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„Künstler*innen sind großartig darin, sich unter Wert zu verkaufen!“ – Pho Queue vs. Gans Woanders

Das Hexenhäusl Gans Woanders am Kolumbusplatz hat sich seit Pandemiebeginn schnell zu einer Konstanten im Münchner Kulturleben etabliert. Auf der Bühne des Kulturcafés mitten in Giesing spielt die Live-Musik weiterhin eine zentrale Rolle vor einem interessierten und heterogenen Publikum. Mit einem großen Haken: Das Gans Woanders zahlt den Künstler*innen keine Gage.

Auch die Band Pho Queue bekam eine Anfrage der Zwischennutzung. Die Reaktion der Band postete Pho Queue Mitglied Adriano Prestel auf Facebook und bringt darin ihre Empörung und Unverständnis zum Ausdruck. Wir haben mit beiden Parteien gesprochen. Mit der Band, die für bessere Konditionen und Anerkennung ihrer Arbeit plädieren und mit Julian Hahn, dem Mann hinter dem Gans Woanders, der vom Spannungsverhältnis zwischen der Rettung der Kulturbühne und derer Wirtschaftlichkeit erzählt – ein Konflikt ohne Gewinner.

Auf solche Anfragen gibt es nur eine Antwort….Ganswoanders und Konsorten.. Ihr solltet Euch schämen!

Gepostet von Adriano Prestel am Freitag, 2. Oktober 2020

Missverstandene Künstler*innen

Schämen muss sich Julian Hahn seiner Meinung nach nicht. Für ihn stellt die Kleinkunstbühne einen Kompromiss dar. Während Konzerthäuser geschlossen bleiben, bietet er Künstler*innen eine Bühne, die entweder auch ohne Corona Schwierigkeiten hätten, Konzertsäle zu füllen, oder mangels Alternativen die Möglichkeit Aufzutreten dankend in Kauf nehmen.

„Wo sollen die Menschen eine Auftrittsmöglichkeit finden, die sich ausprobieren wollen, Erfahrungen sammeln oder noch unbekannt sind, wenn nicht auf einer kleinen Kulturbühne vor einem Publikum, das ohnehin dort ist?“

Für Pho Queue ist das verklärte Künstler-Romantik, die sich in den Köpfen der Musiker*innen und Veranstalter*innen festgesetzt hat. Sätze wie ‚Ist ja alles nur Hobby…‘ und ‚Es macht Euch doch Spaß‘ oder ‚Ihr könnt Euch hier präsentieren und Eure Reichweite verstärken‘ zählen für die Münchner Band wenig.

„Wir investieren viel Arbeit und Geld, um auf ein entsprechendes Auftrittsniveau zu kommen. Auch wir haben Fixkosten wie Miete, Steuern, Krankenversicherung und so weiter, wie jeder andere Selbständige auch.“

Die Zukunft der Kleinkunstbühne

Aus Sicht des Veranstalters werden diese Kosten gedeckt, nicht durch eine Gage, sondern durch den berühmt berüchtigten Hut, der nach dem Konzert die Runde macht. Schließlich bietet die Kleinkunstbühne erlebbare Kunst und Kultur für alle. Eine Plattform für Künstler*innen vor einem breiten Publikum, das sich so vielleicht für etwas ihnen noch Unbekanntes begeistern kann.

Rein wirtschaftlich wagt das Gans Woanders eine Gratwanderung: Ein kulturelles Rahmenprogramm ohne Eintrittspreis mit fairen Preisen für Getränke und Speisen. Außerdem herrscht kein Konsumzwang. „Jede*r kann sich das Programm ansehen und muss sich nichts kaufen. Das ist der Grund, warum bei uns so ein gemischtes Publikum ein und aus geht und niemand ausgeschlossen wird.“

„Künstler*innen sind großartig darin, sich unter Wert zu verkaufen!“

Einbuße auf allen Seiten, um den Laden am Laufen zu halten, so lässt sich Julian Hahns Appell an Veranstalter*innen und Künstler*innen verstehen. Er geht sogar noch weiter. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Künstler*innen mit dem Hutmodel oftmals sogar besser fahren, als wenn die Gage mit Eintrittsgeldern bezahlt wird. Es ist ein schöner Ansatz, etwas freiwillig zu geben und führt oftmals dazu, dass das Publikum mehr gibt, als ein Eintrittsgeld eigentlich gekostet hätte.“

