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Free Radicals: Die neue Ausstellung von Positive Propaganda im Rathaus

Barbara Manhart

Sie sind überall, hochreaktiv und immer in Bewegung. Diese Beschreibung trifft auf freie Radikale zu, genauso aber auch auf Street-Art-Künstler*innen. Sie handeln häufig anonym, ihre Werke tauchen an den unterschiedlichsten Orten auf und sorgen für viele Diskussionen. Wie passend also, dass die neue Ausstellung des Kunstvereins „positive propaganda“ den Titel „free radicals“ trägt und seit dem 18. Juni Werke von großen Street-Art-Künstler*innen im Rathaus ausstellt. Im Gespräch mit mucbook berichtet Sebastian Pohl, der Kurator der Ausstellung, dass die Aufgabe des bisher dort ansässigen Geschäfts der Grund für die Übernahme dieses besonderen Standorts ermöglichte. Die nun bis zur Sanierung leerstehende Fläche wurde dem Kunstverein von der Stadt als Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt. Obwohl Sebastian Pohl, Gründer von „positive propaganda“ und Ausstellungsleitung das überhaupt nicht gerne hört. Das klänge so, als hätte man ihnen damit einen Gefallen getan, wenn es sich doch eigentlich genau andersherum verhalten würde.

Kunst sollte für die Masse da sein

Nach Sebastian Pohls Meinung besitzen künstlerische Werke einen großen Mehrwert und es sollte im Interesse der Gesellschaft liegen, diese einem möglichst großen Publikum zugänglich zu machen. Das funktioniert jedoch nicht, wenn Kunst nur in Museen zu sehen ist. Denn dann muss man sich bewusst dafür entscheiden, die Werke zu betrachten. Vielen Leuten wird laut Sebastian Pohl dort das Gefühl vermittelt, sie würden nicht genug wissen, um die Kunst dort zu verstehen. Sind sie hingegen im öffentlichen Raum zu sehen, wird eine viel größere und diversere Zahl von Personen darauf aufmerksam. Kunst hat ja eigentlich keine bestimmte Zielgruppe. Es stellt sich die Frage, ob ein kleiner Laden, an dem man doch schnell vorbeigelaufen ist, es schafft, diese gewünschte Aufmerksamkeit zu erzielen.

Das „Contemporary Art (Space)“ bietet eine Zusammenfassung der Arbeit des Kunstvereins

Bild vom Ausstellungsraum positive propaganda

Tatsächlich scheint das gut zu funktionieren. Trotz Corona und der Unauffälligkeit des Ladens, der temporär „Contemporary Art (Space)“ getauft wurde, stecken viele Leute interessiert den Kopf in den Raum hinein. Die meisten nehmen sich die Zeit, die Bilder eingehender anzuschauen. Dazu kommt, dass die Ausstellung eigentlich nur das i-Tüpfelchen der Arbeit des Kunstvereins darstellt. Denn die Hauptarbeit von positive propaganda besteht eigentlich darin sogenannte Murals – also Wandmalereien – mit Künstlern der Szene umzusetzen. Viele von den Malereien sind auf den Postkarten zu sehen, die hinter der Eingangstür des Contemporary Art zu finden sind. Eins merkt man, wenn man sie betrachtet: Klein ist offensichtlich nicht das Ding von positive propaganda, denn die meisten der Kunstwerke zieren ganze Fassaden.

Kunst mit Message: Das ist Street-Art

Auf den Fassaden zu sehen: Menschen mit Bildschirmen anstatt Köpfen, die sich küssen, ein Junge vor einem leuchtenden Geldautomaten, der wie ein Portal in eine andere Welt leuchtet. Alles gesellschafts- und politikkritische Werke, genauso wie Bilder, welche in der Ausstellung zu sehen sind.
Für Sebastian Pohl ist es genau diese Kritik, welche die Arbeiten so wertvoll machen, denn 99% der Kunstwerke würden sich mit nichts inhaltlich Relevantem auseinandersetzen. Dabei könne Kunst eigentlich alles ansprechen, tabu sei lediglich Hass. Außer er wird zum Gegenstand der Reflexion, welche Kunst laut Pohl zu leisten habe. Kunst sei dafür da Fragen zu stellen, Diskussionen anzustoßen und Inspiration zum selbst tätig werden zu liefern. Leider würde dieser so relevante Aspekt der Kunst heute häufig untergehen. Das sei wie mit Mode. Früher hat man Kleidung dann gekauft, wenn die Qualität gut war, heute kauft man das, wo ein großer Markenname draufsteht. Dabei sollte es gar nicht wichtig sein, ob das Werk nun von Banksy oder einem komplett unbekannten Künstler stammt.
Und das ist neben dem visuellen Aspekt auch der Grund, weshalb in der Ausstellung kein einziges Schild mit dem Namen der Künstler*innen zu finden ist. Es gehe lediglich darum, ob die Qualität des Werkes stimmt, so Pohl.

Und woran bemisst sich diese Qualität?

Die zweite Oberbürgermeisterin (Katrin Habenschaden) und der Kurator der Ausstellung (Sebastian Pohl) im Gespräch

Daran, wie ein*e Künstler*in Bildelemente kombiniert? Wie er mit der Farbkomposition spielt? Oder ist es egal, wie ein Bild aussieht, solange die Message stimmt? Sebastian Pohl zufolge ist ein Werk dann qualitativ hochwertig, wenn das Gesamte stimmig ist. Und dieses Gefühl hat man bei den Bildern im Ausstellungsraum auf jeden Fall. Vielleicht kann der Ausstellungsraum mit seiner allgemeinen Stimmigkeit dann ja sogar selbst als ein Stück Kunst angesehen werden. Oder aber als ein Ort der Reflexion und des Austausches.

Kunst lebt vom Austausch über den Inhalt aber auch der Inhalte an sich

Ausgetauscht werden demnächst auch die Bilder, denn ab Anfang August werden im „Contemporary Art (Space)“ die Bilder des Nürnberger Künstlers Michael Jampolski ausgestellt. Im Herbst folgt die zweite Ausgabe von free radicals. Wieder mit anderen Künstler*innen, wieder mit anderen Werken. Doch eigentlich ist es ja nicht so wichtig, wessen Bilder dort ausgestellt werden, denn es geht ja um ihren Inhalt und nicht um ihre Schaffenden. Wer also nicht nur Fotos von einem echten Banksy machen will, sondern Interesse hat sich mit Themen wie sozialer Gerechtigkeit, Konsum- oder Politikkritik auseinander zu setzen, ist im „contemporary art“ von positive propaganda genau richtig.


Fotos: © Barbara Manhart

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