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Vom Suizid einer Gesellschaft – Japanische Schauspieltradition an den Kammerspielen

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Willst du dich auf so etwas einlassen? Und wenn ja, hältst du es aus?

Diese beiden Fragen sollte man sich stellen, wenn man sich für den Besuch einer Vorstellung von Toshiki Okada’s Nō Theater interessiert.
Seit vergangenem Samstag läuft das dreigeteilte Stück japanischer Schauspieltradition an den Münchner Kammerspielen und hat Potential zu polarisieren.

Toshiki Okada, einer der bedeutendsten asiatischen Regisseure der Gegenwart, bringt ein Theater in die bayrische Landeshauptstadt, das an Aktualität kaum zu übertreffen ist. Dabei hält er sich streng an die Regeln der über sechs Jahrhunderte alten Nō-Tradition.

Roppongi – Der Geist der Gier

Im ersten Teil begegnet ein junger Mann von 24 Jahren in der Tokioter U-Bahnstation Roppongi dem Geist eines Goldman-Sachs-Bankers, der sich an eben diesem Ort vor über zehn Jahren das Leben nahm. Er konnte die Schuld nicht ertragen, die er empfand, als er gewahr wurde, was er durch den unreflektierten Genuss beruflicher Vorzüge mitzuverantworten hatte: Während der hedonistischen Achtziger Jahre war er Teil einer Finanzwelt, die den Yen dem Dollar-Wert anpasste und so eine Blase entstehen ließ, die Anfang der Neunziger Jahre platzte und Japan in eine Wirtschaftskrise stürzte, von der es sich bis heute nicht erholt hat. Angesichts der hoffnungslosen Situation, in die die Jugend von heute dadurch gebracht wurde, ersucht der Geist Vergebung und Erlösung von einem nicht näher definierten Vertreter dieser “Geschädigten”, dem jungen Mann im U-Bahnhof Roppongi.

Lernen oder nicht lernen, das ist hier die Frage

Nach dem schweren ersten Block folgt ganz traditionell ein Kyōgen Spiel. In diesem aufheiternden Intermezzo mimt Anna Drexler auf großartige Weise eine junge Schauspielerin, die sich auf dem Weg zur Probe Gedanken über das Text-Lernen macht. Sie beschwert sich über die mangelnde Empathie von Theaterregisseuren, die ihre Zunft mit ellenlangen Monologen quälen und dafür auch noch von Publikum und Presse gefeiert werden.

Kurz hat man mit Gertrud, der nach Hamlets Mutter benannten Schauspielerin über „lernen, oder nicht lernen“ sinniert, schon führt Toshiki Okada die Zuschauer im letzten Block vom reichen Ausgeh- und Geschäftsviertel Roppongi weiter, vor das monumentale Regierungsgebäude der Präfektur Tokio, in die U-Bahnstation Tochōmae.

Tochōmae – der Geist des Feminismus

Hier kommt gerade ein junger Mann aus Hiroshima an, der das erste Mal die Hauptstadt besucht, um sich auf der kostenlosen Aussichtsplattform des Rathauses zu vergnügen und die Spielorte von Sophia Coppolas Film ‘Lost in Translation’ abzuklappern.

Auf der Suche nach dem richtigen Ausgang trifft auch er auf einen Geist.

Anders als im ersten Teil handelt es sich hierbei um eine weibliche Protagonistin: dieser deutlich politischere Ort wird vom sogenannten Geist des Feminismus heimgesucht. 
Im Gegensatz zum Investmentbanker von Roppongi ist dieser kein Individuum, sondern ein Wesen, das sich aus dem Groll nährt, den Generationen von Frauen auf sich laden mussten. An einem konkreten Beispiel zeigt Okada, dass die Rolle der Frau in Japan auch heute noch keineswegs gleichberechtigt ist. Er lässt seinen Geist einen realen Vorfall zitieren, der sich bei einer Sitzung des Stadtrats von Tokio im Juni 2014 zutrug: während einer Rede, in der sie eine bessere Unterstützung für Schwangere und Mütter forderte, wurde die ebenfalls aus Hiroshima stammende Abgeordnete Ayaka Shiomura von sexistischen Zwischenrufen unterbrochen. Zwar erzeugte dieser Vorfall große Medienresonanz und selbst deutsche Zeitungen berichteten darüber. Dennoch blieb er, ähnlich wie das skrupellose Schaffen raffgieriger Investmentbanker, weitgehend ungeahndet.

Kannst du dich auf so etwas einlassen?

Das muss man aushalten. Tatsächlich ist dieses streng traditionelle Nō-Theaterstück keine leichte Kost, sondern eine sehr japanische.

Die langsamen, aber extrem nuancenreichen und ausdrucksstarken Bewegungen würden Europäer wohl kaum als Tanz, die langgezogenen Sprechgesänge nicht als Arien bezeichnen. Dennoch sind sie klassische Merkmale des Nō und in Okadas Stück großartig dargebracht.
Auch die asymmetrischen Personenkonstellationen der beiden Hauptblöcke, bestehend aus einem Deuteragonisten (waki), der gezwungenermaßen männlich ist und keinerlei individuelle Merkmale besitzt und einer männlichen oder weiblichen Hauptfigur (shite), die als doppelbödiges Wesen zwischen Sein und Schein auftritt, kennt man hier nicht unbedingt.
Okada mutet dem Zuschauer sogar noch mehr zu, indem er beiden Geistern eine unterstützende Nebenfigur (tsure) zur Seite stellt: Eine Bahnhofsangestellte übernimmt zeitweise den langgezogenen Sprechgesang, während die Geister sich ganz der tänzerischen Darbietung widmen.

Aktualität und Umsetzung sprechen für sich

Dennoch ist diese Inszenierung wärmstens zu empfehlen. Die Thematik ist, obwohl streng in Japan angesiedelt, von extremer Aktualität und bietet reichlich Raum zur Reflexion. Die Darbietung ist in ihrer akustischen und optischen Exotik definitiv eine Bereicherung und Licht und Kostüme würden jeweils einen eigenen Artikel verdienen.

Ja, die Erzählung durch die Geister beinhaltet eine atemberaubende Hoffnungslosigkeit, doch man kann das Nō Theater auch so sehen, wie Tarun Kade, Redakteur des Programmhefts, es beschreibt:

“Wenn wir uns Geister vorstellen und manchmal sogar sehen können, dann heißt das auch, dass es nicht nur die offensichtliche Realität gibt, sondern eine Vielzahl vorstellbarer Realitäten. Und vielleicht nicht nur Realitäten von Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch Realitäten von Zukunft. Die Zukunft könnte also anders sein, könnte auch besser sein.

So bleibt es jedem selbst überlassen, die Chance zu nutzen und das erste, vollständig außerhalb Asiens entstandene Nō Theater zu erleben und sich ein Bild von japanischer Theaterkunst zu machen.
Die ist und bleibt Geschmacksache. Aber das hat Sushi ja auch nicht davon abgehalten, zum absoluten Exportschlager zu werden.

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In aller Kürze:
Was? NŌ THEATER von Toshiki Okada
Wann? 18.02.2017-19.03.2017
Wo? Kammerspiele, Kammer 1, Maximilianstraße 26-28
Wieviel? 10-44 € zzgl. VVK Gebühren

Bilder: (c) Julian Baumann, Kammerspiele

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