Kultur

Einen Kurzen auf die Familiengeschichte

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Eyssenklein

Katharina Eyssen trägt eine Brille, wie sie zurzeit auf vielen Nasen sitzt: große Gläser, ein breiter Rahmen aus dunkelbraunem Plastik. Nerdig. Die Luft riecht nach Frühling, es ist warm. Wir sitzen in einem Café im Glockenbachviertel, zwei Querstraßen von ihrer Wohnung entfernt. Vor ihr auf dem Tisch liegt eine Wollmütze, die sie gerade noch auf dem Kopf trug. Ihr ist kalt. Sie traue dem Braten nicht, sagt Katharina. Und meint damit das Wetter. Von der Lammkeule, die gerade zuhause im Ofen schmort, hat sie Fotos gemacht, mit ihrem Handy. 30 Minuten hat sie, dann muss der Braten gewendet werden.

Dein Roman Alles Verbrecher entstand aus einer Kurzgeschichte. Wie kamst du dazu, sie weiter zu schreiben?

Die Kurzgeschichte habe ich vor fünf Jahren geschrieben, dann passierte ein Jahr lang erst einmal gar nichts. Ich hatte das überhaupt nicht geplant. Aber sie hat allen immer so gut gefallen und viele haben gefragt: Ja, was passiert denn da noch? Da ist doch so viel drin.

Was war denn drin?

Die Kurzgeschichte war nur die Behauptung des Großvaters, er habe Catherine Deneuve geküsst, und der eine Moment in New York, als Marie durch Chinatown läuft. Es war wirklich nur ein kleiner Anfang – der Rest kam dann so. Für Alles Verbrecher habe ich dann aus der Kurzgeschichte eigentlich nur das erste Kapitel gewonnen.

„Mein Großvater hat immer behauptet, er habe Catherine Deneuve geküsst“, ist der erste Satz des Romans. Wie lange hast du darüber gegrübelt?

Oh, sehr lange. Normalerweise denke ich überhaupt nicht über Sätze nach, aber über den ersten grübel ich immer sehr lange. Viele Sachen finde ich inzwischen doof oder würde ich anders machen, aber dass der erste Satz gut war, das habe ich von Anfang an gewusst. Ich finde ihn gelungen. Seitdem denke ich immer sehr lange darüber nach.

Was würdest du heute anders schreiben?

Es ist einfach lustig zu sehen, dass Teile, die ich ganz am Anfang geschrieben habe – gerade so diese Sachen mit dem Mann und der Party – da war ich einfach noch fast vier Jahre jünger als jetzt. Und da denke ich mir schon manchmal: Mein Gott, da schreibt so eine 24-Jährige über ihren ersten Freund. Aber, mei, so ist es halt. Das würde ich jetzt anders machen, aber das soll ich ja gar nicht – damals war ich eben so alt.

Was verbindet dich mit Catherine Deneuve?

Das ist tatsächlich eine wahre Begebenheit in meiner Familie. Es ist kein autobiografisches Buch, aber es gibt ein paar Sachen, die ich aus meiner Familie und meinem Umkreis übernommen habe. Das mit Catherine Deneuve hat jemand aus meiner Familie behauptet. Ich habe mich schon als Kind darüber gewundert und weiß bis heute nicht, ob es stimmt.

Wer ein Buch geschrieben hat, wird meist gefragt, wie viel Biografisches darin stecke. Wer sein erstes Buch geschrieben hat, dem wird diese Frage meist zu allererst gestellt. Deneuve und die Familie – Katharina Eyssen hat die Vorlage selbst gegeben, der Roman ist ihren Eltern gewidmet. Und auch Marie, die Protagonistin, lebt in München und scheint ungefähr so alt wie Katharina zu sein, damals, als diese den Roman zu schreiben begann. Nun also die Biografie-Frage.

Wie viel Biografie steckt in dem Buch?

Sehr viel, würde ich sagen. Leute, die mich kennen, werden viel erkennen. Viele der Familienmotive, die Figuren, die gibt es. Nicht so, aber sie gibt es. Vor allem welche, die tot sind. Mir selbst ist die Geschichte so nicht passiert.

Die Protagonistin Marie wohnt mit ihrer Freundin Lisa zusammen in einer WG. Ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt, als Marie Jakob kennenlernt. Hast du da deine eigenen Freundschaften reflektiert?

Lisa gibt es so als Figur nicht. In ihr finden sich alle meine guten Freundinnen ein bisschen wieder. Aber natürlich weiß ich, wie schwer es ist, so eine Freundschaft vom kindlichen ins Teenager-Alter und dann ins Erwachsensein zu retten. Das ist wie ein Erdbeben, wenn die Platten aneinander reiben.

Wie haben sie reagiert?

Eigentlich gut. Als ich zuerst nur Teile des Romans hatte, war das extremer, denn da habe ich nur einzelne Textpassagen vorgelesen, wo es total nach der einen oder der anderen Freundin klang. Als alle das ganze Buch gelesen haben, hat sich das alles ein bisschen abstrahiert, weil man dann merkt, dass es eine eigenständige Geschichte ist. Wenn man nur Ausschnitte hört, ist das anders. Auch meinen Eltern ging das so. Das bin ja ich, haben sie oft gedacht. Aber es ist fiktional.

