Aktuell, Kultur

Lilienthal hält das Theaterschiff weiter auf Kurs

Natalie Adel

Die Münchner Kammersiele haben zur Pressekonferenz für die neue Spielzeit 2016/17 eingeladen. Es ist die zweite unter der Intendanz von Matthias Lilienthal und sie verspricht, genauso groß zu werden, wie die erste. Thematisch knüpft Lilienthal an die aktuelle Spielzeit an. Die Themen Flucht und Migration bestimmen weiterhin das Programm. Der Chefdramaturg Benjamin von Blomberg spricht davon, dass das Team der Kammerspiele eine Vision verfolgt. Zu dieser gehört es, dass sich das Theater weiterhin international aufstellt. So arbeitet Lilienthal weiter an einem kulturellen Austausch und hat für die neue Spielzeit viele internationaler Künstlerinnen und Künstler eingeladen.

V.l.n.r.: Matthias Lilienthal, Julien Gosselin, Katinka Deecke, Amir Reza Koohestani | ©-Judith Buss

V.l.n.r.: Matthias Lilienthal, Julien Gosselin, Katinka Deecke, Amir Reza Koohestani | ©-Judith Buss

 

Mucbook war für euch bei der Pressekonferenz dabei und präsentiert euch hier unsere persönlichen Highlights – Vorfreude ist ja die schönste Freude. Und eines sei vorab gesagt: Es wird spannend. Reibungspotenzial inklusive. Doch wo Reibung ist, da ist auch Wärme.

Wie viel wiegt ein Mord, je nachdem, von wem und vor allem, wann er begangen wird?

Camus mal anders

 

Extra aus Teheran für diesen Tag eingeflogen ist der iranische Regisseur und Autor Amir Reza Koohestani. Er wird in der Kammer 1 die neue Spielzeit mit Kamel Daouds Erzählung „Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung“ eröffnen. Daouds verhandelt darin den weltbekannten Stoff von Albert Camus Roman „Der Fremde“ neu. Darin tötet der  Franzose Meursault am Strand von Algier einen Araber ohne Grund. In Daouds Roman kommt nun der Bruder des getöteten Mannes zu Sprache und erzählt seine Geschichte und dem Unrecht, dass ihm und seiner Familie durch den Mord widerfahren ist.

Amir Reza Koohestani wurde in die Kammerspiele eigeladen, um sich mit der politischen Dimension dieses Werkes auseinanderzusetzen. Wir können sehr gespannt sein, gehört Koohestani doch zu einem der bekanntesten iranischen Theatermachern.

 

Ruiniert Tinder uns die Liebe?

In unserem Alltag sind Apps wie Tinder und Grindr längst fester Bestandteil und kaum noch wegzudenken. Durch ein Wischen auf dem Handydisplay entscheiden wir innerhalb weniger Sekunden darüber, ob wir an einem Menschen interessiert sind, oder nicht. Moderne Technologien scheinen es uns ganz einfach zu machen, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, wann und wo es uns passt.

Yael Ronen inszeniert zum ersten Mal an den Münchner Kammerspielen und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Dating Apps und was sie mit uns machen. Wie verändern sich unsere Beziehungen durch die zunehmende Digitalisierung und Technologisierung. Was heißt es, heute zu leben und zu lieben? Oder bieten uns Tinder & Co nicht ganz einfach eine neue Art von Freiheit, die wir zu sehr schätzen, als dass wir sie je aufgeben würden? „Point of no Return“ lautet der Arbeitstitel des Stückes, das man als Weiterführung ihrer Produktion „Erotic Crisis“ betrachten kann.

 

Houllebecq auf der Bühne

Every connection can change your life!

Frankreich wählt einen muslimischen Präsidenten, was das Ende von bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Land beendet. An diesem Ausgangspunkt setzt Michel Houellebecq mit seinem Roman „Unterwerfung“ an. Darin zeichnet der das Bild einer islamischen Alternative, an deren Vorzüge sich der Protagonist mehr und mehr zu erfreuen beginnt. Immerhin sind nun eindeutige Geschlechterrollen wieder klar verteilt. Öffentliche Ämter müssen nicht länger mit Frauen geteilt werden und der Sex kommt dank Polygamie auch nicht zu kurz.

15 Jahr zuvor hat Houllebecq „Plattform“ geschrieben. Darin werfen Terroristen Bomben und weisen den Westen in seine Schranken, der sich nicht so recht zu helfen weiß.

Diese beiden Werke bringt nun Julien Gosselin auf die Bühne der Kammerspiele. 2009 hat er die Gruppe „Si vous pouviez lécher mon coeur“ (Wenn Sie mein Herz lecken könnten (SVPLMC) gegründet und ist mit seinen Stücken erfolgreich durch Europa getourt.

Er gilt als einer der besten Houellebecq-Versteher und nimmt „Unterwerfung“ und „Plattform“ als Grundlage für seine erste Inszenierung an einem deutschen Theater. Gosselin wird vielleicht dem einen oder anderen noch vom Radikal Jung Theaterfestival 2013 bekannt sein. Hier war er ebenfalls mit einer Houellebecq-Inszenierung von „Elementarteilchen“ zu sehen, für die er international erheblichen Zuspruch bekam.

Kennedy´s back!

 

Das, worauf wir diese Spielzeit verzichten mussten, bekommen wir in der nächsten wieder zurück: Susanne Kennedy inszeniert wieder an den Münchner Kammerspielen.
Als Jeffrey Eugenides Roman „The Virgin Suizides“ 1993 erschien, machte ihn das über Nacht berühmt. Nach der grandiosen Verfilmung von Sofia Coppola haben nun endlich beide einer Bühnenadaption des Stoffes zugestimmt. Und so wird niemand geringeres als Susanne Kennedy sich der Thematik von gescheiterten Kinderträumen und Jugendwünschen widmen. Fünf Schwestern werden von ihren Eltern gefangen gehalten und haben keinerlei Chance, sich zu befreien. Eine Gruppe von Jungs aus dem Dorf sehen die Schwestern immer mehr als Attraktion, die schließlich alles vereinnahmt. Der einzige Kontakt mit der Außenwelt besteht über ein Fenster im Kinderzimmer. Das reicht jedoch nicht aus, um die Mädchen am Leben zu halten.

Die Voice Over-Technik, welche Kennedy bereits in „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Warum läuft Herr R. Amok?“ perfektioniert hat, führt sie in „Die Selbstmord-Schwestern“ fort und entwickelt sie weiter. Aus der Perspektive und Erinnerung der gealterten Männer wird die Geschichte erzählt und der Blick, dem die Schwestern ausgesetzt waren, untersucht.

Und sonst?

 

Wer es bisher noch nicht geschafft hat, sich alles aus dem Repertoire der Kammerspiele anzusehen und nicht in leichte Panik verfällt, der sei unbesorgt: Viele der aktuellen Inszenierungen könnt ihr auch nächste Spielzeit noch anschauen. So werden beispielsweise Nichts von Euch auf Erden, Der Kaufmann von Venedig, Ode to Joy oder auch 50 Grades of Shame weiterhin gezeigt.

Die Angebote für das Publikum, dem Theater näher zu kommen, werden fortgeführt, beispielsweise der Breakfast Club oder die Tischszenen. Auch das Welcome Café, das jeden Montag in der Kammer 2 stattfindet, wird es weiterhin geben. „Für mich ist das Café eines der bewegendsten Veranstaltungen diese Spielzeit gewesen“, sagt Lilienthal. Die geflohenen Menschen sollen weiter in das Theater mit einbezogen werden und hier eine Anlaufstelle haben.

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