Leben, Stadt

Großes Theater um den Viehhof?

Seit inzwischen fünf Jahren lockt das Viehhof-Kino Cineasten und Freiluftfreunde im Sommer in den Münchner Schlachthof. Sei es, um das sorgfältig kuratierte Filmprogramm wahrzunehmen oder einfach, um im eintrittsfreien Biergartenbereich mit Freunden bei gekühlter Maurerbrause und gutem Wetter zu relaxen.

Betritt man den Innenhof zum ersten Mal, so mag man es erst gar nicht recht glauben, wie geräumig, bunt und gemütlich sich die Brache inmitten der eng bebauten Innenstadt behauptet. Daneben gibt es dann noch die zahlreichen Lebensmittelfabrikanten, die den Schlachthof das ganze Jahr ringsum bevölkern. Bis ins Jahr 1876  zurück reicht die Historie des Areals – passenderweise im Volksmund auch “der Magen Münchens” genannt. Eine entscheidende Zäsur dieser Geschichte könnte nun kurz bevor stehen.

Geprüft und geplant wird – nach dem mit großer Mehrheit getroffenem Beschluss der letzten Vollversammlung des Stadtrats im Dezember – der Umzug vom Münchner Volkstheater in den Viehhof sowie eventuell auch die Schaffung von Wohnraum auf der Fläche der ehemaligen Großtierhalle.

Überlegungen, das neue Volkstheater an einen anderen Ort (zum Beispiel die Großmarkthalle) zu verfrachten, sind damit erst mal vom Tisch. Ob und wie dann noch Platz für das Open Air Kino samt seinem Rahmenprogramm besteht, ist fraglich. Wo früher täglich bis zu 3.000 Tiere auf ihren sicheren Tod warteten, bangen nun also die Viehhof-Kino-Betreiber um ihre kulturelle Existenz.

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Foto vom Viehhof mit Biergartenbetrieb

“Kultur darf andere Kultur nicht verdrängen”

Das fordert Hartmut Senkel. Er ist Gründer und Betreiber des Kinos und lud letzte Woche in das “Wirtshaus zum Schlachthof” zu einer Pressekonferenz, um seine Sicht der Viehhof-Dinge darzustellen. Man fühlt sich ausgeschlossen und übergangen in den Planungen und fürchtet die unaufhaltsame “große schwarze Walze Volkstheater”.

Zusammen mit den Gewerbetreibenden des Schlachthofs startete er deshalb eine Online-Petition, die zwischenzeitlich über 6.000 Stimmen sammeln konnte. Das Quorum von 4.000 Stimmen ist also bereits erreicht und das Thema muss somit im Stadtrat zumindest diskutiert werden.

Die Forderungen an die Stadt sind eine Miteinbeziehung an die Gesprächstische sowie die garantierte Ko-Existenz eines möglichen Theaters mit den bisherigen Kulturveranstaltungen und Gewerbebetrieben.

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Der Kinobereich – die besten Plätze sind hier ausnahmsweise mal eher vorne

Wünscht man sich laut Petition eine “gesamtheitliche, sich gegenseitig befruchtende Koexistenz neben dem möglichen Bau des Münchner Volkstheaters”, so ist doch auch jede Menge Skepsis und Unbehagen ob der anstehenden Planungsverfahren zu bemerken.

Verträgt sich – metaphorisch gesprochen – der Schlachthof-Mief vom süßen Schweineblut mit dem Parfümduft der Theaterbesucher? Wie viel Platz benötigt so ein Volkstheater eigentlich? Und was sagt dann erst der angesiedelte Anwohner, wenn um vier Uhr morgens die LKWs gegenüber einfahren? Nicht wenige dieser Fragen stellen sich den Petitionsinitiatoren derzeit.

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Auf der gemeinsamen Pressekonferenz: Viehhof-Kino-Betreiber Hartmut Senkel und Metzgermeister Andreas Gassner

Dazu sei natürlich gesagt, dass das Viehhof-Kino ein Zwischennutzungsprojekt mit Wohlwollen der Stadt ist. 80 Tage pro Jahr darf hier bis 1 Uhr nachts das Kino mit Biergarten betrieben werden, eine rechtliche Handhabe haben die Kino-Betreiber über bestehende Verträge hinaus keine. Diese laufen derzeit bis 2016 mit der Option einer Verlängerung um zwei Jahre.

Das gelungene, multikulturelle Miteinander der Schlachthof-Gewerbetreibenden hebt Metzgermeister Andreas Gassner hervor. Er ist einer von den zahlreichen ansässigen Lebensmittelfabrikanten, deren Biografie eng mit dem Gelände verwoben ist. Das Theater heiße er durchaus willkommen, ob sich allerdings Wohnraum und Gewerbe vertragen, da ist er – aus Erfahrung – skeptisch, zog sein Familienbetrieb doch einst von Schwabing ins Schlachthofviertel aus genau diesem Grund.

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Musikbühne im Innenhof

Die Debatte um die Viehhof-Nutzung dürfte so schnell noch nicht beendet sein – soviel ist mal sicher. Einmal mehr zeigt sich der akute Flächenmangel für platzintensive Projekte in der Innenstadt. Oftmals ist der Feind im Falle von drohenden Sanierungs- oder Umbaumaßnahmen ja für viele klar: der böse private Investor oder Vermieter.

Der Fall Viehhof ist tatsächlich etwas komplizierter.

Ein neues Volkstheater ist natürlich eine prima Sache für das kulturelle (Theater-)Leben Münchens, der Viehhof in seiner jetzigen Form dagegen einfach ein urtypischer Teil der Identität des Stadtviertels, der seit einiger Zeit zudem durch das Viehhof-Kino mit seinen kulturellen Begleiterscheinungen bereichert wird. Und Wohnraum wiederum gibt es sowieso eh immer zu wenig und zu knapp. Was also tun?

„Des Viertel, des komma net erklären, des komma nur gspürn” sagt der Kometen-Sepp aus der Münchner Kultserie “Zur Freiheit” über sein Schlachthofviertel. Hartmund Senkel und Andreas Gassner gspürn – soviel kann man nach der Pressekonferenz sagen – ihr Schlachthofviertel mit Haut und Haaren. Man mag hoffen, dass auch die verantwortlichen Entscheider ein gutes Gespür für die Zukunft des Viehhofgeländes beweisen.

Florian Kraus
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