Ist das Schreiben dann eine Art Selbsttherapie für dich?

Ich denke, gerade bei einem Erstlingsroman ist das so. Vor allem bei dem Familienthema – was hat man schon zu erzählen, mit 21?

… mit 21 hast du die Kurzgeschichte geschrieben.

Es gibt Leute, die da schon krasse Pulp Fiction-Dramen schreiben, aber ich habe halt in meinem nahen Umfeld geschaut: Da wühlt man erst einmal in der Familie und schließt so vielleicht auch mit vielen Sachen ab – ob man sie nun genau so erzählt, sie verfremdet oder mischt. Danach zeigt sich, ob man noch mehr zu erzählen hat, nach der Familientherapie.

Wie ist es, das erste eigene Buch in den Händen zu halten?

Ich habe es ungläubig angeschaut und ich nicht verstanden, dass da mein Name drauf steht. Wenn man so lange an etwas gearbeitet hat und es dann fertig ist, stellt man sich vor, man schreit und köpft eine Sektflasche. Aber den ersten halben Tag war ich ganz ungläubig und habe es nicht so richtig verstanden. Jetzt freue ich mich immer mehr.

Hast du dein Werk gefeiert?

Ja. Ich war im Holy Home und habe einen Schnaps getrunken. Wahre Freude ist, wenn man sie teilen kann, heißt ein Satz bei Into the Wild. So war es auch bei mir. Wir haben zu zweit einen Schnaps getrunken.

Du bist gerade auf Lesereise – wie ist es, den eigenen Text noch einmal zu lesen?

Inhaltlich ist es schwierig. Alles, was ich vorlese, finde ich plötzlich langweilig und schlecht. Ich muss mich da schon überwinden. Oft denke ich: Warum sollen die mir jetzt zuhören? Das muss man überwinden. Man muss dazu stehen, was man geschrieben hat und es gut verkaufen. Da muss man einmal schwer schlucken und vielleicht auch da einen Schnaps vorher trinken.

Alles Verbrecher spielt in verschiedenen Städten, allen voran München. Warum hast du diese Stadt als Hauptschauplatz gewählt?

München ist meine Heimat. Es ist die Stadt, die mir einerseits sehr nah ist. Andererseits hatte ich vor ein paar Jahren das Gefühl hatte, dass ich da raus will. Es hat mich genervt. Jetzt finde ich es wieder ganz angenehm hier, nachdem man mal ein bisschen draußen war. Oh Gott, Berlin. Oh Gott, New York. München ist eine Stadt, die oft unter Wert verkauft wird.

Marie reist nach New York. Was verbindet dich mit dieser Stadt?

Das ist die Stadt, die ich mir immer – als Filmfan und seit ich ein kleines Kind einmal von meinen Eltern mitgenommen worden bin – als tollsten Ort und tollste Stadt der Welt vorgestellt habe. Dann war ich dort und direkt angefixt. Ich habe länger dort gelebt und es fand es noch immer toll. Jetzt denke ich: Okay, ich bin noch immer gerne dort, aber es ist abgehakt. An New York denke ich immer ein bisschen so wie an einen Liebhaber, mit dem es halt vorbei ist. Aber man denkt immer wieder dran und seufzt.

Hast du persönliche Lieblingsstellen im Buch?

Ja, am Ende diese Minifigur, den Tätowierer, der neue Freund von Lisa, der auch nur ganz kurz auftaucht. Über den freue ich mich immer wahnsinnig. Und dann ärgere ich mich manchmal, dass er mir erst so spät eingefallen ist und wollte den immer noch so ein bisschen ausschlachten. Aber er ist, was er ist: eine Seite. Überhaupt so die Welt der besten Freundin, in die man manchmal so ein wenig reingeschaut hat – da gibt’s auch diese Szene, in der Marie Lisa beim Auszug hilft – auch nur ganz kurz. Aber das ist toll.

Katharina schiebt sich die Brille ins Haar. „Dass alles genau so war.“ Das ist der letzte Satz ihres Romans. Vor einem dreiviertel Jahr hat sie das Buch beendet, in der Zwischenzeit war es weit weg, jetzt – bei den Lesungen – entdeckt Katharina es wieder. Nebenbei schreibt sie gerade an ihrem zweiten Roman. In „Alles Verbrecher“ steht die Familie im Vordergrund, in dem neuen Buch werde es mehr um die Liebe gehen und wie man sie auf verschiedene Art und Weise ausleben kann.

Ist der Druck jetzt beim Schreiben des zweiten Romans höher?

Ich glaube schon. Zuerst dachte ich: Super, dann schreibe ich jetzt ein neues Buch. Aber es wird schwieriger. Beim Schreiben des ersten Buchs hat sich niemand dafür interessiert. Als die Lektoren auf mich zu kamen, war es ja schon fertig. Jetzt schauen alle hin und ich muss in einem viel früheren Stadium was liefern. Und dann schauen alle, ob es genauso gut ist wie das erste.

Nimmst du Figuren aus Alles Verbrecher in den zweiten Roman mit?

Marie ist, glaube ich, erst einmal fertig. Aber vielleicht wird man sie irgendwo ein bisschen wiedererkennen, es wird viele Frauencharaktere geben.

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