„Ich finde nicht, dass man uns vorwerfen kann, irgendwen auszunutzen.“

Doch Pho Queue geht diesen Schritt nicht mit. „Künstler*innen sind großartig darin, sich unter Wert zu verkaufen, aus Angst, sonst nicht auftreten zu können.“ Für sie sollte der Hut lediglich als Werkzeug verstanden werden, um mit Trinkgeld die Festgage aufzubessern. Dabei wagen sie auch den Vergleich zu Bedienungen in der Gastro, von denen auch nicht verlangt werde, einzig und allein auf Trinkgeldbasis zu arbeiten.

„Niemand sollte in Clubs zu solchen Konditionen spielen. Der Club verdient gleichzeitig Geld mit Getränken und womöglich Speisen. Als Künstler*in sorgst du für Stimmung und Umsatz im Sinne der Location.“

„Wer das macht, verschlechtert die Konditionen für alle.“

An dieser Stelle muss nun wieder Julian Hahn widersprechen. Für ihn stellt eine Kleinkunstbühne grundsätzlich und gerade am Beispiel des Gans Woanders kein Geschäftsmodell dar. „Ich habe unsere Projekte nicht ins Leben gerufen, um eine reine Gastronomie zu eröffnen. Aber eine Gastronomie ist die Art von Kultur, die am besten mit einer Kleinkunstbühne harmoniert.“

Doch die Kritik von Pho Queue richtet sich nicht nur an Veranstalter, sondern auch an die Musik-Kolleg*innen: „Für umsonst oder ein bisserl Trinkgeld spielen, in Locations, die gleichzeitig Geld verdienen ist ein absolutes NO-GO! Wer das macht, verschlechtert die Konditionen für alle.“

Gleichzeitig bietet Julian Hahn Künstler*innen eine Bühne, die sie anderweitig kaum bekommen würden. Deshalb entschärft die Band ihren ‚Ganz oder gar nicht’ noch leicht. „Es geht uns nicht darum, Amateurmusiker*innen ihre Gigs streitig zu machen. Wir wollen nur faire Konditionen für alle. Wir müssen auch leben von dem, was wir tun. Wenn solche Locations die für Musiker*innen prekären Verhältnisse Berlins nach München importieren, wird’s problematisch.

Irgendwo zwischen ganz oder gar nicht

An dieser Stelle wäre das Kulturreferat ein willkommener monetärer Moderator, doch auch hier werden gerade erhebliche Einsparungen vorgenommen. „Dort ist man gerade eher darum bemüht, bereits bestehende Förderungen aufrecht zu erhalten, als neue dazu zu nehmen,“ so Hahn. „Bis dahin sind wir aber darauf angewiesen, dass Initiatoren und Künstler an einem Strang ziehen und beide Seiten Abstriche machen.“


Beitragsbild: ©Martin Robles on Unsplash

4 Comments
  • André Swag
    Posted at 16:28h, 10 Oktober

    Mit dem Unterschied,dass hier die Band Aktiv angeschrieben wurde.
    Also will man ja wohl professionelle Qualität haben auf der Bühne.

    Dass man mit dem Hut besser als mit einer Festgage oder Eintritt fährt glaube ich auch nicht, jedenfalls nicht als ich mit einer Band gespielt habe. Zugegeben an einem regnerischen Tag, wobei die Bühne uns auch eine Stunde davor absagen wollte mit der Bitte am nächsten Tag zu spielen. Ja klar wir haben ja sonst nichts zu Tun.

    Also in der Summe kamen 88 Euro rum für drei Musiker. Drei Leute das absolute Minimum einer Band. Das sind 29,33 Euro pro Kopf.

    Die Krone ist der Hut darf rumgehen.
    Das heisst der Musiker muss selber noch betteln.

    Darüber spart sich der Veranstalter Mehrwertsteuer, Gema Anmeldungen und Künstlersozialkassenabgaben die ja auch Allen Künstlern zu gute zu kommen.

    Vergleicht man dazu die Utting die 100 Euro zahlt pro Band. Aber es gibt kein Essen und 3 Getränkemarken. 2 Marken gelten für eine Weinschorle. Das wird schnell ein Minusgeschäft da schnell ein halber Tag für ein Konzert draufgeht.

