Die Mustersiedlung am Prinz-Eugen-Park
Aktuell, Nachhaltigkeit, Stadt

Ho-Ho-Holzhochhaus – Baustoff der Zukunft

Thomas Stöppler

Holz ist teurer als Beton und Stahl und trotzdem der Baustoff der Zukunft. Das zeigt auch die neue Siedlung am Prinz Eugen Park.

Okay, Hochhaus ist relativ. 22 Meter plus Raumhöhe, also knapp 25 Meter. Das muss jetzt als Hochhaus ausreichen. Denn alles was über 25 Metern liegt, wird richtig teuer, denn dann braucht es besondere bauliche Verordnungen. Aber zu den richtig sexy Themen wie Brandschutz, Forstwirtschaft und Kosten kommen wir noch. Wir fangen jetzt mal klein an:

Okay, auch klein ist relativ: Wir reden nämlich von 30 ha Neubaugebiet im Norden von Bogenhausen. Auf einem ehemaligen Kasernengelände (muss wirklich schön gewesen sein) entstehen hier gerade 1800 Wohnungen – 600 davon in der ökologischen Mustersiedlung und fast alle bereits bezogen – aus Holz.

Okay, aus Holz ist relativ, mindestens zu 50 % aus Holz. Man kann wieder aus Brandschutzgründen, wegen Baurecht, Statik und nicht zuletzt wegen der Kosten (es wird wieder richtig heiß) nicht komplett aus Holz bauen. Sind ja keine Tiny Houses. Was da am Prinz Eugen Park entsteht ist eine Mustersiedlung, die nicht Siedlung heißt, weil das nach Containern am Gewerbegebiet klingt, sondern Quartier. Quartier, das ist da wo man wohnt und einkauft und lebt und vielleicht auch arbeitet.

Gemüsebeete der Bewohner

Das Ganze ist furchtbar modern, aber so unglaublich klug, dass man das furchtbar wieder streichen kann: Zwei Straßen führen durch das Quartier, beides Sackgassen – also kein Durchgangsverkehr –, unter den Häusern sind Tiefgaragen, in denen mehr Fahrradanhänger als Autos stehen. Die Gärten blühen fantastisch: Sowohl die von den Hausverwaltungen als auch die der Bewohner*innen. Diese können sich jeweils Gartenflächen mieten, und dort gibt es im August schon einiges zu ernten: Salat, Tomaten und Mangold. Damit ist aber noch längst nicht Schluss: Es gibt Gemeinschaftsräume, Co-Working-Spaces und Gästewohnungen. Denn viele Menschen brauchen ein Arbeitszimmer. Das ist jetzt immer noch im Haus nur halt nicht mehr in der eigenen Wohnung. Genauso ist es mit dem Gästezimmer. Das war ein Wunsch der Bewohner*innen, die sehr viel bei der Gestaltung mitbestimmen dürfen.

Das alles zeigt einem Claus Fincke, soweit das schon geht, denn es wird immer noch gebaut. Der 63-Jährige wohnt nicht nur dort am Prinz Eugen Park, er lebt da. „Wenn ich zur Waschmaschine im Keller laufe, dann brauche ich manchmal eine halbe Stunde, weil ich immer wieder stehen bleibe und mit den Nachbarn schnacke“. Seine Wohnung hat der Bürgerbauverein München gebaut: 60% Holz, das man allerdings recht wenig sieht, weil alles verputzt ist. Das ist eine Kostenfrage, weil das Holz sonst immer wieder teuer behandelt werden müsste, und wieder eine Frage des Brandschutzes. Holz kann man nicht nur sehen, sondern auch riechen, wenn man bei Claus Fincke in der Wohnung steht: Das Parkett und vor allem die Holzdecke und die Bausubstanz hinter dem Putz ist eben auch Holz.

Claus Fincke vor seinem Wohnhaus

Aber beim Thema Holzbau geht es nicht nur um ein Raumgefühl, das man eben gemütlich finden kann oder rustikal und altmodisch. Es geht um nachhaltiges (da ist endlich mal ein Stichwort mit Sexappeal) Bauen (und weg ist der Sexappeal). Holz dient als einer der größten CO2 Speicher überhaupt. Dabei ist es egal, ob das Holz als lebender Baum im Wald steht oder als totes Brett in der Wand. Dazu wächst Holz eben nach und stößt nicht bei der Herstellung wieder CO2 aus.

Krisen beim Brandschutz

Eigentlich gibt es da wenig zu diskutieren. Aber: „Der Holzbau bei Mehrfamilienhäusern hat einen schlechten Ruf“, sagt Herbert Danner, ehemaliger Stadtrat für die Grünen und treibende Kraft hinter diversen Anträgen zum Thema Holzbau. Das Image Problem liegt auch an zwei Projekten aus den 90er Jahren: Dem roten und dem blauen Haus in Perlach. „Amerikanische Billigbauweise“ fügt er dazu an. Die Langlebigkeit kann ein Problem sein, aber das ist letztendlich immer eine Frage der Kosten. So müssen Außenwände aus Holz oft noch jahrelang mit Lasuren behandelt werden, damit sie der Witterung stand halten können.

