Leben, Stadt

Die Isar – unser Stolz

Tobias Mayr

war sich eigentlich mal sicher, dass er München öde findet. Hat dann aber Bier, Brezn und das blau der alten U-Bahnen zu sehr vermisst und seine Meinung wieder geändert.
Tobias Mayr

(cc: Jaan-Cornelius K. via flickr.com)
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Die Isar ist unsere Identität und unsere Heimat. Ohne die Isar hätte der gute alte Heinrich der Löwe schon von vornherein gar keine Stadt gegründet. Aber gerade zwischen Corneliusbrücke und Praterinsel bluppert der Fluß nur gleichgültig vor sich hin. Um das zu ändern diskutierte der Isarlust e.V. mit den richtigen Leuten im Gasteig. Mucbook war bei „Kultur im Fluss„.

Der kleine Konzertsaal ist gut gefüllt. Auf dem Podium sitzen wichtige Aktivisten und Leitorgane der großen kulturellen Einrichtungen an der Isar. Das Ziel ist, den innerstädtischen Isarraum wieder zu beleben. Denn dieser „ist derzeit so gut wie tot“, wie Moderator Michael Ruhland vom Isarlust e.V. feststellt. Es geht nicht um die erfolgreichen Renaturierungsgebiete im Süden, sondern um einige Kilometer zwischen Corneliusbrücke und Praterinsel. Diese Flächen sind zugewachsen, schlecht erreichbar, von Verkehrsströmen abgeschnitten und in weiten Teilen einfach brach liegend. Dabei könnten sie wertvolle Erholungsareale für die gestressten Münchner sein!

Deshalb setzt sich der Verein Isarlust e.V. seit Jahren dafür ein, dass die Isarufer zu einem wertvollen kulturellen und gleichzeitig ökologisch geschützten Gebiet entwickelt werden. „Wer derzeit nachts zwischen Bosch- und Ludwigsbrücke unterwegs ist, wird merken, dass dort sprichwörtlich „tote Hose“ herrscht. Das soll sich ändern.

„Dachgärten sind die Zukunft“

„Was kaum einer weiß, der Gasteig beherbergt einen riesigen Park auf dem Dach“, schneidet Gasteig-Geschäftsführerin Brigitte von Welser das Thema an. Und das stimmt, von diesem Park weiß tatsächlich kaum einer. Dabei gibt es dort oben schön angelegte Beete und Wege, von denen man einen traumhaften Panoramablick von der Allianz Arena bis zur Zugspitze hat. Dem schließt sich auch die Präsidentin des Deutschen Patent- und Markenamtes an, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet und mit einem riesigen rundum Panoramabalkon bevorteilt ist. Auch von dort oben hat man einen wunderbaren Ausblick über die Ufer der Isar bis ins Alpenland. Nur genutzt wird das Dach eben nicht.

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Dachgarten auf dem Gasteig: Bisher bevölkert von „glücklichen Bienen“

Das ist Brigitte von Welser ein Dorn im Auge. Ihr Gasteigdach soll nicht nur für die Bienen ein Stück Heimat sein, sondern auch für die Münchner. Deshalb führte sie zusammen mit Frau Professorin Auböck von der Akademie der Bildenden Künste ein studentisches Projekt durch, das Konzepte zur kulturellen Erschließung der Dachfläche entwickeln soll. Vieles ist dabei bewusst utopisch konzipiert worden, einige Vorschläge hält Auböck aber für überaus umsetzungswert. Eine Bibliothek im Freien gehört zu diesen Vorschlägen. Lernen mit Blick auf die Isarauen oder das Karwendelmassiv lässt Bibliothek-Lerner-Herzen auf einen Schlag dahin schmelzen. Der Student Aaron Jungblut schlägt sogar vor das Dach für ein Freilufttheater zu nutzen.

Von Welser setzt sogar noch einen drauf: Ihr schwebt eine Brücke von der Philharmonie bis in die Isarauen vor, die eine direkte Verbindung vom Gasteig in die Natur ermöglichen soll.

Dass vieles utopisch ist weiß Stadtbaurätin Professorin Elisabeth Merk nur zu gut. Vor allem Großveranstaltungen und Gastronomie auf dem Dach sind sicherheitstechnisch sehr schwierig umzusetzen, was aber nicht heißt, dass man dort nicht hochgehen darf und soll! „Dachgärten sind im Zuge des Wachstums von Metropolen die Zukunft“, nicht nur an den Isarufern.

Was kann München von Wien lernen?

Dass Frau Professorin Auböck ursprünglich aus Wien kommt und dort auch ihr Landschaftsarchitekturbüro führt, kommt der Diskussion sehr zu gute. Denn Wien stand vor 10 bis 15 Jahren vor der selben Aufgabe, die innerstädtischen Flussufer kulturell und ökologisch zu erschließen. Der Donaukanal in Wien hat sich heute zur gastronomischen Unterhaltungsmeile entwickelt. Flussbalkone mit Bars und Restaurants säumen die Ufer in den inneren Bezirken. Weiter draußen ist das ganze lockerer gehalten. Temporäre Summerstages, viel größer als der Kulturstrand in München, bringen die Menschen am Donauufer zusammen. Auböck ist der Schutz der Natur selbstverständlich wichtig, trotzdem gilt für sie: „Nicht nur die Natur soll sich am Fluss entfalten können, auch der Mensch“.

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Flussbalkon über dem Donaukanal in Wien

Das Konzept kann selbstverständlich nicht eins zu eins auf München übertragen werden. Jede Flussstadt hat ein ganz individuelles Bezugsgefühl zu ihrem Gewässer. Man möchte zwar durchaus die Ufer „beleben“, diese aber gleichzeitig auch lebenswert erhalten. Eine riesige Event- und Partymeile würde München nicht stehen.

