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„Am I touched for real?“ Yael Ronens „Point of No Return“ an den Münchner Kammerspielen

„Guten Abend, ich möchte Sie an etwas Unangenehmes erinnern: Sie werden sterben.“ Mit diesen Worten beginnt Niels Bormann einen Premierenabend in den Münchner Kammerspielen, der sein Publikum zu den menschlichen Abgründen und Ängsten der Gegenwart mitnehmen wird – und zu denen der Vergangenheit, denn das bezeichnet der „Point of no Return“ in der Geschichtsschreibung: ein Moment, zu dem eine historische Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist.

„Wow – wir sind die Ersten, nicht Berlin“

Als einen solchen Punkt ergründen die Schauspieler Niels Bormann, Dejan Bućin, Jelena Kuljić, Wiebke Puls und Damien Rabgetz den Amoklauf vom 22.Juli 2016 im Münchner OEZ. Dabei gehen Yael Ronen und ihr Enselmble von ihren eigenen Erlebnissen an diesem Abend aus.

Gekonnt beschreiben die Schauspieler vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen nicht nur die Absurdität der Gedanken, die einem in diese Situation durch den Kopf schießen, sondern lassen das Publikum auch teilhaben an der Verantwortung, die sie scheinbar als Privatpersonen, Berufsschauspieler oder aufgrund ihrer Herkunft tragen und stellen damit kritische Fragen: wie sagt man einem Kind, dass da draußen geschossen wird? Ist die serbische Schauspielerin prädestiniert dafür, zu entscheiden, ob die Vorstellung an so einem Abend gespielt wird, weil sie den Krieg kennt? Worum geht es uns wirklich, wenn wir über das Leid derer reden, die einen Terroranschlag miterleben müssen? Oder wie Damien Rabgetz sich fragt: „Am I touched for real?“ Wenn er als Schauspieler einen Terroristen spielen soll, ist es dann besser, sich einzufühlen oder emotionalen Abstand zu behalten? Und sollte der vermeintliche Terrorist nicht auch ein wenig Text bekommen?

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„Es geht um die Verantwortung, sich zu informieren.“

Indem bei Yael Ronen die Grenzen zwischen den Schauspielern auf der Bühne und ihren Rollen zu verschmelzen scheinen, zeigt sich das besondere Fingerspitzengefühl der Regisseurin für brisante Themen. An keinem Punkt wirkt die Inszenierung  moralisch belehrend, vielmehr gibt sie Einblick in eine Entwicklung, die die westliche Welt in Schrecken versetzt – andere Länder jedoch schon seit langem. Der privilegierte Blick unserer Gesellschaft wird dabei nicht außer Acht gelassen.

Die Bühne von Wolfgang Menardi wiederum spiegelt die Gesprächssituation der Szenen wider: eine schräg ansteigende weiße Rampe, an der man sich entlang hangeln muss, die Raum für Projektionen bietet und von Spiegelwänden umringt ist, die auch das Publikum einfangen. Ronen und ihr Ensemble schaffen es, den Themen des Abends mit einem Humor zu begegnen, der an keinem Punkt lächerlich wirkt, sondern dem Publikum die nötige Distanz gewährt und gleichzeitig eine unvermeidbare Nähe birgt. Damit treffen sie genau den richtigen Tonfall für eine Zeit, die Dejan Bućin schlicht zusammenfasst: „Ich habe Angst vor dem, was mit uns passiert, wenn wir die Erlaubnis haben, zu hassen.“

Fazit: ein schwer in Worte zu fassender, absolut sehenswerter Abend.


Bilder: © David Baltzer

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