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„Noch ist nicht alles verloren!“ The Horrors im Interview

Benjamin Brown

Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
Big love für Politik, Musik und Reisen

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Benjamin Brown

“Never judge a book by its cover”, sagt man. Mag schon stimmen, sicherlich kein verkehrter Grundsatz. Außer bei Musik. Bei Albencovers sieht die Sache nämlich direkt ganz anders aus, dort kann man häufig doch vom Cover auf den Inhalt schließen – glücklicherweise. Und so kam es auch, dass ich zum ersten Mal Kontakt mit „The Horrors“ hatte. Nach einer Atlantiküberquerung ohne Internet und ohne neuen Musik-Input stürmte ich beim ersten Landgang auf europäischem Boden in einen Plattenladen in der südenglischen Stadt Falmouth. Klischee? Ja. Wahr? Auch.

Das Cover des dritten Horrors Albums, Skying, stach heraus. Das war 2014. Seitdem nehmen The Horrors eine wichtige Rolle in meinen Playlists ein.

Ich traf mich vor ihrem Konzert in München (Fotos gibt’s hier) mit Keyboarder Tom Cowan zu einem Gespräch über das Erkunden neuer Genres, die Zukunft der Musikindustrie und ein Desaster namens Brexit.

Mucbook: Ihr habt regelmäßig gesagt, dass ihr mit eurem neuen Album „V“ kreative Risiken eingegangen seid und viel Neues ausprobiert habt. Dennoch sprechen die meisten Kritiker*innen von einem recht klassischen Horrors-Album. Woher kommt dieser Widerspruch?

Wahrscheinlich würden wir auch noch nach The Horrors klingen, wenn wir plötzlich eine Disko-Platte veröffentlichen würden, dieser eigene Stil bleibt. Ich glaube aber, dass wir auf diesem Album wesentlich härter klingen, es gibt mehr treibende Gitarren. Letztendlich können wir aber nicht die Meinungen anderer beeinflussen, wir machen uns darüber nicht allzu viele Gedanken.

Apropos Disko-Platte: Gibt es ein bestimmtes Genre, in das du gerne selber mal eintauchen würdest?

Ich bin für sowas total offen, bei Musik sollte man nie in eine bestimmte Ecke getrieben werden, sondern immer das produzieren, worauf man Lust hat – auch wenn das in Hinsicht auf kommerziellen Erfolg desaströse Folgen hätte. Bands, die immer in einer bestimmten Richtung bleiben, sind meist wesentlich erfolgreicher, für das Publikum ist das dann einfacher zu „verdauen“. Ich würde gerne Folk-Musik aufnehmen, eine Diskoplatte wäre aber auch geil – nur nicht mit dieser Band. Ich bin aber jeden Tag fasziniert davon, wie viel neue Musik zum Vorschein kommt, insbesondere aus Westafrika. Das ist super inspirierend für mich.

Ein Grime-Album kommt aber nicht?

Unser Manager möchte uns schon seit längerem mit Grime-Produzenten zusammenbringen – das sagt mir aber nicht so zu, ich stehe eher auf US Hip-Hop.

Neue Musik entdecken wir heutzutage hauptsächlich über Streaming-Plattformen. Wie stehst du als Musiker dazu?

Ich nutze Spotify, Apple Music und habe sogar Tidal bekommen, nachdem ich eine Playlist für die zusammengestellt habe. Spotify sollten uns aber auch mal was schenken, wenn die uns schon kaum Geld überweisen. Als wir 2006 angefangen haben Musik zu machen, hatten wir noch große Probleme mit illegalen Tauschportalen, wo jedes Album 2-3 Wochen vor dem Release-Date „geleakt“ wurde. Dieses Problem ist aber verschwunden. Warum sollte jemand ein Album leaken, wenn man kurze Zeit später direkten Zugang über Spotify bekommt?
Ich finde es faszinierend, wie junge Leute damit aufwachsen, Zugang zu einem Archiv mit fast allen Songs, die jemals produziert wurden, zu haben. Ob Justin Bieber oder irgendwelche Psych-Sachen: Alles! Außerdem sind wir unabhängiger von großen Magazinen, wie zum Beispiel dem NME, die früher vorschreiben konnten, was cool ist.

