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Malz, Entenkacke und gebrannte Mandeln:  So riecht München

Sarah Kampitsch

Sarah Kampitsch

Alles was ich kann, ist ich selbst zu sein - wer auch immer das ist.
Kreativer Vogel mit Hang zum Melancholischen, starkem Drang zum Ändern funktionierender Metaphern (und der schlechten Welt da draußen) und zum Einbauen gestohlener Zitate.
Sarah Kampitsch

Nostalgie ist ein Schlagwort in meinem Leben, dem ich viel Bedeutung zuschreibe. Das ist schwierig, weil man sich schnell dabei erwischt, in der Vergangenheit zu schwelgen und melancholisch zu werden. Das ist auch irgendwie traurig, weil man eigentlich noch keine Oma ist. 

Ich schwelge aber dennoch gerne und ergötze mich an allerlei Erinnerungen schöner Zeiten, und das ist schließlich was Positives, das wir alle gerne tun.

Erinnerungen erwecken

Tatsache ist, dass wir mit fast jeder Erinnerung irgendeinen Geruch verbinden, oder mit vielen bekannten Gerüchen die ein oder andere Erinnerung erwecken. Oft drehen wir uns plötzlich um, wenn uns das Parfum eines Verflossenen in die Nase steigt. Manchmal überkommt uns die Sehnsucht nach Mamas Apfelkuchen, wenn wir früh morgens an der Tür einer Bäckerei vorbeilaufen. Dann spüren wir den Hunger in uns aufkommen, wenn der Nachbar Fleisch auf den Griller wirft. Anderes wollen wir lieber gar nicht mehr riechen müssen.

Viele Gerüche verbinden wir mit Orten; mit daheim, mit dem Elternhaus, dem Ort am Meer, an dem wir früher immer den Familienurlaub verbracht haben. Überall entdecken wir besondere Gerüche, die uns wie Bilder im Kopf haften bleiben und gedanklich dorthin zurücktragen, sobald wir Ähnliches erschnuppern.

Wonach riecht München eigentlich?

Was sind die typischen Münchner Gerüche, die uns täglich begegnen und im Ausland verfolgen? Riecht München nach Wien oder nach New York oder doch ganz anders? Ich habe da mal nachgeforscht. 

Duft von Muenchen

Auf zum Viktualienmarkt

Der Viktualienmarkt ist Schmelztegel der Geschmäcker. Hier trifft alles zusammen, das München ist und gerne wäre. Die perfekte Anlaufstelle also, um sich auf die Suche nach Gerüchen zu begeben.

Babette von “Mitbringsel vom Markt” am Viktualienmarkt hat die besondere Ehre, mein erstes Versuchskaninchen zu sein. Weil ich nicht einfach so irgendwo reinlaufe und fremde Leute anspreche, kaufe ich erst eine Tüte Nudeln in Breznform und Postkarten mit der Aufschrift “ois isi” und “öha”, Interesse am Bayrischen Kulturgut hegend, sozusagen. Touri spielen.

Am Ladentisch lege ich los: Ob sie Münchnerin sei? Nein, eigentlich nicht, Zuagroaste. Aber seit vielen Jahren arbeite sie am Viktualienmarkt, kenne die Stadt also ganz gut. Das reicht mir.

Auf die Frage, wie München denn für sie rieche, lacht sie. “Da fragen Sie jetzt aber die Falsche – Ich rieche leider überhaupt nichts”. Oh. Mit diesem Fehltreffer hatte ich nicht gerechnet. Aber sie erinnere sich noch, wie München für sie immer gerochen hatte, schließt sie freundlicherweise an. Und legt los:

“Die U-Bahnen haben einen ganz typischen Geruch; das ist in jeder Stadt ganz anders, in München auch. Das kann man nicht wirklich beschreiben. Die Isar riecht toll, als wäre man im Gebirge. Weil sie aus den Bergen kommt, die trägt alles mit. Die Brauereien! Wenn Malz geröstet wird. Generell ist der Malzgeruch sehr typisch für hier und gehört einfach dazu. Der Englische Garten riecht nach Entenkacke, und nach Grünem, nach Gras. München riecht auch nach der Wiesn: Eine Mischung aus Gebrannten Mandeln, Bier, Schweiß, Steckerlfisch und Erbrochenem. Ob das gut ist, weiß ich nicht, aber so riecht München.”

