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Kleines Zuhause – große Freiheit: so lebt es sich im 7m2 Wohnwürfel

Die BR-Journalistin Julia Seidl trifft gerne außergewöhnliche Menschen – egal, ob jung, alt, reich oder arm. Besonders bewundert sie mutige Lebensentscheidungen. Genau deshalb erschien 2019 ihr Buch „Kleines Zuhause – große Freiheit“, in dem sie Menschen vorstellt, die sich für alternative, durchaus mutige Wohnformen entschieden haben. Vom Mini- Mikro- oder Kleinhaus, Wohnwürfel oder ausgebauter Bauwagen – alles ist dabei.

Warum sich zum Beispiel Corinna und Theresa für einen 7 m2 Mini-Wohnwürfel entschieden, liest du hier im Textauszug aus „Kleines Zuhause – große Freiheit“:


CORINNA UND THERESA – BÜFFELN IM CONTAINER

7 m2 Mini-Wohnwürfel

Wer keine Wahl hat, hat die Qual. So könnte man das alte Sprichwort für überfüllte Großstädte abwandeln. Ohne eigenes Einkommen und ohne reiche Eltern sind die teuren Mieten für Studenten unerschwinglich. Auch die zwei Studentinnen Theresa und Corinna haben nicht viel Geld. Wie sollen sie sich da eine gemütliche Studentenbude leisten können?

Und die Mietspirale dreht sich immer weiter nach oben:

Rasant steigende Einwohnerzahlen, ein hinterherhinken- der Wohnungsbau, teure Grundstücke, zu wenig Angebot und zu viel Nachfrage lassen den Mietmarkt nicht zur Ruhe kommen. In München, der teuersten Großstadt Deutschlands, steigen die Mieten unaufhaltsam. Das erinnert ein wenig an das Märchen »Hans und die Bohnenranke«, in dem eine kleine Bohne nur eine einzige Nacht braucht, um bis in den Himmel zu wachsen. Am Ende der unheimlichen Pflanze befindet sich die Wohnung des bösen Riesen, der Reichtümer wie Goldmünzen, eine Henne, die goldene Eier legt, und eine goldene Harfe besitzt. Im Märchen kann Hans den tollpatschigen Riesen bestehlen und wird am Ende selbst reich. Aber Märchen bleibt eben Märchen, und unsere Studentinnen werden dem gierigen Riesen mit Namen »Wohnungsmarkt« wohl keine gemütliche Wohnung mit einer akzeptablen Miete entreißen können.

Mit ihren schönen langen Haaren und ihren strahlen- den jungen Gesichtern erinnern Corinna und Theresa zwar an hübsche Prinzessinnen – aber sie sind bei Weitem nicht so verwöhnt wie die »Prinzessin auf der Erbse« oder die zickige Prinzessin im Märchen »König Drosselbart«. Die Studentinnen bauen nicht auf einen reichen Prinzen, sondern wollen einen anspruchsvollen Beruf erlernen. Corinna, das braunhaarige Mädchen aus Franken, studiert Biochemie im Master-Studiengang. Theresa, die sanfte Blondine aus Murnau, macht jetzt ihren Abschluss als Realschullehrerin für Deutsch und Französisch. Sie sind zwei Studentinnen von fast 120 000 in München, also nichts Besonderes. Aber wie sie wohnen, in knapp 7 Quadratmeter großen Wohnwürfeln, das ist wirklich einzigartig.

Diese sieben kleinen Wohnwürfel stehen auf einer Wiese hinter den Hochhäusern des Studentenwerks im Münchener Norden, in denen fast 2.500 Studenten untergebracht sind – die größte Studentensiedlung Deutschlands mit einer eigenen U-Bahn-Haltestelle. In bis zu 21 Stockwerk hohen Häusern kann man dort günstig in 8 bis 20 Quadratmeter großen Appartements wohnen.

Micro compact homes

Ein besonderes Experiment wagte das Studentenwerk 2005, als es sieben winzige Wohnwürfel – genannt »micro compact homes« – in Auftrag gab. Die Fakultät für Architektur an der TU München entwickelte unter Leitung von Professor Richard Horden kleinste Einheiten, in denen Schlafen, Kochen, Waschen und Lernen auf 7 Quadratmetern komprimiert wurden. Der Würfel wurde nicht breiter als 2,55 Meter gebaut und konnte so im normalen Straßenverkehr transportiert werden. Der Prototyp mit der schlichten Fassade aus Aluminium kostete damals stolze 100 000 Euro. Eine neue Idee mit Erfolg: Bereits 2006 konnte das stylishe »micro compact home« den 1. Preis in der Kategorie »Wohnungsbau« vom Bund Deutscher Architekten einheimsen. An der Entwicklung der Wohnwürfel waren damals auch die Architekten John Höpfner und Lydia Haack beteiligt. Am Telefon berichtete mir John Höpfner stolz, dass die Wohnwürfel immer noch sehr begehrt unter Studenten seien. Allerdings – so schränkte er ein – wäre dieser winzige Raum nicht zum dauerhaften Wohnen gedacht.

