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Ich wollt ich wär ein Huhn – oder doch nicht?

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Hunderttausende Hendl werden jedes Jahr auf dem Oktoberfest gegessen, meist ohne, dass die Leute wirklich Hunger hätten oder es genießen würden. Tommy Schmidt und Birgit Merk wollen dies nicht mehr einfach so hinnehmen. Deshalb hatten sie eine skurrile, jedoch originelle Idee um die Oktoberfestbesucher aufzurütteln! Mit klimaherbst.de redeten die Beiden über ihr Projekt „Ein Wiesn-Hotel für ein Huhn„.

Klimaherbst: Für alle die jetzt noch nicht von dem Projekt gehört haben, beschreiben Sie doch mal das Ganze in seinen Grundzügen.

Tommy: Wir quartieren ein Huhn in ein Hotel in der Nähe der Theresienwiese ein. Während des Oktoberfestes.

Klimaherbst: Wie kamen Sie auf die Idee für ein Huhn ein Wiesenhotel zu suchen?

Tommy: Ich war auf dem Oktoberfest mit mehreren hundert Kollegen aus der Werbeagentur, in der ich arbeite. Und jeder hat einen Hendlgutschein gekriegt. Die schiere Masse! Über eine halbe Million Hendlportionen werden da jedes Jahr verzehrt! Gleichzeitig suchte ich ein Hotelzimmer für einen Freund. Fehlanzeige, absolute Mangelware, in ganz München war kein Zimmer zu haben. Masse traf auf Mangel. Ein faszinierendes künstlerisches Motiv. Wir werden also ein Huhn in ein Hotelzimmer in Wiesnnähe während des Oktoberfestes einquartieren. Ein echtes gackerndes Huhn mit richtigen Federn, ein Lebewesen, ein Individuum! Eine aufgewertete Kreatur, ein Gast, stellvertretend für die hunderttausenden Wiesnhendl am Grill.

Birgit: Ich wurde von Tommy kontaktiert, weil wir bereits andere Projekte zusammen realisiert hatten. Als er mir die Idee zum „Wiesn-Hotel für ein Huhn“ erzählt hat, war ich sofort begeistert. Denn wir leben in einer Welt, in der die meisten Menschen zwar Fleisch essen, aber den Kontakt zum Tier komplett verloren haben. So entstanden dann viele weitere Einfälle, wie wir unsere Idee bekannt machen, zum Nachdenken anregen und ein Huhn in die Großstadt bringen könnten. In ein Umfeld, in dem es niemand erwartet und das bei Menschen heiß begehrt ist.

Klimaherbst: Wie ist der derzeitige Stand der Planung?

Tommy: Das Huhn bekommt ein wunderbares Zimmer in der Hotelpension Haydn, wenige Fußwegminuten von der Festwiese entfernt. Die Wirtin freut sich drauf, sie liebt Hühner. Im Zimmer wird eine Webcam installiert werden. Dann kann jeder sehen: das Huhn fühlt sich wohl und ist froh, nicht gegrillt zu werden. Der „Einzug des Huhns“ ins Hotel am 18. September wird mindestens so feierlich wie der der Festwirte.

Birgit: Es gibt auf unserer Facebook-Seite https://www.facebook.com/wiesn.hotel.fuer.ein.huhn die Möglichkeit, mitzubestimmen, welches Huhn ins Hotel ziehen wird. Alle, die das lesen, können die Planung also noch mitgestalten!

Klimaherbst: Wird das Huhn das Oktoberfest auch besuchen und falls ja, was wird es dort unternehmen?

Tommy: Klar, wir gehen auf die Wiesn mit dem Huhn. Wir werden sehr behutsam gucken, was das Huhn genießen kann, sicher keine Achterbahn und auch keine Maß. Aber bei der Hühnerbraterei werden wir mal vorbeischauen müssen! Naja, wie gesagt, nur, wenn ein kleiner Testspaziergang letzte Bedanken ausgeräumt hat. Das ganze ist vielleicht kein Spaß fürs Huhn, aber wir wollen zeigen, wie es reagiert. Ist ja schließlich ne Kunstaktion.

Klimaherbst: Besteht die Möglichkeit mit dem Huhn in Kontakt zu treten?

