut. Aber die sieht man nicht wegen den Falten.“ Wer will einen Mojito?“ „Das wird so abkrassen.“

Anton Tschechow verwendet bestimmt nicht den Ausdruck „abkrassen“ – der Regisseur Simon Stone holt das Drama ins Heute und verwendet daher auch die Gegenwartssprache.
Stone gibt Einblicke in den Alltag, indem er einzelne Szenen rauspickt. Die Figuren sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie ständig aneinander vorbei reden. Zuerst geht es beim einen um Netflix, während der andere schon wieder mit einer Prosciutto-Maschine hantiert, die für das Geburtstagskind gekauft wurde. Dass Irina Vegetarierin ist, ist an Onkel Roman vorbei gegangen. Wirklich darauf eingehen will aber niemand. Die so entstehenden Unterhaltungen wirken so lächerlich, dass das Drama komisch wird.

Überall im und ums Haus spielen sich andere Szenen ab. Um alles sehen zu können, dreht sich das Haus um sich selbst. Damit die Zuschauer besser folgen können, liegt der Fokus meist auf einem Raum, während die anderen Stumm geschalten werden.
Es geht in den nächsten Akt über. Der Vorhang wird herunter gelassen und ein paar Jahre vorgespult. Als sich der Vorhang wieder öffnet, schneit es. Vieles hat sich verändert und man muss erst mal folgen. So geht es weiter bis zum vierten Akt, in dem zum Schluss alles komplett eskaliert und es so gut wie keine Figur gibt, die nicht komplett durchdreht. So lange hatten sich alle Emotionen aufgestaut – jeder für sich allein.

Drei Schewstern in den Kammerspielen

Wer schon einmal eine Inszenierung von Susanne Kennedy gesehen hat, weiß dass sie Stücke nicht traditionalistisch inszeniert sind. Es bietet sich ein Bühnenbild, das die Reize nur so überflutet. Vorher ist es in der Kammer 1 aber stockdunkel. Es ist laut, man hört ein Stimmengewirr – oder ist es doch ein Windgeräusch? Auf jeden Fall etwas Gruseliges.

Kammerspiele_dreiSchweistern_bunt

Der große Screen ist in orange-violettes Licht getaucht und voller durchziehender Wolken. Trotzdem ist die Stimmung düster. Mittendrin ein weißer Rahmen, der die drei Schwestern umgibt. Wie in einem Gemälde stehen und sitzen sie da – eine hockt auf dem Boden, während sich die andere im Kreis dreht. Ohne Gesichter, in schwarz-weißen Gewändern. „Something happened to me yesterday“ sagt eine Stimme. Emotionslos, ähnlich einem Roboter. Immer wieder geht das Licht aus, die Szenen wechseln und eine unterschiedliche Anzahl an Figuren steht, sitzt, liegt auf der Bühne. Mal Männer mit Hoodies und Glatzen, mal Frauen mit und ohne Gesichter. Und immer wieder klingelt das Telefon. Eine Stimme verspricht, dass das Leben auf der Erde in zwei-, bis dreihundert Jahren unfassbar schön … wunderschön sein wird.

Eine ständige Wiederholung. Auch die wenigen Gespräche auf der Bühne sind immer wieder dieselben. Und absurd. Noch extremer wird hier aneinander vorbei geredet. Hier hört wirklich gar keiner mehr dem anderen zu. Irgendwelche Floskeln werden verwendet und wenn doch Bewegung stattfindet, dann wird mit dem Tablet ein Foto beim Essen gemacht. Eine wirkliche Handlung gibt es nicht – und doch klingt es ein bisschen nach Alltag.

Susanne Kennedy stellt sich dabei folgende Frage: Was, wenn die Zeit ein Kreis ist und wir jeden einzelnen Augenblick unseres Lebens immer wieder leben werden? Sind die Menschen vielleicht gar nicht selbst die Produzenten ihres Schicksals und wirken andere Kräfte auf uns?
Nach Nietzsche müssten wir so leben, als würde sich das Leben ständig wiederholen. Aber würden wir denn etwas ändern?

Und so kommen die Figuren immer wieder auf die Bühne und leben das immer gleiche Leben. Schaut nicht so aus, dass es in zwei-, dreihundert Jahren besser wird. „The end is never the end“, heißt es dann zum Schluss.

Fazit: Zweimal Drei Schwestern

Ein zu konkreter Vergleich der beiden Stücke soll das gar nicht sein. Man kann nicht mal sagen, welches Publikum sie wirklich ansprechen möchten. Die Gemeinsamkeit: Beide Inszenierungen werden modern und aufwendig auf die Bühne gebracht und bringen ein Drama von 1901 in die Gegenwart. Doch während man sich das Stück im Resi einfach mal so zur Belustigung anschauen kann, auch wenn man mit Theater nicht viel am Hut hat, sollte man für die „Drei Schwestern“ in der Kammer schon Vorwissen mitbringen. Aber für beide Stücke gilt: den Kopf sollte man sich sowieso öfter mal zerbrechen – und das gelingt beiden Regisseur*innen.


Beitragsbilder: Kammerspiele/Judith Buss, Residenztheater/Sandra Then

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