Kultur, tagebook der Villa Stuck, Was machen wir heute?

Freiheit, Ramadan und Smartphones

Josephine Musil-Gutsch
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Wenn jugendliche Flüchtlinge mit jungen Deutschen zusammen Videokunst machen, entsteht unweigerlich eine vielversprechende, vielfältige Mischung aus Bildern, Eindrücken und Erfahrungen.
Im Rahmen des integrativen Medienprojekts Kontaktlinse in der Villa Stuck konnten unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zusammen mit deutschen Schülern mit Videokunst ihre Ideen verwirklichen und das zum Ausdruck bringen, was sie bewegt. Die Ergebnisse wurden am Montag vorgestellt.

Das Projekt Kontaklinse war ein interessanter Mix aus bunter Vielfalt, der von jedem Teilnehmer kulturelles Multitasking erforderte. In den Workshops wurden hauptsächlich drei Sprachen gesprochen: Deutsch, englisch und afghanisch. Es galt also Sprachgrenzen zu überwinden und sich in Toleranz zu üben. Viele der deutschen Jugendlichen kamen zum ersten Mal mit gleichaltrigen Flüchtlingen aus Ländern wie Afghanistan, Ghana, Nigeria und Somalia in Kontakt. Manche Teilnehmer hatten zuvor weder die Villa Stuck noch überhaupt irgendein Museum besucht. Und für einige der Teilnehmer war zur der Zeit, in der die Workshops, stattfanden gerade Ramadan. Das Projekt Kontaktlinse ließ Welten aufeinander prallen: Junge Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Erfahrungshorizonten arbeiteten in Workshops zusammen, um eigene kreative Ideen zu entwickeln und sie in Form von Videokunst umzusetzen.

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Zusammenarbeit und Kooperation wurde nicht nur in den Workshops groß geschrieben, auch beim Projekt selbst wirkten verschiedene Einrichtungen zusammen. Teilnehmer des Workshops waren sowohl Gymnasiasten, Schüler vom BFZ (Berufliches Forschungszentrum) als auch Schüler der Schlauschule (Schulanaloger Unterricht für Junge Flüchtlinge). Die Jugendlichen wurden von Medienpädagogen Mareike Schemmerling und Thomas Kupser vom JFF (Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis) betreut, die das Projekt in Kooperation mit Kajuto (Kampagne von Jugendlichen für Toleranz) konzipiert und umgesetzt haben.
Inspiriert wurden die Jugendlichen von den Videokünstlern Tamara Moyzes und Martin Brand. Die Slowakin Tamara Moyzes trägt in ihren Videos Gasmasken oder zeigt tanzende Puppen in Soldatenuniform und übt damit Kritik an der politischen Situation in Israel. Videokünstler Martin Brand portraitiert in seinen Videos Skatercliquen, Amateurrapper und den Alltag von jungen Männern. Für Kontaktlinse haben sie den Jugendlichen ihre Arbeit präsentiert.
Anne Marr, Leiterin der Vermittlung der Villa Stuck sagt: „Es ist immer toll mit Künstlern zu arbeiten, weil sie keinen pädagogischen Impetus haben, sondern auch ein bisschen verrückt sind. Trotzdem finden sie einen sehr guten Zugang zu den Jugendlichen und schaffen es, sie mit ihrer Arbeit zu fesseln. Die Künstler haben den meisten Jugendlichen zum ersten Mal in ihrem Leben gezeigt, warum und wie man künstlerische Filme macht und was das überhaupt bedeutet. Es war schön zu sehen, wie das auf die Jugendlichen gewirkt hat, und wie sie es dann direkt umgesetzt haben.“

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„Das Besondere an Kontaktlinse in diesem Jahr war, dass es aus zwei gänzlich unterschiedlichen Projekten bestand. Das erste Projekt war ein Wochenendworkshop und das zweite eine Projektwoche. Dabei sind ganz unterschiedliche Formate entstanden, im ersten Workshop Handyclips und im zweiten Kurzfilme, die mit einer normalen Kamera gedreht wurden.“, erklärt Anne Marr.

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Die kleinen Filme sind auf Smartphones und Ipads zu sehen. Ungezwungen, natürlich und in simplem Format stellen die Jugendlichen das dar, was sie bewegt. Ein Kurzfilm zeigt die Jugendlichen, wie sie in einem gläsernen Aufzug hoch und runter fahren, in den Händen halten sie Schilder. Darauf steht: „Ich möchte heute um 11 Uhr tanzen gehen“ und „Nein, du musst in deinem eigenen Zimmer schlafen.“ Die Filme handeln von Freiheit in Deutschland und den strengen Restriktionen in Flüchtlingsbehausungen, von Träumen und dem Wiedersehen mit der Familie, von Freundschaft und Gruppenzwang, von Freude und Traurigkeit, von Identität und Heimat.

Wie sich der Erfolg von Kontaktlinse messen lässt, steht für Anne Marr fest: „Als ich erfahren habe, dass sich ein nigerianischer und ein deutscher Schüler nach dem Workshop aus eigenem Antrieb heraus getroffen haben, habe ich mich sehr gefreut.“

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