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„Klassischer Komponist bin ich sowieso nicht“

Bei einem Komponisten würde vermutlich jeder zuerst einmal an Mozart oder Beethoven denken. Ludwig Abraham jedoch bricht mit jeglichem Klischee eines Klassik-Fetischisten: er fühlt sich in der Pop-Musik heimisch, hat zunächst Kunst, Musik und Medien und dann erst Komposition studiert und interessiert sich für Performance und experimentelle Formen. Auf die Frage, was es denn heutzutage bedeute, Komponist zu sein, antwortet er schlicht: „Als Komponist bist du erstmal jemand, der Musik macht.“

Mit seinem neusten Projekt „Rekord“ bedient der Künstler die selten gewordene Form der Funkoper. „Rekord“ hatte zunächst in Chicago und dann in München Premiere und zeigt durch Videoinstallationen von den HFF-Studierenden Jovana Reisinger und Felix Herrmann und der Performance des amerikanischen Ensemble Mocrep das multimediale Interesse Abrahams.

Oper auf der Bühne und im Radio

Warum ausgerechnet eine Funkoper? „Ich fand die Idee einer Funkoper spannend. Sie beinhaltet im Prinzip zwei Versionen eines Stückes, das fand ich geil.“ Durch die Live-Übertragung einer Funkoper im Radio, während sie – wie eine gewöhnliche Oper – vor Publikum aufgeführt wird, ergeben sie für den Zuschauer zwei Lesarten, zwei Deutungsmöglichkeiten einer Vorstellung. Dieses Verhältnis von Zuschauer und Medium macht „Rekord“ zum Thema: Was für ein Erlebnis hat der Rezipient im Zuschauerraum, was für eines im Radio? Was bedeutet ein offenes Mikrophon auf der Bühne? Und kann ein Radiomoderator nicht auch lügen, wenn er über Geschehnisse berichtet, bei denen die Hörer selbst nicht anwesend sind?

– „Dieses Dings da“S0017060

 

Seit Januar schrieb Abraham an „Rekord“, sammelte zuvor Material und Ideen. Der Lindberghflug bzw. Ozeanflug von Bertolt Brecht, eine der ersten Funkopern, habe ihn schon immer faszieniert, weil sie „eigentlich total skurril ist“. Auf Mocrep traf er erstmals bei den Internationalen Ferienkursen für neue Musik in Darmstadt. Ohne sie sei die Funkoper undenkbar: „Sie ist genau für die Jungs geschrieben. Es könnte niemand anderes machen.“ Doch für „Rekord“ komponierte er nicht nur, sondern führte auch Regie. Ist er denn nun eher Komponist oder eher Regisseur? Vermutlich irgendetwas dazwischen: „Das weiß ich nicht. Ich komponiere ja nicht nur selbst, sondern sample auch und zitiere die Musik anderer und stehe auf der Bühne. Ich bin Regisseur, Komponist – dieses Dings da.“

Inhaltlich gebe es in „Rekord“ keine Geschichte in klassischem Sinne, aber dafür durchaus eine grundlegende Story: es geht um das transatlantische Feedback, wie Abraham es nennt, das Verhältnis zwischen amerikanischer Popkultur und Europäischer und damit natürlich auch um die Exil- und Flüchtlingsbewegungen, die ihre Musik und ihre Literatur nach Amerika brachten.

„Was passiert zum Beispiel, wenn amerikanische Produzenten Kraftwerk hören?“

Dabei stehen auch die Geschichten und Biografien jener im Fokus, die diesen Austausch mit geprägt und miterlebt haben, wie beispielsweise Lion Feuchtwanger, Gary Burger, Thomas Meinecke und Paul Hindemith. Heute sieht Ludwig Abraham es als Privileg an, zwischen den USA und Deutschland arbeiten zu können: „Ich kann mir erlauben, ins Ausland zu fliegen, ich darf reisen, mich bei allen Kulturen bedienen und darüber schreiben.“

Als nächstes performt Ludwig Abraham mit Bastard Assignments und Andy Ingamells im RM Base München und arbeitet mit Alexander-Maximilian Giesche an „8 1/2 Millionen“ / „Remainder“ an den Münchner Kammerspielen.


Bilder: Zach Moore (Bassist und Performer von Morcrep), Credit: © Ludwig Abraham

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