Tommy: Das Huhn wird bloggen und Kommentare kommentieren, ja. Allerdings werden wir wohl bei der Ãœbersetzung helfen.

Klimaherbst: Welche Wirkung erhoffen Sie sich aus dem Projekt?

Tommy: Eine bewusste Wahrnehmung von Masse- und Überflussphänomenen beim Großereignis Oktoberfest. Und gleichzeitig ein Blick für das Wertpotenzial und die Qualität mancher begehrter Mangelgüter.

Birgit: Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen sich bewusst sind, dass
Tiere Individuen sind. Meine Meinung ist, dass es sich für alle lohnt, wenn sich jeder überlegt, woher die Lebensmittel kommen, die er zu sich nimmt und daraufhin vielleicht etwas an seinem Konsumverhalten ändert. Eine Hinwendung zum Genuss statt hirnloses Schlingen sozusagen.

Klimaherbst: War es schwer ein Zimmer für ein Huhn zu finden?

Tommy: Ging so. Einige dachten, wir wären verrückt und da ist ihnen ein randalierender Australier, Schwede oder Italiener dann doch lieber. Manche finden´s super, haben aber große Angst um ihr Mobiliar. Jetzt haben wir wohl das perfekte Arrangement. Naja, kostet ja auch ne Kleinigkeit.

Birgit: Mein liebstes Zitat eines Herrn am Hotelempfang war „Rechnet Ihr euch da wirklich Chancen aus? So dumm könnt Ihr doch nicht sein. Der Mensch steht nun mal über dem Huhn in der Nahrungskette.“ Das war aber schon die extremste Reaktion.

Klimaherbst: Was geschieht mit dem Huhn nach seinem Aufenthalt im Hotel?

Tommy: Es kommt natürlich zurück auf den Bauernhof! Was denn sonst?! Bis zu seinem Lebensabend wird es viel zu erzählen haben.

Klimaherbst: Werden sie finanziell unterstützt?

Tommy: Wenn alles klappt, brauchen wir gar keinen Sponsor. Aber wir suchen Privatzimmer, die an Wiesn-Gäste vermietet werden, die kein Hotelzimmer finden, etwa weil da ein Huhn drin wohnt. Und mit den Einnahmen aus der Privatzimmervermietung zahlen wir dann das Hotelzimmer. Also, fragt eure Leser nach Zimmern und Wiesn-Gästen! Nun, für alle Fälle steht Serviceplan, die Agentur, bei der ich als Werbetexter arbeite, hinter uns.

Klimaherbst: Haben sich Festwirte, Geflügelgroßhändler oder ähnliches bereits zu diesem Projekt geäussert?

Tommy: Noch nicht, aber da sind wir sehr gespannt. Wir freuen uns auf einen engagierten Austausch. Wichtig ist aber in jedem Fall: Ein Wiesn-Hotel für ein Huhn ist eine Kunstaktion, die keine Anklage erhebt und auch nicht politisch argumentiert. Unsere Aufgabe ist es, Wahrnehmungen zu beeinflussen.

Birgit: Wir hätten nichts gegen einen Dialog einzuwenden, sofern der auf künstlerischer Ebene stattfindet und uns ermöglicht, das Gesagte dann frei zu interpretieren. Bisher hat sich aber niemand aus den beiden Branchen bei uns gemeldet.

Klimaherbst: Welche Alternativen zum klassischen „Wiesnhendl“ wären für Sie denkbar?

Tommy: Als Alternativen zum klassischen „Wiesnhendl“, das hunderttausendfach gefressen, ausgekotzt oder in Maßkrüge geworfen wird, schlagen wir vor: Biohendl für mindestens 24 Euro das halbe. An gedeckten Tischen außerhalb des Festzeltes. Für Gäste die bewusst speisen und genießen und die den Wert eines würdevoll zubereiteten Lebewesens zu schätzen wissen.

Birgit: Das mit dem Biohendl ist laut Presseberichten auf der Wiesn schon mal schief gegangen. Aber das wäre natürlich eine Alternative. Oder die Wiesn-Freunde entscheiden sich gleich für eine Brotzeitplatte mit Kas, Radi, Salaten und Breze. Rahmschwammerl mit Semmelknödeln sind auch zu empfehlen. Es muss ja kein Fleisch sein.

Foto: Brezenstudio

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