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Kunst und Gedenken. Skurriler Aschermittwoch

Tobias Mayr

war sich eigentlich mal sicher, dass er München öde findet. Hat dann aber Bier, Brezn und das blau der alten U-Bahnen zu sehr vermisst und seine Meinung wieder geändert.
Tobias Mayr

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Ein Trauerzug durch die Innenstadt – mit Blaskapelle, Dreispitz und Kniebundhose. Wo sind wir?

Eigentlich zu seriös für Fasching

Als erstes denkt man noch an ein paar schräge Vögel, die den Wechsel von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch verpasst haben. Dann kommt der Zug näher, vorneweg die Posaunen, dann Trompeten, Hörner, Tuba, Schlagwerk und ein Dutzend junger Männer in historischer Kleidung. Alles in glänzendem pechschwarz. Ernste Gesichter – kein Alkohol? Eigentlich zu seriös für Fasching. Eskortiert wird das ganze von drei Polizeiwägen. Viel zu seriös für Fasching.

Die Truppe spielt Chopin, später „Oh Haupt voll Blut und Wunden“. Dazwischen kehren sie immer wieder zurück zu Chopin. Die zwölf verkleideten Männer stapfen feierlich und ernst dahin. Viele Menschen steigen von den Rädern ab, einige zücken ihre Handykameras. Von der Akademie, auf die Ludwigsstraße, links an der Feldherrenhalle vorbei, über den Marienplatz bis ans andere Ende der Innenstadt zur Hans-Sachs-Straße. Dort wird das Rätsel aufgelöst.

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Es geht um eine performative Reinszenierung einer Tragödie. Eine Tragödie, die sich am 18. Februar 1881 ereignete und derer am 18. Februar 2015 gedacht wird. Damals, vor 134 Jahren, fand ein Faschingsfest im „Kil’s Kolosseum“, dem größten Vergnüngungspalast der Stadt, statt. Die Halle war exotisch, bunt dekoriert, die teilnehmenden Besucher ebenso. Eine Gruppe aus Bildhauerstudenten verkleidete sich als Eskimos und errichtete ein großes Iglu aus Pappe. Über offenem Feuer grillten sie Heringstücke, um diese als kleinen Snack an die Besucher zu verteilen. Feuerpolizeilich heute ein Skandal, damals aber okay. Gegen Mitternacht kam es wie es kommen musste, ein Ärmel weilte zu lange über dem Talglicht. Im Nu standen die aus Rupfen, Pech, Harz und Werg gefertigte „Eisbärfelle“ in Flammen. Die zwölf Studenten bewegten sich wie lebende Feuersäulen.

Ganz Europa berichtete

Die Feuerwehrmänner hatten den Brand bald unter Kontrolle gebracht. Nur wenige Narren hatten es überhaupt mitbekommen, die Kapellen spielten weiter, einige hielten es sogar für einen Bestandteil der Show. Die herbeigerufenen Ärzte und Schwestern konnten zwölf der Studenten nicht mehr retten.

Der Begräbniszug zum Friedhof soll riesig gewesen sein. Sogar Prinzregent Luitpold soll ihn beehrt haben. Ganz Europa berichtete über die Katastrophe, was heutzutage kaum noch jemand weiß.

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Der Münchner Künstler Stefan Lenhart rechnete aus, dass der 18. Februar dieses Jahr auf den Aschermittwoch fällt und begann die Idee einer Reinszenierung zu verfolgen. „Historische Trauerbräuche faszinieren mich schon lange“, sagt Stefan Lenhart, „aber ich möchte auch einfach, dass die Katastrophe wieder bekannter wird. Es soll gebührend geehrt werden“. Ihm zu Gute kam das Projekt des Kulturreferates „München 2015 – eine Standortbestimmung“, das Kunstinterventionen im öffentlichen Raum ermöglichen möchte.

Das hat Stefan Lenhart geschafft. Er engagierte Musiker des Golden Brass Ensembles und Studenten als Schauspieler für die Verunglückten. Für die historische Korrektheit der Kostüme holte er sich Informationen aus dem Wiener Bestattungsmuseum. Maßgefertigt wurden sie vom „Atelier la Silhouette“, das Frauen aus sozial schwierigen Verhältnissen eine Ausbildungsmöglichkeit ermöglicht.

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Aufmerksamkeit wurde der Aktion definitiv gezollt, besonders da Dieter Reiter gerade, wie es der Aschermittwochsbrauch fordert, seinen Geldbeutel am Fischbrunnen wusch, als der Zug vorbei marschierte. Entsprechend viele Menschen tummelten sich um den Marienplatz. Und es überkommt einen tatsächlich ein feierlich, sinnliches Gefühl, wenn eine schwarze Blaskapelle mit Chopin den hektischen Alltag durchbricht. Kunst im öffentlichen Raum #1 hat funktioniert.

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