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Hochbeete statt Parkplätze: Die Initiative Westendkiez

Anton Kästner

Spielende Kinder zwischen blühendenden Fassaden, daneben Büroangestellte, die ihren Schreibtisch vor die Tür gestellt haben – was nach Utopie klingt, könnte im Westend vielleicht bald Wirklichkeit werden. Die Münchner Initiative Nachhaltigkeit hat im vergangenen Sommer das Pilotprojekt „Westend-Kiez“ gestartet. Im Karree zwischen Kazmair-, Ganghofer-, Schwanthaler- und Schießstättstraße soll ein „Superblock“ entstehen, ein autofreies Viertel nach dem Vorbild von Barcelona. Mehrere Initiativen setzen sich in München schon dafür ein, den Autoverkehr zu reduzieren, bis 2035 soll die Stadt klimaneutral werden.

Sylvia Hladky hat das Westend-Kiez schon dem Bezirksausschuss vorgestellt, sie hatte vormals das Verkehrszentrum auf der Theresienhöhe geleitet und war im Vorstand des Netzwerkes Klimaherbst. Ein Gespräch

Frau Hladky, warum jetzt das Projekt Westend-Kiez?

Sylvia Hladky: Eigentlich sind es zwei Gründe: Im letzten Jahr hat man gemerkt, dass die Menschen einen Wunsch nach mehr öffentlichem Raum haben, den man konsumfrei nutzen kann. Also wo ich mich nicht in ein Lokal setzen muss, sondern, dass ich mich im öffentlichen Raum hinsetzen und mit jemandem unterhalten kann, ohne gleich konsumieren zu müssen. Und der aus meiner Sicht noch viel wichtigere Grund: Das Westend zählt zu den Stadtvierteln mit den wenigsten Grünflächen pro Einwohner und das in Zeiten des Klimawandels.

Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Zuerst einmal versuchen wir die Leute davon zu überzeugen, ihre Autos in Parkhäusern – davon gibt es einige im Umfeld – abzustellen. Das Westend ist ja zum großen Teil Parklizenz-Gebiet. Das heißt, eine Person hat mit 30 Euro im Jahr ein Anrecht auf zehn bis zwölf Quadratmeter öffentlichen Raum. Ein Irrsinn, wenn man sich mal die Grundstückspreise in München anschaut. Unserer Ansicht nach müsste so eine Parklizenzgebühr eigentlich in einer Größenordnung von mindestens 400 Euro im Jahr liegen. Dann könnte es schon sein, dass einige in ein Parkhaus gehen würden, auch weil abends immer viele mehrmals um den Block fahren müssen, um einen Parkplatz zu finden. Es müsste natürlich in jeder Straße Kurzzeit-Parkplätze zum Ausladen geben.

Sylvia Hladky von der Münchner Initiative Nachhaltigkeit

Und wie soll der gewonnen Raum dann genutzt und begrünt werden?

Am schnellsten ginge es, indem man einfach Blumenbeete aufstellt, so Hochbeete. Der noch nachhaltigere Schritt wäre natürlich, die Fassaden zu begrünen. Davon wollen wir bei der nächsten Veranstaltung am 20. Februar auch die Hausbesitzer überzeugen. Irgendwann könnte man dann sagen, es gibt keine Gehsteige mehr, alles ist öffentlicher Raum. Und vielleicht machen die vielen kleinen Betriebe im Viertel dann im Sommer ihre Türen auf und stellen ihre Tische einfach draußen hin. Und die Leute sehen dann im Vorbeigehen, was sie da Tolles machen.

Bis dahin stehen dem Projekt aber sicher auch noch einige Herausforderungen bevor.

Eines der dicksten Bretter, die noch zu bohren sind, ist der damit verbundene Lärm. In dem Viertel gibt es ja viele Bars, die bis morgens um fünf Uhr aufhaben. Uns haben auch schon viele Anwohner geschrieben, wenn wir gegen den Lärm keine Lösung finden, dann sind sie strikt gegen alles, was die Aufenthaltsqualität in dem Viertel verbessert. Ich finde, das ist ein Problem, das man ernst nehmen muss. Da kann man nicht nur sagen, wir leben in der Stadt und da ist es halt laut.

Wie könnte man das lösen?

Darum soll es bei der nächsten Veranstaltung gehen. Dazu werde ich auch Gaststättenbetreiber einladen, in der Hoffnung, dass da jemand kommt und man gemeinsam nach Lösungen sucht. Ich habe auch schon überlegt, ob man nicht an einer Ecke eine Figur aufstellt, die sagt „Bitte, ich würde gerne schlafen“ oder so. Irgendwann setzen sie der zwar möglicherweise eine Mütze auf und sagen, „Trink doch ein Bier mit uns!“ (lacht) Ich unterstelle den Menschen ja gar nicht, dass sie böswillig sind. Sondern ich glaube einfach, dass es möglich ist, dass man da nicht dran denkt, jedenfalls nicht die meiste Zeit.

Wie geht es mit dem Projekt denn jetzt weiter?

Wir werden alle Vorschläge aus den letzten Veranstaltungen bündeln, dann stellen wir es im Mai nochmal vor. Hoffentlich dann auf einer Präsenz-Veranstaltung, auf der wir auch nochmal mit den Leuten diskutieren können. Im Juli wollen wir dann mit einem Fragebogen die Meinungen der Bewohner einholen. Und wenn da die Mehrheit solche Veränderungen tatsächlich möchte, dann gehen wir wieder zum Bezirksausschuss. Den bitten wir dann, eine Anfrage an den Stadtrat zu stellen, damit aus diesem Viertel dann ein sogenannter „Superblock“ wird. Die ganzen Maßnahmen, Begrünung, Diagonalmaßnahmen passieren dann realistisch im Frühsommer 2022. Das wäre unser Ziel. Und wenn es dann funktioniert, hoffen wir, dass das ganze bleibt.

Und dann auch zum Vorbild für andere Orte in München wird.

Wir sind schon angefragt worden, ob wir nicht woanders was machen könnten. Es gibt aber ja auch in München schon mindestens acht oder neun Initiativen, die Ähnliches tun. Wir sind nur die mit der größten Fläche. München hat beschlossen, bis 2035 klimaneutral zu werden, das wird ohne solche Initiativen nicht gehen. Und dabei ist der entscheidende Punkt, dass man die Leute mitnimmt. Es hat ja keinen Sinn, gegen den Willen der Anwohner irgendwas durchsetzen zu wollen.


Fotos: © Sylvia Hladky / Münchner Initiative Nachhaltigkeit

1Comment
  • Martin
    Posted at 08:06h, 19 Februar

    Grossartige Initiative! So etwas brauchen wir unbedingt auch in der Feldmüllersiedlung in Giesing (das ist das historische Viertel mit dem Uhrmacherhäusl).

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