Babette hat eine gute Nase

Ich höre angeregt zu. Bedanke mich und frage weiter, diesmal andere. StudentInnen und Menschen, denen ich beim Vorbeigehen so auf der Straße begegne. Vielen begegne ich dann doch nicht auf der Straße, sondern texte ich später über Whatsapp. Das ist praktischer und man kann es vermeiden, zu viele Fremde mit komischen Fragen zu nerven.

Es stellt sich heraus: Babette hat eine gute Nase, beziehungsweise eine gute Erinnerung an ihre Nase: Ihre Antworten kommen immer wieder. Ich fasse zusammen, was ich schon von der freundlichen Ständlerin vom Viktualienmarkt weiß, und ich mir vor ihrer Ladentür bestätigen ließ. 

Danach riecht also München:

1. Nach frisch gemähtem Gras und Bergluft

375 Hektar Grünfläche mitten in der Stadt hinterlassen ihre Spuren, beziehungsweise ihre Duftnoten. München riecht nach dem Englischen Garten, und dieser nach dem, was er ist: grün. Nach frischer Luft, nach Gebirgswetter, nach frisch gemähtem Gras, nach blühenden Bäumen,  nach Bienen und Blumen, teilweise nach Wald und besonders rund um den Kleinhesseloher See nach Entenkacke, und zwar rund ums Jahr.

2. Nach Malz, Bier und Brauereien

Was wäre München ohne Bier? Unser flüssiges Brot ist auf der ganzen Welt begehrt; da müssen ordentliche Mengen gebraut werden. Kein Wunder, dass einem beinahe in jedem Stadtviertel der Geruch von geröstetem Malz in die Nase steigt. Für manche der schönste Geruch der Welt, für andere eine Tortur.

Wer an einem der vielen Biergärten oder Wirtshäusern vorbeikommt, dem duftet es auch schon aus den Türen entgegen. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln riecht man Bier, stellen sich Konsumenten neben einen.

3. Nach Lebkuchen und gebrannten Mandeln

Oktoberfest, das ist keine zweiwöchige Veranstaltung, das ist ein Lebensgefühl. Das Oktoberfest gehört zu München wie der Senf zur Weißwurst. Seine Düfte begleiten uns rund ums Jahr. Wir begegnen ihnen auf den Weihnachtsmärkten, dem Tollwood, auf Bauernmärkten und in der Kaufingerstraße: Gebrannte Mandeln. Zuckerbomben locken willensstarke Kinder wie willenlose Erwachsene an und verführen sie zum Kauf. Ein bisschen Zimt und Anis lassen das Lebkuchenherz erschnuppern. Nicht nur zu Weihnachten ein Nasenschmaus.

4. Nach Brezn

Fährt man morgens noch halb verschlafen zur Arbeit, wird man freundlich lieblich geweckt vom Duft der frisch (auf)gebackenen Brezn der UBahn-Bäckereien. So lässt es sich aufwachen! Auch tagsüber vernimmt man überall in der Stadt an dieser und jener Ecke den Geruch des reschen Laugengebäcks. Herrlich!

5. Nach blühenden Akazien und Kastanien

Vor allem in den schönen, sonnigen warmen Monaten treibt man sich gerne am Viktualienmarkt herum: Es duftet wunderbar; nach Wald und Herbst. Der Geruch des verfaulenden Laubes, gemischt mit dem Aroma gerösteter Maroni. Im Frühling sind es die blühenden Akazienbäume, die dem Siedepunkt der Geschmäcker seinen besonderen, röstig-herbstlichen Geruch verleihen. Er ruft auf zum Verweilen, zum Schlendern und zum in den Tag hinein leben. Zum Träumen.


Fotos: Sarah Kampitsch und Jorge Lazaro / Unsplash

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