Kultur, Was machen wir heute?

Martin Mayer und Quirin Empl – Perspektivische Experimente

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Mit der Perspektive ist es so eine Sache. Der Begriff ist dehnbar und nur unzulänglich definiert. Er dient zur unterschiedlichen Einordnung von Weltansichten, wird oft und gerne bei komplexen Diskursen zitiert und letztendlich macht er auch vor der Geometrie nicht Halt. Das wusste schon Roger Penrose, ein englischer Mathematiker, der bereits 1958 die „Unendliche Treppe“ entdeckte. Nur zwei Jahre später bediente sich der niederländische Maler Maurits Cornelis Escher dieser Technik. Ausgehend vom sogenannten Penrose-Dreieck entwickelte er immer neue Ideen, Verzerrungen, Metamorphosen und Möbiusbänder, die er nicht nur als Gemälde, sondern vor allem in Zeichnungen, Holzschnitten, Holzstichen und Lithografien darstellte. Escher war auf die Möglichkeiten seiner Zeit limitiert. Digitale Medien waren noch nicht erfunden, geschweige denn für den kulturellen Einsatz gedacht.

Bei Martin Mayer und Quirin Empl verhält sich das anders. Das 21. Jahrhundert offeriert den beiden jungen Künstlern eine breite Palette an digitalen Spielzeugen. Mit Lautsprechern, Beamern und Laptop treten sie das Erbe Eschers an. Dabei bedienen sich die Beiden auch auditiven Medien, denn hier liegen zum Teil ihre Wurzeln. Martin Mayer ist auch in der deutschen Visual-Szene unter seinem Pseudonym „sinsynplus“ bekannt. Ausgestattet mit dem Diaprojektor vom Flohmarkt, machte Martin seine ersten Erfahrungen in der Welt der visuellen Kunst auf Elektropartys. Wer sich heute als Stammgast des HarryKlein Club betiteln darf, der hat mit Sicherheit schon seine kurzweiligen Kunstwerke an der Clubwand begutachten dürfen. Nach einem kurzen Informatikstudium-Intermezzo lernte er seinen Kunstpartner Quirin auf der Akademie der Bildenden Künste in München kennen. Quirin ist ausgebildeter Fotograf. Dieser Einfluss ist deutlich in seinen Arbeiten erkennbar. Wie ein roter Faden ziehen sich fotografische Elemente durch die Werke des Erdingers.

In ihren jüngsten Werken geht es allerdings um das Zusammenspiel von Tönen, Licht und Raum. Unter dem Label „mayer + empl“ konstruieren sie aufwendige, interaktive Rauminstallationen. Bei der Jahresausstellung 2010 der Akademie der Bildenden Künste erregten die Zwei Aufsehen mit ihrer Installation „kleines_k“. Eigens dafür wurden die architektonischen Besonderheiten und baulichen Elemente eines Raumes punktgenau vermessen. Konturen und Ebenen werden durch weiße Lichtlinien nachgezeichnet. Im schwarz abgedunkelten Raum entsteht eine comichafte Blaupause der Örtlichkeit, die den Cineasten unweigerlich an die von Computer generierte Welt von Tron erinnert. Minimalistisch, sauber abgegrenzt und klar definiert. Auf den ersten Blick sind kaum Parallelen zu Eschers Versuchen zur Krümmung des Raumes, zum Brechen physikalischer Gesetze zu erkennen. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt als plötzlich fragmenthafte Töne, die einem altertümlichen Faxgerät sehr ähneln, aus den Lautsprechern dröhnen. Die Linien beginnen sich zu verzerren, die Musik von Daniel Door gewinnt an Fahrt, weiße und rote Blitze zucken durch den Raum und beeinträchtigen die Stabilität der Lichtkonstruktion. Der Raum zittert, bewegt sich und kurzzeitig verliert der Raum seine Konturen. Er schrumpft in sich zusammen und die sekündlich wechselnden Blaupausen verschmelzen in bedrohliches Daumenkino, in dessen Drehbuch der Ton die Dramaturgie vorgibt. Bis die Geräusche abrupt enden. Die letzten Schwingungen der Lichtlinien erliegen ihrer Trägheit. Die physikalischen Gesetze stellen sich ein. Eine 360 Grad Ansicht des beleuchteten Raumes könnt ihr euch hier ansehen.

Mit dem Projekt „AG“ (2011) gehen die beiden Künstler einen Schritt weiter. Wiederum steht der Raum im Vordergrund. Mit einem computergesteuerten Lichtraster, das auf die reale Architektur des Raumes projiziert wird, erwecken sie die Wände der Installation zum Leben. Mit Hilfe eines Mikrofons tritt der Besucher in einen direkten Dialog mit dem Raum. Die vom Betrachter erzeugten Nebengeräusche irritieren die Dekonstruktion des Gebildes. Der Computer wertet die Geräusche als Störfaktor, der, laut der Kuratorin Sabine Schmid, „die digitale Zeichnung in Bewegung versetzt und den Raum schließlich zum sensiblen Organismus deklariert.“ Konkreter gesagt, der Betrachter hilft sich selbst, sein eigenes Sehsystem, durch optische Täuschung zu betrügen. Die Quadrate des Rasters ändern Größe und Fließrichtung, dadurch suggerieren sie eine Dreidimensionalität der Wände, als würden sich kleine Wandhügel auftürmen und horizontal durch den Raum fließen, wiederum nach dem Diktat der beschallenden Musik.

Wer sich gerne mal vor Ort selbst täuschen will, der bekommt nun bald wieder die Gelegenheit dazu. Die Villa Stuck lädt am 8. Juli ab 19 Uhr in ihren Künstlergarten. Als Highlight, im Rahmen der Veranstaltungsreihe RICOCHET, werden Martin Mayer und Quirin Empl eine ihrer Installationen präsentieren.

VS, 2011, Screen Shot der Simulation für die Villa Stuck
© Martin Mayer und Quirin Empl

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