    Klar kann man sagen man darf ja spielen.
    Dann sollte man sich aber nicht Kulturbühne schimpfen. Sondern vielleicht Strassenmusikbühne.

    Ich bin selber befreundet mit vielen Gastronomen und ihnen gehts grade auch nicht gut trotzdem kann man faire Deals finden die beiden Nutzen.

    Die Methoden von Gans und Thiel sind Gewinnmaximierung auf Kosten von Künstlern und Personal und dem schönen Decknamen Hippie und Kultur.
    Toll dass es sie gibt! Aber schade dass sie das mit der Nachhaltigkeit nicht ernst nehmen.

  • Boris Tücking
    Posted at 10:08h, 11 Oktober

    wenn Herr Hahn von Abstrichen für beide Seiten spricht, frag ich mich welche Abstriche er denn hat!?
    hier wird die Zugkraft der Künstler genutzt um n vollen Laden zu haben. das Sie jungen Künstlern ne Bühne bieten wollen: der alte Spruch um einfach Geiz und Gier in etwas verklärt philantropisch klingendes umzukleiden. Die machen das sicher nur für die Künstler! Sicher! deswegen fragen sie ja auch so Newcommer wie Pho Queue die sonst keine Bühne kriegen würden! lol
    eigentlich eine Frechheit wie gut Herr Hahn hier wegkommt.

  • Boris Tücking
    Posted at 10:33h, 11 Oktober

    Ausbeutung romantisch als Wohlwollen bezeichnen…nett!
    its all about the Benjammins. Nothing else. sehr fadenscheinige und altbekannte Argumente, die man auch aus anderen Locations kennt, die Kulturschaffende ausnutzen und sich gleichzeitig als wohlwollender Förderer geben. Also es ist nicht so das die Künstler auf der Bühne den Laden füllen, sondern der Laden wär ja eh voll und Du kleiner Künstler hast aber das Privileg auf meiner Bühne vor Publikum zu stehen-sogar ohne zu zahlen! Nett von mir, oder… same shit here. übrigens in allen Hahnläden, die ja von euch und vielen anderen mit soviel Wohlwollen ins rechte Licht gestellt werden…

  • Ulla Niedermeier
    Posted at 16:42h, 29 Oktober

    Hallo Adriano, vielen Dank, dass Du dieses Thema publik machst, viele Gäste wissen nämlich überhaupt nicht, wie bestimmte Locations, die sich Livemusik, vegan, alternativ und nachhaltig auf die Fahnen schreiben, wirklich arbeiten.
    Kein Thema, jeder muss irgendwie wirtschaftlich arbeiten und Geld verdienen um Pacht, Miete und Angestellte bezahlen zu können.
    Nur schlecht, wenn dabei der Einsatz der Musiker überhaupt nicht vorkommt und doch alles so nachhaltig ist,
    Auch Musiker
    müssen Miete (nicht nur für den Proberaum, denn da wohnen wir in der Regel nicht), Anfahrt, Anlage, Proben (nein, das ist nicht unser Hobby, sondern Arbeitszeit) und Geld, für Instrumente und Promotion (Rollups, Banner, Websites usw.) investieren.
    Richtig problematisch wird das Ganze, wenn uns: „…..eine Anlage vor Ort zur Verfügung gestellt wird“ ,inklusive 2 XLR Kabel und Mikroständer“, was theoretisch gut klingt wird in der Praxis schnell zum Desaster:
    1. Parken: Kann man Pech haben und man muss ganz schnell mal das ganze Equipment durch den halben Westpark tragen, obwohl dort viele Bands spielen, ist kein Rollwagen oder Ähnliches vorhanden,
    2. Anlage: „Anlage ist vorhanden“ ist ein weiter Begriff, natürlich ist das der letzte Schrott, der draussen stehen darf und auch so klingt, mehrstimmige Gesänge oder Arrangements oder sowas kann man sich komplett sparen, daraus kommt nur das Nötigste, nämlich: Schrumm, schramm, schramm und auch nur für die, die direkt neben der Bühne sitzen.
    3. Getränke & Essen: Ist limitiert 1 Essen und 2 Getränke pro Musiker, auch cool!

    Wahnsinnsgig also, wir haben uns 1x drauf eingelassen, um zu sehen, wie’s ist ……….never ever again!!!!

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