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„Gedenken auf Augenhöhe“ – Erinnerungszeichen für Münchner Opfer der Nationalsozialisten

Benjamin Brown

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Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
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Am 28. Oktober 1941 erreichte den damaligen Münchner Oberbürgermeister Karl Fiehler aus dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin die Information, dass die Deportation tausender Münchner Jüdinnen und Juden unmittelbar bevorstehe. Wenige Wochen später, am 20. November, wurden 999 Menschen aus der Stadt in das litauische Kaunas deportiert und dort binnen fünf Tagen ermordet.

Die Hauptsynagoge war über drei Jahre zuvor auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers abgerissen worden, die Zahl der Münchner Jüdinnen und Juden war durch Flucht, Vertreibung und Verfolgung von 12.000 vor 1933 auf unter 3.500 gesunken. Insgesamt deportierten die Nationalsozialisten nach Angaben des Münchner Stadtarchivs über 2500 Juden aus der „Hauptstadt der Bewegung“ – der 20. November 1941 stellte die größte Deportation dar.

Stelen zur sichtbaren Erinnerung auf Augenhöhe

77 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen, bei denen ein Drittel der verbleibenden jüdischen Bevölkerung Münchens verschleppt und erschossen wurde, erinnert die Stadt München nun mit Stelen in der Bürkleinstraße, der Corneliusstraße und der Widenmayerstraße an 16 Opfer der Nationalsozialisten. Nach und nach werden weitere enthüllt, zudem erinnern zahlreiche Erinnerungstafeln an Hauswänden an Münchnerinnen und Münchner, die der nationalsozialistischen Herrschaft zum Opfer fielen.

Die Stelen und Tafeln aus gebürstetem Edelstahl – mit einem Bild der Opfer in vergoldeten Flächen eingeschnitten – gelten als Kompromiss zwischen jüdischen Gruppen in München und Opfervertretern, die sich ein sichtbares Gedenken in der Stadt gewünscht hatten. Der Kompromiss kam zustande, da einige jüdische Gruppen Stolpersteine ablehnen – mit der Begründung, man würde auf die Toten „herabschauen“ müssen, um die Aufschrift der Stolpersteine lesen zu können.

Mit den Stelen werde nun die Möglichkeit eines „Gedenkens auf Augenhöhe“ geschaffen, erklärt die Politikwissenschaftlerin Dr. Felicita Englmann, die eine Stele vor ihrer Wohnung in der Bürkleinstraße beantragt hatte.

Recherche auf Eigeninitiative

Englmann war in das Wohnhaus eingezogen, das erst nach dem Krieg gebaut wurde. Allerdings habe sie sich informiert, welches Gebäude sich während der Zeit des Nationalsozialismus an dem Ort befunden hatte. Sie habe sich „für das Viertel und die Straße interessiert“ und daraufhin eigene Recherchen begonnen.

Nachdem sie herausfand, dass das Haus, das heute die Nummer 20, damals allerdings die Nummer 16 trug, einst von einer jüdischen Familie bewohnt und unter den Nationalsozialisten zum „Judenhaus“ deklariert wurde, einem der Häuser, in dem Münchner Juden zwangseinquartiert waren, stellte sie bei der Stadt München einen Antrag für eine Erinnerungsstele.

Auf den Stelen sind die Namen und Lebensdaten der früheren jüdischen Bewohner des Hauses angegeben. Wichtig sei dabei, dass „nicht nur an den Tod, sondern auch an das Leben der Leute“ erinnert werde, so Englmann. Bei der Recherche habe sie Unterstützung des Münchner Stadtarchivs erhalten, so sei eine gute Aufarbeitung der Geschichte möglich gewesen.

Erinnerungszeichen für München

Eine Erinnerungsstele kann jeder beantragen, der bei der Stadt München angeben kann, welche Gebäude von Opfern der Nationalsozialisten bewohnt waren. Eine Verwandtschaft mit den Opfern ist dafür nicht notwendig.

Englmann wünscht sich, „dass mehr Leute davon erfahren“ und zahlreiche Anträge das Gedenken somit zurück auf die Straße tragen. Somit würde dem Ziel, die Menschen auszulöschen, konsequent entgegengetreten, indem sich aktiv an diese erinnert würde.

Richard Volkmann, Leiter der Pressestelle der israelitischen Kultusgemeinde München, unterstützt die Errichtung der Stelen ebenfalls: „Mit dem nun erzielten Ergebnis ist die Kultusgemeinde sehr zufrieden. Die Erinnerungsstelen sollen grundsätzlich mittel- und langfristig auf das ganze Stadtgebiet ausgeweitet werden. Die Auswahl der Reihenfolge, in der die Plaketten angebracht werden, erfolgt durch die Landeshauptstadt.“

73 Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Diktatur wird nun mit den dezentralen Erinnerungsstelen der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Auf die Frage, ob die Stadt München angesichts der langen Wartezeit Schwierigkeiten beim Gedenken habe, antwortet Volkmann diplomatisch: „Es ist wichtig, dass in München heute auf Augenhöhe der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird.“

Es habe nach 1945 in Deutschland „vielerorts Jahrzehnte [gedauert], bis ein würdiges Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus auch im öffentlichen Raum ermöglicht wurde“. Jetzt wo die Suche „nach dem richtigen Konzept, das die nötige Sichtbarkeit des Erinnerungszeichens mit dem Erhalt der Würde der Opfer verbindet“ in München erfolgreich abgeschlossen ist, bleibt zu hoffen, dass sich viele Münchnerinnen und Münchner mit der Geschichte ihrer Straße auseinandersetzen.


Informationen zur Beantragung von Erinnerungsstelen und -plaketten und ausführliche Biographien derer, an die gedacht wird, gibt es hier.


Fotos: © Stadtarchiv München

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