Kultur, Leben, Nach(t)kritik

Geniale Dilletanten oder: Als das Nichtkönnen produktiv wurde

Ella Tiemann

Kunstgeschichte-Studentin // Musikredakteurin bei M94.5 // Autorin bei MUCBOOK // Mein Herz schlägt für Bildende und Darstellende Künste, beat-lastige Musik, düstere Film Noir-Frauencharaktere, Konkrete Poesie, Pferdeseelen und das bayerische Voralpenland.
Ella Tiemann

Mit der Ausstellung „Geniale Dilletanten“ zeigt das Haus der Kunst in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut gerade einen Einblick in die deutsche Subkultur der 80er Jahre.

Die Wortschöpfung „Geniale Dilletanten“ ist eigentlich der Titel eines Konzertes der Band „Die tödliche Doris“ gemeint, das 1981 im Tempodrom in Berlin stattfand. Der Begriff wurde zum Synonym einer kurzen Epoche künstlerischen Aufbruchs. Dabei umfasst diese Epoche verschiedene, genreübergreifende Ebenen ästhetischer und inhaltlicher Abgrenzungsversuche zur Alternativkultur der 70er Jahre. Künstler, Musiker, Autoren experimentierten – mit (neuen) Medien, Klang, Sprache und Schrift. Virtuosität war nicht gewünscht und wurde bewusst vermieden. Es war ein Selbstermächtigungsprozess in einem Anti-Gestus, ausgehend von den Kunstakademien.

Im Haus der Kunst sind einige Zeitdokumente dieser Jahre um 1980 ausgestellt, Bands wie „Einstürzende Neubauten“, „F.S.K.“ oder „Ornament und Verbrechen“ werden für Konzerte ins Haus geholt und begleitend finden Veranstaltungen statt. Trotzdem kann und will die Ausstellung nur ein Streiflicht dieser „wilden“ Jahre sein.

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Ost-Berlin (East Berlin), 1982 Foto (photo): Ilse Ruppert

 

Punkkonzerte in Plüschcafés

Die Genialen Dilletanten waren bildende Künstler, Musiker, Autoren die sich nicht mehr nur auf ihre Disziplinen beschränkten, sondern genreübergreifend experimentierten und alle eins gemeinsam hatten: Den Drang nach Selbstermächtigung über eine neue Ästhetik, eine neue Sprache in Abgrenzung zur Alternativkultur der 70er Jahre. Dabei spielen Orte bis 1982 eine große Rolle. Kultur und Musik findet in Städten und Regionen in den immer gleichen Räumlichkeiten statt. In bestimmten Bars, Clubs, Cafés. Das Nebeneinander, die Berührung und die Vermischung verschiedener Stile – sei es in der Musik oder in der Kunst – findet auch deshalb statt, weil kleine Szenen (nicht zuletzt aus Mangel an Ressourcen) zeitgleich an den selben Orten stattfinden.

So machen Künstler plötzlich Musik und Musiker künstlerische Performances. Weniger aus bewusstem Vermischen der Disziplinen als vielmehr als notwendige Erweiterung ihres Wirkungskreises.

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FM Einheit Konzert (concert) Einstürzende Neubauten, Bochum, 1982 Foto (photo): Wolfgang Burat

 

Produktives Nichtkönnen

Neben dem aktiven Kunst- und Musikschaffen mussten sich die Szenen selbst organisieren. Es wurden Plattenlabels, Magazine, Galerien und Clubs gegründet – und Musik im Eigenvertrieb herausgebracht. Es war eine Zeit des Do It Yourself. Das Nichtkönnen war kein Argument für das Nichtmachen. Neben der Unabhängigkeit von Institutionen und Industrie hatte dies auch den Grund der Aneignung der Gegenwart. Es galt sich von den Träumerischen Realitätsbezügen der Generation Hippie abzugrenzen und sich Gehör zu verschaffen.

Identifikation über Sprache

Vorallem in der Musik, aber auch in den Künstlerischen Praxen war die Sprache ein Mittel, um dies zu erreichen. Die Bands hatten sperrige Namen („Freie Selbstkontrolle“, „Nachdenkliche Wehrpflichtige“), die Songtexte waren deutsch und radikal. Mit der Wiederaneignung der deutschen Sprache in der Musik feierte man den eigenen Provinzialismus.

Erst mit dem Erfolg der „Neuen deutschen Welle“ und um sich von dieser Strömung abzugrenzen, fingen Musiker Ende der 80er Jahre wieder an, Englisch zu singen.

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Geniale Dilletanten Alex Hacke spielt mit Kiddy Citny (von der Band Sprung aus den Wolken) vor kleinem Publikum (Alex Hacke playing with Kiddy Citny (in the band Sprung aus den Wolken) to a small audience): Silvie Langenfeld (3. von links/3rd from left), Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten, 4. von links/4th from left), Risiko, Berlin, 1981 Foto (photo): Anno Dittmer

 

Rückgriff auf traditionelle Avantgarden

Sowohl in der Ästhetik, als auch im Inhalt, lassen sich die Wurzeln der Dilletanten in den traditionellen Avantgarden erkennen. Bezüge zu Fluxus und Dada. Zu Marcel Duchamp und Sigmar Polke. Die Genialen Dilletanten schöpften aus den traditionellen Avantgarden und markierten eine kurze Epoche von wenigen Jahren, die nicht zuletzt deshalb so kurz ausfiel, weil sie vielmehr einen Bruch darstellte. Und egal, wie radikal ein Bruch ist, er währt nicht für die Ewigkeit.

Im Haus der Kunst gewinnt der Besucher einen Eindruck von Schaffen und Leben der Genialen Dilletanten. Zeitzeugen berichten, Filme, Musik, Texte beweisen sich als Dokumente dieser kurzen Periode. Eine vollständige Übersicht über die Subkultur und ihre Protagonisten gelingt der Ausstellung vielleicht nicht, aber wie ein Streiflicht markiert sie doch markante Kapitel und Protagonisten.

Die Subversion der früher 80er hat also ins Museum gefunden, doch daran stört sich keiner der Dilletanten. Denn die Ausstellung dokumentiert ihren Protest und macht dem Besucher das Gefühl des Aufbruchs und der ästhetischen Freiheit von damals gegenwärtig.

 

Die Ausstellung „Geniale Dilletanten“ im Haus der Kunst läuft noch bis zum 11.10.15

Photocredit:

Titelbild: Einstürzende Neubauten auf der (at) documenta 7; v.l.n.r. (from left to right) Mark Chung, Blixa Bargeld, N. U. Unruh, FM Einheit, Fridericianum, Kassel, 1982; Foto (photo): Peter Gruchot

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