Nichts für Menschen mit Platzangst

Corinna, die pragmatische junge Fränkin, dementiert diese Aussage heftig: »Die Würfel sind weniger beliebt bei den Studenten, weil sie so klein sind. Das halten nicht viele aus«, erzählt sie. Bei der Bewerbung um einen Würfel wurden sowohl Corinna wie auch Theresa gefragt, ob sie Platzangst hätten. »Mich hat die Dame im Studentenwerk auch gefragt, ob ich Architekturstudentin bin und mich deshalb für die Würfel interessiere«, berichtet Corinna amüsiert weiter.

Seit einem halben Jahr wohnt die Biochemiestudentin jetzt im Wohnwürfel mit der Nummer 4, wo wir sie am frühen Morgen treffen. Es ist sommerlich warm, und Corinna empfängt uns in lässigen Shorts und einem engen Top. Sie ist gerade aufgestanden und hat bereits ihre erste morgendliche Turnübung absolviert: »Sportlich musst du schon sein«, kommentiert sie ironisch ihr Wohnen auf engstem Raum. Denn wenn Corinna aufsteht, muss sie erst mal wie ein Eichhörnchen auf ihrem Bett rumklettern, um die Bettdecke in das seitliche Regal räumen und das Bett hochklappen zu können.

Erst wenn das Bett, das sich im oberen Drittel des Würfels befindet, weg ist, kann sie im Raum darunter ihre Sitzecke zum Frühstücken herrichten. Dafür zieht sie den schmalen Aluminiumtisch, der im Regal eingelassen ist, hervor. Die winzigen Sitzbänke schmückt sie jeden Morgen wieder mit Sitzkissen, die standardmäßig blau sind, aber von ihrer Mutter mit einem fröhlichen geblümten Stoff aufgepeppt worden sind. »Ich brauche morgens schon eine Viertelstunde länger als die Kommilitonen im Hochhaus«, berichtet Corinna nach ihrer morgendlichen Choreografie. »Da musst du dir Ordnung und eine gewisse Technik angewöhnen, sonst funktioniert das nicht.« Das hat sie hier lernen müssen. Keine schlechte Lektion, oder?

Ihre wenigen Nachbarn kennt Corinna kaum. Obwohl die Miniwürfel mit einem Steg aus Eisengitter verbunden sind, gibt es wenig Kontakt untereinander. Vielleicht weil jeder – auch wenn es noch so klein ist – in seinem eigenen Haus lebt und keine Küche oder Bad mit jemandem teilen muss. Erst im Zuge meiner Recherche hat Corinna Theresa kennengelernt, die schon seit fast zwei Jahren in dem Wohnwürfel direkt neben ihr mit der Nummer 5 lebt. Theresa ist auf einem großen Bauernhof aufgewachsen. Sie ist viel Platz gewöhnt – genau wie Corinna, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einem Haus nahe Nürnberg gelebt hat. Jetzt müssen sie sich mit 7 Quadratmetern begnügen – eine echte Herausforderung.

Schön sind die Würfel nicht, im Gegenteil.

Da haben sich Architekten und Werbedesigner sichtbar ausgelebt. Der Telekommunikationsanbieter, der die Entwicklung der Miniwürfel finanziert hat, benutzt die Außenwände als Werbefläche. Blaue Hände mit gespreizten Fingern, geisterhafte Frauen und Männer mit verschwommenen Gesichtern, die verschiedene Bewegungen andeuten – dazu gibt es auf jedem Wohnwürfel einen anderen Spruch: »can invite«, »can greet«, »can dream«, »can jump« – Worthülsen ohne nachvollziehbaren Sinn. Eine befremdliche Szenerie, beinahe ein wenig albtraumhaft, vor allem, da die Würfel inzwischen in die Jahre gekommen sind und ein wenig schäbig wirken. Heute besucht Corinna Theresa zum ersten Mal, ein gemeinsames Frühstück ist geplant.

Mit einem Schüsselchen voller Sommerhimbeeren klopft sie bei Theresa an. Umarmung, Bussi, Bussi, drei Schritte weiter, und schon sitzen sie an dem Tisch. Sie ratschen über Vorlesungen, Examen, ihre Heimat – alles ganz normal. Wäre da nicht immer die erstaunliche Akrobatik, mit der sie aus der höhergelegten Küchenzeile Messer holen, Milch in die Mikrowelle stellen, Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen. Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, ist diese »Wohn-Choreografie« nur schwer zu beschreiben.

Cagepeople in München?

Einige Besucher haben die beiden Studentinnen schon mit »Cage-People«, also Käfigmenschen verglichen. Ein harter Vergleich: Hongkong, eine der reichsten Metropolen mit vielen Milliardären, hat die höchsten Immobilien- und Bodenpreise der Welt. Für ein 30-Quadratmeter-Appartement zahlt man einen Kaufpreis von etwa 900 000 Euro. Die Mieten sind auch dementsprechend hoch. Ein Desaster für mittellose Immigranten aus China, arme alte oder behinderte Menschen. Eine Notlösung für diese Bevölkerungsgruppen sind stapelbare Gitterboxen, die mindestens eine Grundfläche von 1,5 Quadratmeter und eine Höhe von einem Meter haben. Genau so viel braucht ein Mensch, damit er liegen oder sitzen kann. In einem 10-Quadratmeter-Zimmer können so beispielsweise dreimal drei Käfige aufeinandergestapelt werden. Journalisten, die diese Käfigmenschen besuchen konnten, berichten von einem beißenden Gestank. Eine einzige Toilette muss für alle reichen. Kein Wunder, dass sich dort auch Ungeziefer wie zum Beispiel Bettwanzen ausbreitet. Unter diesen entsetzlichen Umständen sollen etwa 100 000 Menschen, darunter auch 20 000 Kinder, in Hongkong leben – mit null Privatsphäre, null Komfort und null Platz. Menschenunwürdig.

Das Einzige, was die Käfigmenschen mit unseren Studentinnen verbindet, ist vielleicht der Wunsch, sich so wenig wie möglich in den kleinen Räumen aufzuhalten. Zur Mittagszeit – so haben die Reporter aus Hongkong berichtet – treffe man niemanden in den Käfigwohnungen an. Auch Corinna und Theresa versuchen, so wenig Zeit wie möglich in ihren Miniwürfeln zu verbringen. Zum Glück ist der studentische Alltag sowieso gefüllt mit Seminaren und Praktika, gelernt wird meist in Bibliotheken. Und am Wochenende wird heimgefahren – zur Familie, zu alten Freunden, zu mehr Raum. »Das Maximum, wo ich hier am Stück war, war eineinhalb Wochen«, erzählt Theresa, während sie die Frühstückssachen aufräumt. Corinna hat es nicht länger als eine Woche ausgehalten. Hier im Würfel haben sie nur ihre wichtigsten Sachen zum Lernen, Anziehen und Waschen dabei. Der Rest lagert bei ihrer Familie zu Hause.

»Mein erster Eindruck vom Würfel war steril, düster, nüchtern, grau«, erzählt Theresa beim Abspülen. »Also ich hab ihn mir noch kleiner vorgestellt«, berichtet Corinna von ihrer ersten Besichtigung. »Was? Das hab ich ja noch nie gehört.« Theresa ist etwas fassungslos. »Ich kenne niemanden, der auf so kleinem Raum wohnt wie wir«, erzählt sie weiter. »Eine Freundin hat erzählt, sie kennt jemanden in München, der in einer Besenkammer mit fünf Quadratmetern wohnt und dreihundert Euro zahlt.« Es geht also noch kleiner.

Manchmal sind Kommilitonen zu Besuch da, die die Würfel der Mädchen auch mit den Kapselhotels in Tokio vergleichen. Das sind billige Unterkünfte, wo man in einer Schlafkammer von zwei Meter Tiefe, einem Meter Breite und 1,20 Meter Höhe schlafen kann – etwas größer als ein Sarg. Die Kapseln werden zweireihig an der Wand entlanggeführt und sind mit Licht, Radio, Wecker und TV ausgestattet. Besucher berichten, dass sie erstaunlich komfortabel, aber extrem hellhörig seien. Sich waschen und duschen kann man in separaten Gemeinschaftsräumen.

Da finden Corinna und Theresa ihre Minidusche im Würfel schon besser. Gleich nach der Eingangstür befindet sich die Toilette und über ihr der Duschhahn. Wenn man duschen will, kann man eine kleine Trennwand zum Wohnraum hervorziehen. Der Nachteil: Wenn man fertig ist, ist der ganze Eingangsbereich nass. Besonders im Winter ist das natürlich sehr unangenehm.

Kaltes Aluminium im Winter

Ein gutes halbes Jahr später habe ich die beiden Studentinnen noch einmal besucht – an einem frostigen grauen Februartag. Auf dem Wohnwürfel 4 kleben innen etwas kümmerliche Sterne aus weißem Papier – Corinnas Versuch, ihr Zuhause etwas gemütlicher zu machen. Innen hat sie Lichterketten aufgehängt, um etwas Flair in den sterilen Würfel zu bringen. Es ist ihr erster Winter in dem »micro compact home«. Ihr Resümee: »Nachts lasse ich das Fenster beim Schlafen lieber zu, sonst kühlt der Würfel völlig aus. Ganz gut sind Vorhänge, die halten etwas Kälte ab. Die Heizung funktioniert, aber viele Sachen sind hier aus Aluminium und immer kalt, wenn man sie anfasst.«

Mittlerweile reden Corinna und Theresa schon über ihren Auszug. Theresa macht ihr Staatsexamen und muss im März aus dem Würfel raus. Corinna schreibt an ihrer Masterarbeit in Biochemie und darf noch bis Oktober bleiben. Sie sind immer noch froh, in dem Würfel wohnen zu können. Im vergangenen Herbst – so erzählt Corinna – habe man ja in München Notunterkünfte für Studenten eingerichtet. In einem alten Bunker in der Innenstadt habe man 34 Plätze geschaffen mit kostenloser Matratze und einer L-förmigen Trennwand. 5 Euro pro Nacht bezahlen die meist ausländischen Studenten für das spartanische Lager. Eine Übergangslösung für wenige Wochen, dann wurde das Lager wieder aufgelöst.

Da leben sie doch lieber in ihrem Würfeldorf. »Es ist schon ein kleines Haus«, meint Theresa mit einem dicken Schal um den Hals. »Wenn wir die Nase voll haben, machen wir einfach die Tür zu und Feierabend!« Wenn sie ausziehen werden, hoffen sie, ihr Hab und Gut mit einer einzigen Autofuhre transportieren zu können. Theresa wird für ihre Prüfung von Murnau aus pendeln, weil sie nur noch zweimal die Woche an die Universität muss. Und Corinna – die Nürnbergerin – will vielleicht in München bleiben und bewirbt sich gerade auf Promotions- und Traineestellen.

Eines aber wissen sie genau: Wenn sie mal richtig Geld verdienen und Familie haben, dann möchten sie in einem großen Haus mit einem großen Garten wohnen.


Verlosung

Wir verlosen 3 Exemplare von Julia Seidl „Kleines Zuhause ─ große Freiheit. Erfüllt leben auf weniger Raum — 10 Porträts minimalistischer Lebensmodelle“ 192 Seiten, im Wert von je 20 Euro. Hinterlasse uns einfach dafür hier auf dem Blog einen kleinen Kommentar. Ausgelost wird am 17. Juni.

Text: Julia Seidl, Fotos: Stefan Rosenboom

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7 Comments
  • Simon Schmid
    Posted at 14:06h, 11 Juni

    Spannender Artikel. Ein Exemplar des Buchs wäre eine feine Sache!

  • Lena Engel
    Posted at 14:33h, 11 Juni

    Spannend! Habe selbst mal eine fotografische Dokumentation über dieses Thema gemacht (http://www.lena-engel.de/portfolio/richtungswechsel/richtungswechsel.html) und würde das Buch sehr gern gewinnen!:-)

  • Karin Walter
    Posted at 20:59h, 11 Juni

    Das Buch enthält sicher viele gute Anregungen für ein minimalistischeres Wohnen. Ich würde mich daher sehr über ein Exemplar freuen – danke für den interessanten Bericht!

  • Vinzenz Johow
    Posted at 07:39h, 12 Juni

    Spannender Post vielen Dank! ️

  • Tina Bühner
    Posted at 16:42h, 13 Juni

    Sehr inspirierend – ich hadere schon lange mit meinem sehr kleinen Zuhause. Vielleicht muss ich einfach noch mehr die Perspektive wechseln. Ein Buch wäre fein.

  • Annette Rinn
    Posted at 19:48h, 13 Juni

    7qm, Blick ins Grüne und richtig viel Freiheit ? Es
    ware schön mehr über den „Lernort“ zu erfahren
    Annette

  • Carola Gruber
    Posted at 00:18h, 15 Juni

    Danke für den Artikel! Ich interessiere mich für Minimalismus schon seit längerem und miste derzeit mal wieder Dinge aus … Das Buch wäre sicher eine inspirierende Lektüre!

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