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Eine Initiatve der Stadt München wird das Essen in Kantinen für immer verändern

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Würde man mir die Frage stellen, wie „bio“ meine Küche ist, wäre die Antwort für viele von euch erschreckend. Klar, regionale Milchprodukte und Fair-Trade-Saft finden sich schon mal in meinem Kühlschrank. Aber ich kann bei weitem nicht behaupten, dass alle meine Mahlzeiten zu 100 Prozent aus biologischen Zutaten bestehen.

Das Fleisch? Im besten Fall von Birkenhof, Tengelman. Die Spaghetti? A&P, 50 Cent. Die Tomaten? Südspanien, Almeria. Der Fisch? Pangasisus Filet aus südostasiatischer Zucht. Ja liebe Öko-Freaks, ich bin ein Sünder.

Münchner Kantinen: „Bio“ kann so einfach sein!

Umso erstaunter war ich, als mir bewusst wurde was die Münchner Stadt alles dafür tut, um die „Bio“-Hauptstadt Deutschlands zu sein. Und das schon seit zehn Jahren.

Die städtischen Kantinen haben mittlerweile einen Bio-Wareneinsatz von 20 Prozent. In Kindertageseinrichtungen sind seit einem Stadtratsbeschluss von 2013 die Hälfte aller Lebensmittel aus biologischem Anbau. Dafür setzt sich besonders die Gemeinschaftsinitiative „Bio für Kinder“ ein.Der Grund dafür liegt klar auf der Hand: „Unsere Kinder sollten uns eine gute und gesunde Ernährung wert sein“, sagt Stephanie Jacobs, Referentin für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München.

Auf einer Pressekonferenz in der städtischen Berufsschule für Fachkräfte aus dem Pflege- und Pharmaziewesen erklärte Jacobs außerdem, die Stadt München begrüße ihre positive Bilanz, doch wolle sich in Zukunft noch verbessern.Bis 2017 will der Gesundheitsausschuss den Anteil von biologischen Lebensmitteln in den Kantinen noch um 30 Prozent erhöhen. Neue Statistiken der Stadt ergeben, dass das nicht zwingend teuer sein muss. 35 Cent kostet eine Mahlzeit im Schnitt mehr, wenn die Zutaten aus regionalen Betrieben stammen.

„Es muss sich etwas tun!“, so Jacobs. Die Stadt vertrete die Auffassung, dass für alle Kantinen der Dreiklang „saisonal, regional, biologisch“ gelten müsse.

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Von der Gurke zu Biogurke – kein Preisunterschied?

Als absolutes Vorzeigebeispiel für Ernährung gilt das deutschlandweit bekannte „Tollwood-Festival“. Das Essen, welches dort Jahr für Jahr angeboten wird, ist zu 100 Prozent biologisch.

Auf der Pressekonferenz zu „10 Jahre Biostadt München & 10 Jahre ‚Bio für Kinder'“ erklärte Stephanie Weigl: „Wenn das bei einem Großfestival funktioniert, wieso sollte es dann nicht in den städtischen Kantinen klappen?“ Zwei externe Gutachten hatten ergeben, dass die Umstellung in Kita und Schulen viel günstiger wäre, als zunächst angenommen. „Der Preis hat uns selbst überrascht. Von der Gurke zur Bio-Gurke, das ist finanziell kein echter Unterschied“. Zwar kosten Bio-Produkte durchschnittlich mehr Geld, doch mithilfe der richtigen Planung könnten andere unnötige Kosten vermieden werden. Statt teurem Suppenpulver, sei es viel sinnvoller Gemüsereste zu verwenden, die sonst im Abfall landen. „Wir schmeißen 10-15 Prozent weg, das ist nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern auch für den Geldbeutel.“

In den Schulen sind die Kantinen in privaten Händen

Einen Haken gibt es allerdings. 50 Prozent des Gemüses und 90 Prozent von Fleisch und Fisch aus biologischen Anbau sind in Kindertagesstätten zwar Pflicht, allerdings ist die Umsetzung in Schulen weitaus komplexer. Dort haben nämlich die sogenannten „Schulfamilien“ das Sagen. Die Kantinen sind in privaten Händen, denen die Stadt nichts vorschreiben kann.

Die Verantwortlichen setzen darauf, die Kantinen deshalb zu moderaten Preisen zu vermieten. Damit sollen die Familien überzeugt werden, ihr Geld für hochwertigere Lebensmittel zu investieren. „Jeder soll das gleiche Essen erfahren. Alle Kinder müssen lernen, dass es zu bestimmten Jahreszeiten, unterschiedliche Lebensmittel gibt. Im Winter gibt es nun mal keine Erdbeeren und Fisch muss nicht immer paniert sein“.

So köstlich kann Kantine schmecken

Wie biologisch und saisonale Ernährung in einer Kantine aussehen kann, wurde nach der Pressekonferenz in der Mensa der Orleansstraße 46 präsentiert. Unter Leitung von Frau Häusler entsteht dort gesunde und nachhaltige Kost, die mit Begeisterung von den Schülerinnen und Schülern der Ausbildungsstätte angenommen wird.

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Von Spinat-Minz-Smoothies, über Super-Food Salat bis hin zur Mango-Joghurt Creme. Der zu 100 Prozent biologische Speiseplan, hat mich zu 100 Prozent beeindruckt.

Der Geschmackstest: Das hat nichts mehr mit gewöhnlichen Kantinenessen zu tun. Schmeckt wie bei Mama. Für das Menü würde ich in einem hippen Szenerestaurant zwischen 15-18 Euro hinblättern. In der Kantine kostet mein Mittagessen für Schüler und Lehrer 6,00 Euro. Auch die Portion stimmt. Ich war für den Rest des Tages gesättigt und muss außerdem gestehen, schon lange keinen so leckeren Salat mehr gegessen zu haben. Knackig, geschmacksintensiv und natürlich.“Wie man sich ernährt, ist eine lebenszentrale Frage. Egal wie weit wir inzwischen gekommen sind“, so Beatrix Zurek, Referentin für Bildung und Sport, „wir müssen uns immer fragen, ob wir nicht noch etwas tun können!“.

Wenn sich noch mehr Kantinen in München an dem schmackhaften Vorbild der Berufsschule am Ostbahnhof orientieren, dann wird das Interesse an einer gesunden und nachhaltigen Ernährung mit Sicherheit auf mehr Bewohner unserer Stadt übergehen.Gerade für Schulen und Kitas gilt: „Hier essen die Erwachsenen von Morgen. Die werden die hier vermittelte Mentalität in ihr weiteres Leben mitnehmen“. Auf mich hat das Essen in der Berufsschule einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ein Grund öfter einen Umweg zum Vollkorner zu machen und meinen täglichen Einkauf gründlich zu überdenken!

 

 

(c) Bilder: Getty Images und Julius Zimmer

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