Ein mögliches Programm sieht zum Beispiel vor, das Ostufer der Isar natürlich zu belassen, am Westufer dagegen Gastronomieterassen und Aufenthaltsplätze einzurichten. „Derzeit fehlt es in diesen Bereichen ganz klar an Serviceeinrichtungen“ kritisiert Stadtbaurätin Merk. „Es fehlen Sitzgelegenheiten, Kioske und Toiletten“. Auch gute Wege am Wasser gibt es kaum, was um 1900 noch anders war. Damals gab es einen Boulevard von Norden nach Süden, über die Isarinseln. Heute ist dieser mehrfach versperrt und städtebaulich in schlechtem Zustand. Zusammen mit den großen Institutionen, wie dem Deutschen Museum, dem Patentamt, dem Gasteig, den Kirchen oder der Muffathalle hat man hier aber die Chance eine kulturell und gastronomisch einzigartige Szene zu entwerfen.

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Ehemaliger Uferboulevard über die heutige Museumsinsel (um 1900)

Professor Dr. Heckl, Direktor des Deutschen Museums, hat auch einen ganz persönlichen Wunsch. Er kann sich einen Floßverkehr im Bereich der innerstädtischen Isar und den Inseln vorstellen. Das würde auch zu München passen, immerhin geht die Stadt aus der Floßschifffahrt hervor. Aber Professor Heckl weiß auch, dass viele Projekte erst nach Abschluss der Generalsanierung des Deutschen Museums, also ungefähr ab 2026, Gestalt annehmen können.

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Asphalt und Autos am Isarufer. Im Hintergrund die Kongresshalle des Deutschen Museums

Ein temporärer Isarboulevard

Schuld daran, dass die Isarufer so schlecht zugänglich sind, ist die katastrophale Verkehrssituation. Die 3,8 km lange isarparallele Autostraße von der Wittelsbacherbrücke bis zur Luitpoldbrücke ist dem Isarlust e.V. der größte Dorn im Auge. Deshalb fordert der Verein, die Straße in den Monaten Mai bis Oktober jeweils an einem Wochenende komplett für Autos zu sperren und zu einer einzigartigen Isarboulevard-Fußgängerzone umzufunktionieren. Die Vorplätze von Gasteig, Müllerschem Volksbad, dem Deutschen Museum, dem Patentamt und den Kirchen würden dadurch massiv aufgewertet werden und sich wieder zu lebens- und liebenswerten Plätzen für München entwickeln. Derzeit scheitert das Projekt noch an der Finanzierung, denn die Autosperre und Reinigung des Boulevards wird um die 100 000 Euro pro Wochenende kosten. Damit der Boulevard schon diesen Sommer umgesetzt werden kann, braucht es also noch private Sponsoren.

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Natürlich muss die Debatte nah am Bürger geführt werden, mahnt Professorin Auböck. In Wien ist das gelungen. Die Erschließung des Donaukanals passierte im 1. Bezirk anders als im 2. Bezirk, ganz nach den Interessen der Anrainer. Auch in München kann die Belebung der innerstädtischen Isarufer nur so gelingen. Man soll allen Münchnern ein Erholungsgebiet geben, darf aber den Anwohnern ihr Erholungsgebiet nicht zerstören.

Kultur im Fluss
Deutsches Museum, Gasteig und deutsches Patent- und Markenamt. Die drei „Platzhirsche“ an der Isar.

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Der Kulturstrand der Urbanauten

 

 

2 Comments
  • Wolfgang Czisch
    Posted at 19:23h, 27 Februar

    wunderbarer Artikel, er gibt den Abend wieder und macht Lust auf den Fluss.

  • Herbert Gerhard Schön
    Posted at 16:42h, 01 März

    Nach nochmaligem Lesen des Artikels bin ich jetzt dahinter gekommen, was mich beim ersten Lesen (noch unbewusst) gestört hat: Es war der „gute alte Heinrich der Löwe“, der zur Gründungszeit Münchens Anfang 30 gewesen sein müsste und was an einem Haudrauf, Kriegerfürsten und Kreuzzügler „gut“ gewesen sein soll, könnte vielleicht ein interessantes Thema für ein historisches Seminar sein.

    An diesem Abend im Gasteig habe ich mich dann über die Präsentation der Wortwolken zu MÜNCHEN gefreut, denn mit den zentralen Marken-Begriffen OKTOBERFEST und FC BAYERN sind (neben der BIERKULTUR) die touristischen Interessen unserer Gäste aus aller Welt erfreulicherweise auf einzelne städtische Orte konzentriert, zu denen ich eigentlich so gut wie nie hingehe. Mir persönlich reichen da übrigens schon die regelmäßigen Sitzplatz-Freikämpf-Kontakte in der S8, wenn ich mit Händen und Füssen erkläre, dass Rollkoffer auch sehr gut anderswo herumstehen können als nur in den Sitzplatz-Nischen.

    Damit jedoch das Leben in München auch ansonsten nicht gar so langweilig wird, stelle ich hier als ein Ergebnis meiner heutigen Sucherei im Internet diesen hübschen Ziel-Gedanken vor:
    Neben der Brudermühlbrücke und ebenso auch neben der Kennedybrücke wäre so etwas http://landarchs.com/street-bridge-park-everyones-talking/ (gerne auch weniger gekünstelt aufgeladen) eine sehr schöne Möglichkeit, die Isar neben den stark befahrenen Brücken des Mittleren Rings als FußgängerIn und RadfahrerIn zu überqueren.

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