Aber es wird spannend zu sehen, wie sich das entwickelt. Spotify hat zwar viele Investoren, macht aber täglich Verluste – ewig kann das so nicht weitergehen. Einerseits verlangen Bands, dass Spotify und Co besser zahlen, andererseits geht ihre Strategie jetzt schon nicht auf.

Häufig heißt es ja dann, dass Musiker heutzutage mit Live-Musik viel Geld verdienen, aber das stimmt einfach nicht. Auf Festivals verdienen wir ganz gut, aber heute Abend bekommen wir so gut wie nichts. Heutzutage hast du als Band ein sehr kurzes Zeitfenster, in dem du erfolgreich sein musst. Es gibt so viele Bands, die 2-3 Alben gebraucht haben, um ihren Stil zu finden. Das geht aber nicht mehr, weil die Labels Bands abschießen, wenn sie nicht von Minute eins an Erfolg haben.

Werden Alben dank Streaming zu einer Sache der Vergangenheit?

Insbesondere Labels interessieren sich total für diese Frage. Alben sind einfach teuer zu produzieren, es reicht aber heutzutage mit einer Single in einer Spotify-Playlist zu landen, um Leute zu erreichen. Das macht Musik aber auch sehr viel demokratischer, jeder kann perfekt aussuchen, was er hören möchte. Alben sind nicht tot, aber immer weniger Leute werden sich ganze Alben anhören. Einerseits sagen wir, dass uns die Aufmerksamkeitsspanne fehlt, um ein ganzes Album durchzuhören, andererseits schauen Leute 10 Staffeln einer Serie an einem Wochenende. Vielleicht müssen wir auch einfach bessere Alben machen – oder eine TV-Serie dazu produzieren.

Zusätzlich muss man dauerhaft Content veröffentlichen, um im Fokus der Hörer zu bleiben.

Absolut! Wir werden uns auch im nächsten Jahr zusammensetzen und an ein paar EPs oder Singles arbeiten. Es könnte sehr befreiend sein, vielleicht bringen wir sogar den Disco-Track raus.

Nun zum Ernst des Lebens und einem Thema, bei dem ihr bereits einige Negativschlagzeilen erlebt hat: Politik.  Euer Sänger, Faris Badwan, meinte 2015, dass zur Wahl gehen „sowieso nichts verändert“ und „für Menschen ohne Vorstellungskraft“ sei. Wie seht ihr diese Aussage nach Brexit, Trump und der AfD im Bundestag?

Ich glaube, dass das eine unüberlegte Aussage war, das spiegelt definitiv nicht die Meinung der gesamten Band wider! Der Brexit war für uns ein besonders großer Schock. Als Musiker haben wir Angst vor einer Zukunft, in der wir ein Arbeitsvisum brauchen und Zölle zahlen müssen, um in Europa auf Tour zu gehen. Das wird vor allem junge Bands massiv beeinträchtigen. Trump war auch schlimm – ganz ehrlich, es war ein Scheiß-Jahr!

Am Tag nach dem Brexit-Referendum war ich mit einer italienischen Freundin essen, die gerade angefangen hatte, sich in England ein Leben aufzubauen. Sie hat total Angst vor der Zukunft, ich wollte ihr immer einreden, dass alles gut wird. Aber jetzt weiß ich: Das wissen wir nicht, wir haben keine Ahnung was passieren wird. Aber das Ganze hat auch positive Effekte: Wir sehen in England eine zunehmende Politisierung junger Leute und in den USA erheben Frauen und Minderheiten ihre Stimme, um gegen all das zu protestieren, was Trump mit ihrem Land macht. Junge Leute zeigen eine Reaktion auf diese konservative, hochnäsige Art.

Aber wir sind noch nicht im dritten Weltkrieg, alles war schon mal viel schlimmer. Wir sind uns der Geschichte bewusst, wir wissen, was passieren kann. Noch ist nicht alles verloren!


Benjamin hat das Interview zusammen mit Sascha Gontcharov geführt.


Beitragsbild: © Ashley Stanford via Flickr

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