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Nach Stadtratsbeschluss: Erste Pläne für die Zukunft des Viehhof-Areals

„Wahnsinn, dass es sowas in München noch gibt!“ – Diesen Gedanken habe ich nicht nur ich, sondern wahrscheinlich jeder, den es zum Sprayen, in den Wannda Circus, ins Bahnwärter Thiel oder zum Open Air Kino auf den Viehhof zieht. Unbebaute Fläche! Verfallene Mauern! Graffiti! Dort, wo die Luft noch nach frischer Farbe und Gras duftet, wittern Bauunternehmer die Chance auf neue Luxusquartiere. Denn mit dem 2018 beginnendem Neubau des Münchner Volkstheaters endet die Zwischennutzung. Auf dem Viehhof, bis zuletzt 2007 Umschlagplatz für Pferde und Schlachtvieh, sollen Wohn- und Gewerbeflächen entstehen.

Mit Sicherheit kein Luxusquartier!

Das wünschen sich nicht nur Gentrifizierungs-Gegner (also jeder außer den Bauunternehmen), sondern auch Axel Markwardt, Kommunalreferent der Stadt: „Das Areal bleibt auch nach der Überplanung komplett in städtischer Hand. Auf dem früheren Viehhof wird deshalb mit Sicherheit kein Luxusquartier entstehen. Vielmehr laden wir alle Münchnerinnen und Münchner ein, sich an den einzelnen Planungsprozessen zu beteiligen.“

Ein entsprechendes Beteiligungskonzept soll nun entwickelt werden, hieß es in der Vollversammlung des Stadtrats am 6. Juli. Das große Ziel: „Der besondere Charakter des Schlachthofviertels, in dem schon heute Wohn- und Gewerbenutzung wunderbar nebeneinander funktionieren, soll sich nach der Überplanung auch auf dem Viehhofareal wiederfinden.“

Der Viehhof: heute und morgen

Viehhof München BebauungplanDer Viehhof umfasst 7,1 Hektar. Vor über 10 Jahren wurde dort das letzte mal Rinder und Schweine durch die Gassen getrieben, seitdem kam es zur Ansiedlung von Unternehmen, die die Nähe zu Schlachthof schätzen, wie die Münchner Suppenküche oder die Metzgerei Gaßer.

Aktuell sind insgesamt 13.000 Quadratmeter Geschossfläche rund 40 Gewerbetreibenden zur Nutzung überlassen. Das bereits vorhandene Gewerbe soll möglichst innerhalb des Areals umgesiedelt werden und somit gleichzeitig als Lärmschutz für die geplanten Wohnungen wirken, so Stadtbaurätin Prof. Dr. Elisabeth Merk.

16.500 Quadratmeter Gewerbefläche sollen nach der aktuellen Rahmenplanung entstehen, 38.000 Quadratmeter Wohnfläche und 18.500 Quadratmeter freie, öffentliche Flächen, die ehemalige Rampenanlage miteingeschlossen, die bisher den Sprayern der Stadt und wechselnden Urban Gardening-Vereinen unterstand.

Dort, wo sich das Viehhof-Open Air Kino und Daniel Hahn mit seinem Bahnwärter Thiel und dem Wannda Circus eingenistet haben, soll auf rund 10.000 Quadratmeter Fläche das Münchner Volkstheater neu gebaut werden. Der Mietvertrag für die Räumlichkeiten des Münchner Volkstheaters in der Brienner Straße endet 2020.

Mit dem Beginn der Baumaßnahmen im Herbst 2017 enden alle derzeitigen Zwischennutzungen.

Ein neues altes Zuhause für den Bahnwärter Thiel

Die alte Rampen- und Gleisanlage gleich rechts des südlichen Eingangstors ist auf dem Rahmenplan als öffentliche Freifläche geplant. Die hohe Absturz- und Verletzungsgefahr verhindert eine Nutzung als Baustelleneinrichtung. Dieses Gelände bebaubar machen? Abwasser- und Stromleitungen verlegen? Für die einen eine eher abschreckende Vorstellung, für die anderen eine Herausforderung. Verrückt genug, sich dieser Aufgabe zu stellen ist natürlich nur einer: Daniel Hahn, der auf all dem Schutt schon sein neues Wannda-Imperium sieht. Ihm geht es dabei um mehr als nur ein neues (altes) Zuhause für den Bahnwärter Thiel:

„Ich habe das Gefühl, dass wir hier endlich unseren Traum verwirklichen können: ein Gelände mit einer Mischung aus Arbeitsplätzen, Werkstätten und kulturellem Treffpunkt“, verrät er der Süddeutschen Online. Neben dem gewohnten Party- und Kulturgeschehen soll ein „pulsierender Kreativkosmos“ entstehen, mit Containern als Räume für Ateliers, Proberäume und mehr. Auch die bisherigen Bewohner des Areals, die Graffitisprüher und Urban Gardener, sollen in das Projekt mit eingebunden werden.

Bahnwärter angreifen! Bahnwärter angreifen?

„Sie sagen Kunst und meinen Kohle. Sie sagen Freiräume und meinen Securities. Bahnwärter angreifen!“ Ein eindeutiges Statement, das in Form eines riesigen Murals von der Wand des Viehhofgeländes prangt. Denn „mit eingebunden werden“ ist nicht das, was die Spayerszene will. Wobei es natürlich falsch wäre, von DER Szene zu sprechen. Sicherlich gibt es geteilte Meinungen. Fakt ist jedoch, dass das Gelände, auf dem bisher mehr oder weniger legal gesprüht werden durfte, nun einen festen Mieter hat, dem es sich unterzuordnen gilt. Mit Daniel Hahn hätte es die Szene jedoch besser nicht treffen können: Wände und Container sind zum bemalen freigegeben.

Aber das sei nicht vergleichbar, beschwert sich ein anonymer Sprayer in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk für die Sendung PULS. Es wird von einer Kommerzialisierung des Geländes gesprochen, die auf dem Rücken der Sprayer-Szene ausgetragen werde. Denn schließlich seien sie es gewesen, die dem Ort mit ihren Kunstwerken dieses einzigartige Flair verpasst hätten. (vgl. PULS ). Und auch wenn es auf den ersten Blick noch so herrlich umkommerziell wirkt – natürlich werfen Bahnwärter und Co. Gewinne ab.

Aber ist kommerzialisierte Subkultur nicht besser als gar keine Subkultur?

Ist es nicht besser, „mit eingebunden“ weiter zu existieren, als gar nicht? Viel Freiraum gibt es nicht in München, da muss man eben näher zusammenrücken. Denn ob nun mit oder ohne Daniel Hahn – der Neubau des Viehhof-Areals ist unaufhaltsam. Ein Master-Bebauungsplan soll die kommenden Monate erarbeitet und im Stadtrat vorgestellt werden.


Bilder: Kommunalreferat der Stadt München / Giulia Gangl

Giulia Gangl

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
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