Kultur, Live

Konfrontationstanz – TANZWERKSTATT EUROPA Opening

Lara Schubert

Lara, liebt Theater, Tanz, Essen und diese Stadt. Ein Münchner Lockenkopf, der seine Nase in alle (Kultur-) Angelegenheiten steckt und sie hier gerne mit euch teilt.
Lara Schubert

Am Eröffnungsabend der TANZWERKSTATT EUROPA wird ein Oldie ausgepackt und das Publikum vom Hocker gerissen. Schnell, intensiv und spannend wird es mit Ultima Vez/Wim Vandekeybus.

What the Body does not remember  (c) Danny Willems

What the Body Does Not Remember
(c) Danny Willems

Es ist unglaublich schwül. Wie ein Schwarm surrender Bienen warten die Besucher ungeduldig vor der Muffathalle auf den Auftakt der TANZWERKSTATT EUROPA.

Und die Erwartungen sind groß. Denn die Tanzwerkstatt startet dieses Jahr mit einem Stück Tanzgeschichte.
What the Body Does Not Remember, von Choreograph und Filmemacher Wim Vandekeybus und der Kompanie Ultima Vez, war schon 1987 ein riesen Erfolg. Das Publikum schlug damals, zusammen mit der Fachwelt, Begeisterungspurzelbäume.
„An extraordinary innovative dance piece.“, urteilte die New York Times. Und nun, über 25 Jahre später, alles nochmal.

Das Licht geht aus und die Spots gehen an.

Sie zeichnen Linien auf den Boden, eine Art Spielfeld für die Tänzer, die bestimmt das Feld betreten, jedoch unentschlossen, ihren Platz darin suchen. Außerhalb des Linienfelds; Tisch und Stuhl. Hier sitzt der Dirigent, der auf den Tisch klopft, die Hände mal schnell, mal langsam über die Tischplatte zieht. Die Tänzer sind seine Marionetten. Sie springen, rollen und winden sich regelrecht nach den Anweisungen der Takt angebenden Hände. Der Zuschauer ist hellwach. Der Saal bewundert die Disziplin der Körper, die Schnelligkeit und die Intensität des Spiels.

Was folgt, ist eine Bilderfolge des performativen Tanzes. Mit kalksteinartigen Blöcken werden Wege gelegt, darauf balanciert und sie werden geworfen – in einer genau getimten Kreisbewegung der Tänzer. Es wird Zwischenmenschliches gezeigt; Blöcke geworfen und Betroffene aus der Schusslinie gezogen. Rettung in letzter Sekunde.

Die Bewegungen sind schnell, aber vertraut.

Der Moment der Bedrängung: Mann gegenüber Frau. Dazu zwei verschiedene Tanzpaare. In der einen dynamischen Konstellation wheren sie sich, in der anderen fliehen sie voreinander. Faszination und Anziehung trifft auf Abscheu und Ekel. Ultima Vez ist nah am Menschen und zeigt diesen in der Vielfalt von Interaktionen. So muss das Publikum herzlich lachen, als ein Tänzer verzweifelt versucht, seinen Pullover auszuziehen, während er eine schlafende Frau auf dem Schoß hat. Die Komik liegt hier im Wiedererkennungswert, denn das hat man alles schon gesehen und vielleicht schon am eigenen Leib erfahren. Vielleicht erinnert sich der Körper doch daran?

What the Body does not remember mag älter sein, als manch ein Zuschauer an diesem Abend und hat trotzdem nichts von seiner Kraft verloren. Das Publikum ist gefesselt von Schnelligkeit, Intensität und der Unmittelbarkeit von Bewegungen. „Suddenly they appear, with no introduction,“ wie es Wim Vandekeybus zu formulieren weiß. Und ehe man sich versieht, ist es vorbei. Ratloses Zögern im Saal. Ist es wirklich schon vorbei oder kommt da noch was? Zaghaftes Klatschen, das zu tosendem Opening-Applaus anschwillt. Zurecht!

Tanzwerkstatt Europa, 30.7-09.8, München (Muffathalle, Kunstbau, Schwere Reiter)

1Comment
  • Harald Kirschner
    Posted at 14:43h, 31 Juli

    Wenn man diesen Beitrag liest, wünscht man sich, dabei gewesen zu sein!

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