Aber auch hochwertiger Beton ist nicht davor gefeit – das Guggenheim Museum in New York kann davon ein Lied singen. Schwieriger ist da der Brandschutz: „Der Brandschutz hat bis vor wenigen Jahren die Krise bekommen. Holzhochhäuser waren Exoten, man musste alle möglichen Hürden und Hindernisse überwinden“, erzählt Danner.

Vom Brandschutz erzählt auch Claus Fincke: „Holz brennt gar nicht leichter als Stahl oder Beton”, das, erzählt er, würden diverse Studien zeigen, aber für den Brandschutz gäbe es noch nicht genug Erfahrungswerte. Ein anderes Problem sei oft Lärm, sagt Danner. Das kann Fincke nicht bestätigen. Er hört quasi nichts von seinen Nachbarn, was er nicht hören will. Allerdings ist das Haus im Prinz Eugen Park auch extra Schall isoliert, besonders für Schritte, die sonst gerne durch die Decke zu hören sind. Und eine extra Isolierung kostet natürlich wieder mehr Geld.

Der Klimawandel kostet Geld

Kosten bleiben auch das größte Problem. Ein Holzhaus ist teurer als die übliche Stahl-Beton-Mischung. Zum einen, weil Fertig-Konstrukte nicht in gleichem Maße möglich sind, auch wenn Fincke Fotos von 21 Meter langen Fertig-Holz-Wänden zeigt. Das ist Bauunternehmern aber anscheinend nicht genug. Zum anderen, weil Holz einfach teurer ist als Stahl und Beton. Im Finckes Haus ist vor allem Fichte zum Einsatz gekommen. Die Fichte ist gutes und vor allem billiges Bauholz. Und trotzdem teurer als Beton.

Dabei ist der Preis für Fichten ganz schön im Keller. Fichte und Kiefer sind die häufigsten Bäume in Deutschland und forstwirtschaftlich die besten: Sie wachsen schnell, gerade und sind verhältnismäßig anspruchslos. Aber dank Klimawandel wird es auch den beiden Nadelbäumen langsam zu heiß und zu trocken hier. Die Bäume sterben und werden deshalb gerade in riesigen Mengen auf den Markt geworfen.

„Man muss natürlich nachhaltige Forstwirtschaft betreiben“, sagt dazu Danner. Wie das genau aussieht, ist nicht so einfach. Diese Nachhaltigkeit hat beim Prinz Eugen Park zumindest ihren Preis: Dadurch, dass das verwendete Holz aus einem 400km Umkreis kommen muss, wird das Holz teurer. Aber nachhaltig wäre ein Transport aus Skandinavien oder Osteuropa eben nicht.

Am Ende bleibt aber Holz ein Baustoff mit mehr Zukunft als Stahl, Beton und Glas, eben weil er nachwächst und weil er ein riesen CO2 Speicher ist. Herbert Danner ist auch zuversichtlich, dass seine Anträge Erfolg haben. Noch liegen sie „in der Pipeline“, aber das sei normal. In Wien ist man da mit dem HOHO schon weiter. Zu 75% aus Holz und über 80 Meter ist das Prestigeprojekt der Stadt hoch. In Tokyo planen Architekten ein Holzhochhaus das gar über 350 Meter hoch ist. Möglich ist also noch viel mehr!

Und München sei eigentlich prädestiniert für mehr Holzbau, wie Danner erklärt. Sieben Lehrstühle für Holzbau gibt es an der TU München. Dazu kommt mit dem Netzwerk Holzbau auch gleich eine große Lobby. Das sind Gründe, warum Danner zuversichtlich ist, dass seine Anträge durchkommen: So sollen mehr öffentliche Bauten also auch Kitas und Schulen oder Ämter aus Holz gebaut werden und zum anderen soll das Projekt am Prinz Eugen Park einen Nachfolger finden. Die Stadt soll prüfen, wo man ein ähnliches Projekt umsetzen könnte.

Ob man die Siedlung am Prinz Eugen Park schön findet, ist eigentlich irrelevant. Auch weil man sich fragen kann, welche Neubausiedlungen nun überhaupt schön sind. Die Zeiten von herrschaftlichen Schwabinger Altbauten ist halt leider vorbei. Klimawandel und der mangelnde Platz erlauben es nicht mehr so zu bauen, wie vor hundert Jahren. Große Häuser aus Holz zu bauen, schont aber das Klima und allein das sollte Grund genug sein, solche Projekte voranzutreiben.


Fotos: Thomas Stöppler
Grafik: ifp München/ Ralf Schöffmann

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons