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Opernbude und Bodytalk: Theater-Tipps für den Juli

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05. Juli: ERÖFFNUNG OPERNBUDE – „TALKING MELODY-SINGING STORY“, danach täglich

Paul Brody, der Artist in Residence vom Opernhaus der Kammerspiele, hat eine Klanginstallation kreiert, die die Überschneidung von Sprache und Gesang im Verhältnis zur Oper erforscht. Die Idee entstand aus dem Probeprozess von David Martons Inszenierung „La Sonnambula“, in der Brody die Rolle des Graf Rodolfo spielte, ausgerüstet mit einer Trompete. Für das Opernhaus der Kammerspiele hat Brody mit „Talking Melody“ und „Singing Story“ nun zwei Klanginstallationen entwickelt, die sich mit der Frage nach der Musikalität in Sprache und Alltag beschäftigen und Oper dort entdecken, wo man sie bisher eher nicht vermutet hätte.

Ab 5. Juli wird die Opernbude einen Monat lang jeden Tag ab 14.30 Uhr auf Neugierige warten. Nur jeweils drei Zuschauer können gleichzeitig in der Opernbude Platz nehmen. Am Nachmittag gibt es Installationen und Ausstellungen, am frühen Abend dann werden in der „Rush Hour“ 5-minütige Mini-Aufführungen mit Ensemblemitgliedern der Kammerspiele zu sehen sein, bis dann zur richtigen Vorstellungszeit kleine Inszenierungen von David Marton und befreundeten Künstlern stattfinden werden, die sich mit Henry Purcells Barockoper „Dido und Aeneas“ beschäftigen. An den Wochenenden lädt zu Beginn der Nacht anschließend noch die „Peep Oper“ zum Tagesausklang. Dort wird es dann sicher etwas zu trinken geben und natürlich Musik, wenn auch andere Musik, als die entlaufene Opernloge in ihrem bisherigen Leben gehört hat.

Die Opernbude befindet sich im Charlottehof der Münchner Kammerspiele, Zugang über Maximilianstr. 26.
Bis auf die „Dido-Variationen“ (I-V) ist das gesamte Programm kostenlos.
Um die „Dido-Variationen“ zu sehen, sucht Euch im Kalendarium einen Wunsch-Termin aus und schreibt an: opernhaus@kammerspiele.de

05. und 07. Juli: 50 GRADES OF SHAME

In Wedekinds „Kindertragödie“ „Frühlings Erwachen“ scheitern einige Sorgeberechtigte und ErzieherInnen kläglich an der Aufgabe, die ihnen anvertrauten Jugendlichen in dem Wissen über Sex zu unterweisen. Aufklärung könnte die jungen Menschen verderben, das ist ihre Sorge. Heute, 125 Jahre später, ist die individuelle sexuelle Entfaltung zum gesellschaftlichen Imperativ geworden. Und Bilder von unbekleideten Körpern und Sex stehen dafür überall zur Verfügung. Die gesellschaftliche Bedeutung solcher Darstellungen hat sich geändert; die Sorge ist geblieben. Inspiriert von Wedekinds utopischen Erziehungskonzepten errichtet das Performance-Kollektiv She She Pop zusammen mit dem Ensemble der Kammerspiele eine eigene Erziehungsanstalt. Mit Zeigestock und anschaulichen Bildtafeln, entlang der Szenen aus „Frühlings Erwachen“ und Motiven aus E. L. James Roman „50 Shades of Grey“ entwickeln sie eine ars erotica im Frontalunterricht: Eine vertrauensvolle Unterweisung der Unerfahrenen mit den Mitteln der Kunst. Ein bewegter Bilderbogen von 50 Graden der Scham.

Tickets gibt´s hier.

15. Juli: 20 JAHRE M94.5 – LAUT INDIE STADT
M94.5 gehört zu den Lichtblicken inmitten der hiesigen Radio-Landschaft. Hier gibt es Platz für Musikstile und für Themen, die auch den Münchner Kammerspielen am Herzen liegen. Nun wird der Sender runde 20 Jahre alt. Grund genug für eine Jubiläumsparty in der unbestuhlten Kammer 1. Wir freuen uns auf ein rauschendes Fest und Auftritte von Die Sterne, Drangsal, KYTES, Monday Tramps. Nach Mitternacht wird im Conviva im Blauen Haus weitergefeiert.
Karten gibt’s hier.

 

10./11. und 23. Juli: HOT PEPPER, AIR CONDITIONER AND THE FAREWELL SPEECH

© Julian Baumann

 

Der japanische Regisseur und Autor Toshiki Okada untersucht in seiner Trilogie „Hot Pepper, Air Conditioner and The Farewell Speech“ die zeitgenössische japanische Arbeitswelt. In den letzten Jahren versuchte die japanische Regierung durch Privatisierungen das stagnierende Wirtschaftswachstum wiederzubeleben und gegen die erstmals in der Geschichte des Landes wachsende Arbeitslosigkeit anzugehen. Bisher ohne dauerhaften Erfolg. Okada begegnet der wirtschaftlich-politischen Realität, indem er liebe- und humorvoll die Menschen hinter den Statistiken zeigt: Die vom Verlust ihrer Jobs bedrohten Leiharbeiter unterhalten sich vor allem über das Lokal für die Abschiedsfeier ihrer entlassenen Kollegin (und vielleicht auch die eigene). Die Festangestellten nutzen ihre Arbeitspause für erotische Annäherungen im Gespräch über die Temperatur der Klimaanlage. Und die entlassene Mitarbeiterin selbst bedankt sich ausufernd für die zugestandene (Arbeits-)Zeit. Niemand spricht offen aus, was er / sie denkt und doch wird es sichtbar. Besonders in den choreografisch analysierten Körpern der Sprechenden. Toshiki Okada, einer der wichtigsten zeitgenössichen Künstler Japans, adaptiert seine zuerst 2009 mit der „chelfitch“-Kompanie geschaffene und durch die ganze Welt gereiste Inszenierung in seiner ersten Regiearbeit in Europa mit dem Ensemble der Kammerspiele. „Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech“ – in der deutschen Übersetzung von Andreas Regelsberger.

Karten gibt’s hier.

 

 14. – 16. Juli: BODY TALK – EIN FESTIVAL ÜBER KÖRPER UND MÄRKTE, GESCHLECHT UND SICHTBARKEIT IM 21. JHD

Das deutsche Theater ist mehrheitlich, schlicht und ergreifend: männlich, weiß, hetero. Das betrifft die Stoffe, die Regisseure, das leitende Personal. Die Münchner Kammerspiele machen da keine Ausnahme. Wo sind sie denn bloß, die Frauen, die Schwarzen, die Queers, die Freaks? Sie werden in den progressiveren Einrichtungen der Branche immer wieder als Instanz angerufen. Aber ändern sich dadurch schon die symbolischen, geschweige denn die politischen Machtverhältnisse?

LOVEPIECE © Michelle Ettlin

Mit dem von Stefanie Lohaus und Christoph Gurk kuratierten Festival „Body Talk“ richten die Münchner Kammerspiele, auch an sich selbst, die Frage, warum das Theater in dieser Hinsicht so sehr hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Was könnte man unternehmen, um das zu ändern? Drei Tage lang – und nach Abschluss der Veranstaltung dann vielleicht immer öfter – wird die Bühne für die Perspektiven derjenigen geöffnet, für die in deutschen Stadttheatern zu wenig Raum bleibt. Auf dem Programm stehen Performances, szenische Interventionen, Konzerte von und mit: The Agency, Boiband, Marlene Monteiro Freitas, Henrike Iglesias, GIESCHEand, Tina Pfurr und Anna Zett, Anta Helena Recke und Julian Meding, Talking Straight, Jeremy Wade, Melanie Jame Wolf, WUSS u.v.m.

Das Festival „Body Talk“ möchte bei der – dringend notwendigen – Selbstkritik des heteronormativen Kulturbetriebs nicht stehenbleiben. Inmitten eines aufgeheizten Zeitgeistes richtet die Veranstaltungsreihe den Blick auf gesellschaftspolitische Debatten, in denen sich oft genug massive Rückschläge für feministische, genderpolitische und antirassische Bewegungen anzeigen. Es geht um das Erstarken islamophober Tendenzen und die Ereignisse auf der Kölner Domplatte während der vergangenen Silvesternacht, um Sexarbeit im Zeichen von Flucht und Migration, um Pick-up-Artists und sexualisierte Gewalt im öffentlichen Raum und im Internet, um den Optimierungsdruck, der sich im Zeitalter des Neoliberalismus nicht nur auf weibliche Körper richtet. Wir hören Vorträge und Diskussionen von und mit: Paula-Irene Villa Braslavsky, Barbara Duden, Stefanie Lohaus, u.v.m. „Body Talk“ ist längst noch nicht alles. Aber hoffentlich ein Anfang.

GRRRRRL © Paula Reissig

 

Zum gesamten Programm geht es hier.

Festival-3-Tages-Pass: 45 / erm. 30 Euro
Tagestickets: 20 / erm. 15 Euro
Donnerstag, 14. Juli
Freitag, 15. Juli
Samstag, 16. Juli

 

18. Juli: EPISODE #8: BREAKING BAD

Unter dem Titel „Episode“ stellen Experten und Theoretiker aus dem Umfeld der Filmzeitschrift „Cargo“ gemeinsam mit wechselnden Gästen jeweils eine Episode aus einer Fernsehserie zur Diskussion. In der letzten Folge vor der Sommerpause unterhält sich der in Berlin lebende Regisseur Ersan Mondtag mit Matthias Dell, dem Filmredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“, über „Breaking Bad“. Im Mittelpunkt der amerikanischen Kultserie, die von 2008 bis 2013 auf dem Pay-TV-Sender AXN ausgestrahlt wurde, steht ein an Lungenkrebs erkrankter Biologielehrer, der auf die schiefe Bahn gerät und sich zum rücksichtslosen Verbrecher wandelt. Ersan Mondtag assistierte bei Vegard Vinge, bevor er an die Otto Falckenberg Schule ging. Für seine Arbeit „Tyrannis“ wurde er zur diesjährigen Ausgabe des „Theatertreffen“ eingeladen. In der kommenden Spielzeit inszeniert er an den Münchner Kammerspielen ein Stück zum NSU-Komplex.

Karten gibt’s hier.

08./12./20./22. Juli: AMÉRICA

Als vor über einem Jahr die Entscheidung fiel, den von der paranoiden Angst einer US-amerikanischen Grenzgemeinde vor Verdrängung durch illegale Einwanderer aus Mexiko erzählenden Roman T. C. Boyles (1995) an den Kammerspielen zu inszenieren, sah sich Europa noch weit entfernt von den Migrationsbewegungen der Jahre 2015 und 2016. Heute hingegen, da die Frage nach der Bewältigung eines mehrere Millionen Menschen betreffenden Exodus die EU und deren Gesellschaften zersplittert, ergeben sich auf einmal deutliche Parallelen zu den in Boyles „América“ verhandelten Phänomenen. Ein Umstand, der den Intentionen des amerikanischen Autors möglicherweise nur teilweise entspricht. Denn als dieser vor über 20 Jahren die Geschichte eines mexikanischen Einwandererpaares und deren gleichermaßen unfreiwillige wie folgenschwere Begegnung mit den Bewohner_innen einer vornehmen Wohnsiedlung südlich von Los Angeles veröffentlichte, ging es ihm nicht in erster Linie um künstlerische Reaktionen auf eine aktuelle gesellschaftliche Notlage. Vielmehr suchte Boyle nach einer Möglichkeit, sich exemplarisch mit solchen menschlichen Urängsten auseinanderzusetzen, die angesichts eingebildeter Bedrohungen entstehen und gerade deshalb alle Vernunft außer Kraft zu setzen vermögen. In einem fast surrealen Szenario, in dem grenzenloser Überlebenswille auf hysterische Abschottung trifft, geraten in Boyles Erzählung die Lebensrealitäten aller Beteiligten ins Wanken. Und verschieben sich zu einem Bild, für das eine berühmte christliche Wortreihe folgendermaßen umgeschrieben werden könnte: Glaube, Liebe, Panik.

© Arno Declair

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